Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle erscheinen keine weiteren Beiträge. Auf alle bereits erschienenen Artikel können Sie nach wie vor zugreifen.
Herzliche Grüsse, die Redaktion

Beiträge mit dem Schlagwort ‘SC Kriens’

Abpfiff im Stadion der Sehnsucht

Oliver Kraaz am Donnerstag den 24. November 2016

Und plötzlich war alles fertig. Nach 46 Jahren. Aus, Amen. 3:1 schlägt der SC Kriens den FC Köniz. Dass Kriens kurz vor Schluss noch einen Gegentreffer kassiert hatte, war im kollektiven Bier- und Kaffeeschnaps-Nebel der Fans untergegangen. Für sie waren die letzten 90 Minuten längst zu einem lang anhaltenden Abschiednehmen von der Kultstätte geworden. Von einem Kleinstadion, das in den letzten Jahren bis ins Letzte vergammelt war und das es eigentlich gar nicht mehr geben durfte.

Groteskerweise wuchs die Zuneigung vieler Fans mit jeder rostigen Schraube noch mehr. Zugegeben gut gezählte 1944 Fans kamen so zur Derniere am vergangenen Samstag. 1944 ist übrigens das Gründungsjahr des SC Kriens. Aber so oder so sind auch die wahrscheinlicheren 1400 Zuschauer bei eisiger Affenkälte für die Promotion League eine enorme Zuschauerzahl.

Kein Wunder, denn das Kleinfeld ist ein besonderes Stadion. Ein Relikt aus einer Zeit, als man im Fussballstadion (gross und klein) nur Fussball spielen wollte. Aus einer Zeit, als Altersheime und Einkaufszentren noch in andern Gebäuden im Ort untergebracht waren. Und nicht gleich hinter dem Totomat in die Höhe ragten.

Das Tor von Uli Forte

Und was hier los war: Christian Gross verlor hier im regendurchweichten Sakko in der 91. Minute durch einen Penalty. 1997, in der NLA. Der FC Basel mit Maurizio Gaudino und Trainer Jörg Berger im selben Jahr. Dann Thun und Xamax in den 2000er-Jahren im Cup. Und einmal verlor der FC Bayern München – mit Stefan Effenberg und lauter Stammspielern – in einem Vorbereitungsturnier im Elfmeterschiessen. Einer der Torschützen für Kriens war ein gewisser Uli Forte.

So etwas kann man nicht vergessen. Will man nicht vergessen. Auch wenn die Gegner unterdessen Breitenrain, Köniz oder Brühl heissen. Das morbid-kaputte Kleinfeld stellte zusammen mit der Winterthurer Schützi und dem Aarauer Brügglifeld eine der letzten Stätten der alten Fussballkultur dar, die in den letzten Jahren noch NLA-, NLB- bzw. ChL-Luft schnupperten oder geschnuppert haben. Eine Reise aufs Kleinfeld war immer eine Zeitreise.

Jetzt ist Endstation. Es wird gebaut, bis 2018 das neue Stadion eröffnet wird. An alter Stätte. Aber ob es noch etwas mit dem Geist des alten Kleinfelds zu tun haben wird? Selten ist der Wechsel geglückt. Das Stade de Suisse ist immer noch nur die steife Halbschwester des alten Wankdorf? Und beim Letzigrund ist alles einfach nur traurig. Ja, Stadionumbauten können tödlich sein. Für die Seele eines Vereins.

Heillose Romantiker

Und diese Angst geht auch in der Krienser Fankultur um, die schon immer sehr eigen war. In die Wehmut um das alte Stadion mischt sich die Angst vor dem Neubau. Dieser sieht auf dem Reissbrett sehr kalt aus. So, wie eben Neubauten aussehen. Kommt dazu, dass das neue Stadion einen Kunstrasen haben wird. Was für viele Fans so schlimm ist wie eine Saison lang alkoholfreies Bier im Ausschank.

Das Problem ist aber erkannt. Viele Fans und ehrenamtliche Helfer des Vereins werden in die Detail-Planung miteinbezogen. Das neue Kleinfeld soll auch die Handschrift der Fans tragen. Das klingt heillos romantisch. Aber in Kriens ist man Romantiker. Dadurch hat man zwar nicht alles richtig gemacht. Dafür aber auch nicht so viel falsch wie andere.

