Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle erscheinen keine weiteren Beiträge. Auf alle bereits erschienenen Artikel können Sie nach wie vor zugreifen.
Herzliche Grüsse, die Redaktion

Beiträge mit dem Schlagwort ‘U-16’

Das Märchen von Youssoufa Moukoko

Guido Tognoni am Freitag den 15. September 2017

Youssoufa Moukoko beim U-16-Match Österreich-Deutschland (13. September 2017). Foto: Jakob Gruber (Keystone)

Erinnert sich noch jemand an Freddy Adu? Das war jener junge Mann, der als 14-Jähriger in den USA und danach weltweit als Fussball-Wunderkind gefeiert wurde. Die Sportjournalisten überschlugen sich vor Begeisterung und kündeten Freddy Adu als neuen Pelé an. Adu, gemäss eigenen Angaben am 2. Juni 1989 in Ghana geboren, erhielt als Teenager von Nike einen bestens dotierten Ausrüstervertrag. Man hätte glauben können, der Weltfussball habe einen neuen Messias gefunden.

Der damals vermeintlich 14-Jährige Freddy Adu. Foto: Mitch Jacobson (EPA, Keystone)

Freddy Adu spielte für die USA gleichzeitig in der Nationalmannschaft U-16 und U-20 und nahm an beiden von der Fifa organisierten Weltmeisterschaften teil. Niemand fand das aussergewöhnlich. Das heisst: Niemand wagte, auszusprechen, dass da mit dem Alter etwas nicht stimmen könnte. Dabei würden 9,9 von 10 Fussballtrainern bestätigen, dass ein 16-Jähriger nicht auf Weltebene in der Auswahl der besten 20-Jährigen eine Rolle spielen kann. Aber das Märchen von Freddy Adu und die Marketing-Begleitmusik vernebelten jeden Ansatz von Kritik. Freddy Adu musste die neue Fussball-Ikone sein.

Vor 10 Jahren erhielt Adu folgerichtig einen Vertrag in Europa, von Benfica Lissabon. Was folgte, war ein einziger Abstieg, eine Ausleihe nach der anderen, und heute ist Freddy Adu mit offiziell 28 Jahren vereinslos. Als er mit Erwachsenen spielen musste, war er ohne Chance. Anders ausgedrückt: Er hatte (aus juristischen Gründen muss man sagen: vermutlich) bald einmal keinen Altersvorsprung mehr und reihte sich in die vielen afrikanischen Spieler ein, die sich mit falschen Altersangaben und dem im Jugendbereich entscheidenden biologischen Altersvorsprung eine Karriere in Europa ebnen wollten und wollen.

Es ist bizarr

Heute heisst das neue Wunderkind Youssoufa Moukoko. Seine Vorfahren lebten zu Bismarcks Zeiten sicher noch nicht in Deutschland, aber nun spielt er als Kamerun-Deutscher für Borussia Dortmund und wird als 12-Jähriger gefeiert, weil er im Juniorenbereich nach Belieben Tore erzielt. Seine Bilanz in der U-17-Bundesliga steht nach fünf Spielen bei 13 Toren. Wie gesagt, als 12-Jähriger, der sich auch in der germanischen U-16-Nationalmannschaft als Torjäger bejubeln lässt!

Es ist bizarr: Alle tun so, als ob ein 12-Jähriger in der Altersklasse U-17 eine dominierende Rolle spielen könnte. Fragen zu seinem Alter sind offenbar unschicklich. Interessant wäre, zu erfahren, was seine Mit- und Gegenspieler über ein Phänomen denken, das angeblich fünf Jahre jünger ist als sie und ihnen den Ball zwischen den Beinen durchspielt und sie im Strafraum stehen lässt.
Jeder würde Youssoufa Moukoko eine Karriere gönnen. Aber niemand darf überrascht sein, wenn sie frühzeitig endet. Wie jene von Freddy Adu, und wie jene des gefeierten Nii Lamptei, 1991 in Italien mit Ghana U-16-Weltmeister und wie Adu aus Tema stammend. Auch Lamptei machte keine aufsteigende Karriere: Anderlecht, Aston Villa, PSV Eindhoven, Coventry City, Venezia, Unión Santa Fe, Ankaragücü, União Leiria, Greuther Fürth, Shandong Luneng, Al-Nassr, Asante Kotoko and Jomo Cosmos hiessen seine Clubs.

Wer glaubt, Youssoufa Moukoko sei ein Wunderspieler, soll das glauben. Wer denkt, ein 12-Jähriger könne unter 17-Jährigen aufgrund seines aussergewöhnlichen Talents selbst international bestehen, soll so denken. Und wer sich wundert, dass sich in Deutschland fast niemand darüber wundert, wie ein 12-Jähriger auf dem Fussballplatz die Alterslücke von fünf Jahren locker überwindet, wundert sich zu Recht.