Nestwärme in der Rehaklinik

Oliver Kraaz am Freitag den 4. März 2016

Der Schweizer Fussballverband wollte vor einigen Jahren die Challenge League fit machen und reduzierte diese von 16 auf 10 Teams. Das ging gehörig in die Hosen. Die bisherige Ausbildungsliga spuckt heute nicht zahlenmässig mehr Talente als früher aus, dafür treibt sie immer mehr Clubs in den Ruin: Der sportliche Druck ist höher, die Vorgaben für ein modernes Stadion lassen aufstöhnen. Einnahmen? Keine.

Viele Clubs strecken sich so in der Challenge League an die Decke, solange es geht. Oder bis ein Sultan aus «1001 Nacht» – ganz seriös natürlich! – Milliarden mit Fernziel Champions League in den Verein einschiesst. Milliarden, die dann komischerweise nie kommen. Kein Wunder landen immer mehr Clubs statt in der Champions League schliesslich in der Promotion League. Dann heisst es: Breitenrain statt Barcelona.

Die Promotion League ist die Rehaklinik des Schweizer Fussballs. Es tummeln sich hier Clubs mit Namen, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Traditionsvereine wie Brühl, Old Boys, YF Juventus, Etoile Carouge, Kriens und Servette. Der Fachmann sieht: Da sind sogar Ex-Schweizer-Meister drunter.

… tja, und was jetzt? Das ist die grosse Frage bei den Clubs in der Promotion League. Klar, bei den anonymen Alkoholikern ist es zwar nicht so sauglatt wie am Ballermann mit einem 10-Liter-Kübel voll Sangria unter dem Arm. Aber dafür lebt man länger. Was nicht unwesentlich ist.

Dieses Wochenende eröffnet die Promotion League mit dem Spitzenspiel SC Kriens – FC Servette. Der Vierte gegen den Zweiten. In den 90er-Jahren spielten die beiden schon in der Nationalliga A gegeneinander. Servette wurde auf diese Saison hin wegen finanziellen Kasperlitheaters zwangsrelegiert, will aber unbedingt wieder nach oben. Mit seinem Budget ist dies ohne weiteres möglich – allerdings auch ein erneutes Wiedersehen in der Promotion League in ein paar Jahren.

Der SC Kriens auf der anderen Seite stand vor kurzem als langjähriger NLB-Club und zweimaliger NLA-Club vor dem Konkurs, wurde gar in die viertklassige 1. Liga durchgereicht. Die Stimmung war vergiftet, das jahrelange Zusammenkratzen eines jeden Frankens, der Lizenzdruck-Stress hatte den familiären Club ausgesaugt. Jetzt steht der SC Kriens als Aufsteiger mit dem kleinsten Budget und der jüngsten Mannschaft in den Toprängen. Der Aufstieg wird angestrebt, muss aber nicht sein.

Das ist ein Kurswechsel. Viel mehr zählt am Fuss des Pilatus die Nähe zu den Fans. Diese sind seit der Wiederauferstehung wieder näher an den Verein herangerückt, gleichzeitig hat sich der Verein ihnen gegenüber geöffnet. Heute werden die Fans bewusst in die Gestaltung ihres Vereins miteinbezogen. Eine Fanvereinigung betreibt beispielsweise eine Stadionbeiz, die Aufstiegsfeier 2015 wurde bereits von ihr organisiert. Die Folge: Im Stadion begrüssen sich Spieler und Fans per Handschlag. Der Klimawandel zeigt Wirkung: Beim Aufstiegsspiel im Sommer waren fast 2000 Fans auf dem Kleinfeld. Ein Rekord auf weiter Flur. Pro Spiel sind es jetzt rund 600 bis 800 Fans. In der Promotion League notabene, abseits der Medien.

Woran liegts? Das altehrwürdige Stadion Kleinfeld mit dem Charme eines vergammelten bulgarischen Sportcenters bietet Nestwärme. Etwas, was dem modernen Fussball zusehends abhandenkommt: Die neuen Arenen sind zwar modern, aber klinisch-steril. Der Fan darf mit der Prepaid-Karte am Kiosk konsumieren, soll dann aber nach Spielschluss gefälligst das Stadion verlassen. Er könnte ja ein Sicherheitsrisiko sein oder die Reinigungsequipe stören. Kommt dazu, dass die – teure – Verpackung oft nicht hält, was sie verspricht. Wie bei einem schlechten Kinofilm.

Die bisher unterschätzte Promotion League und ihre Clubs könnten für einen sympathischen Kulturwandel im Fussball stehen. Für eine Basisbewegung im Spitzenfussball. In einem Spitzenfussball vielleicht mit Abstrichen, aber dafür zum Anfassen. Das ist Seelennahrung. Denn von schwindsüchtigem Fingerfood wird niemand satt. Von einer deftigen Bratwurst vom Holzkohlengrill dagegen schon.