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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Premier League’

Benennt den Profifussball um!

Thomas Kistner am Montag den 6. Februar 2017
Nachspielzeit

Die Berater verdienen kräftig mit: Der wechselwillige Dortmunder Aubameyang. Foto: Sascha Schürmann (AFP)

Immer Ärger mit den Zugvögeln: Das Wechseltheater, integraler Bestandteil des Fussballgewerbes, hält aktuell Klubs in Dortmund und London auf Trab. Bei West Ham United erzwang der Franzose Dimitri Payet seinen Transfer nach Marseille, im Ruhrgebiet erhielt Pierre-Emerick Aubameyang einen Maulkorb zu dem Thema, das er zuletzt öffentlich allzu sehr strapazierte: Ein Wechsel im Sommer nach Spanien könnte die Laufbahn des Gabuners perfekt abrunden.

Beide Profis haben Verträge, Aubameyang gar bis 2020. Was seine Aussage, er müsse jetzt mit 27 Jahren «die nächste Stufe» seiner Karriere anpeilen, als sinnfrei entlarvt: dass er zu Vertragsende in Dortmund 31 sein wird, wusste er bei Unterzeichnung.

Alles Spielchen. In der Summe zeigen sie, dass man den Profifussball in Spielerberaterfussball umbenennen sollte. Bezogen auf die Herrschaften, die hier faktisch allein das Sagen haben; die schon jeden Dorfplatz nach 13-jährigen Rohdiamanten abgrasen, um sie am Ende der Verwertungskette mit persönlichen Gewinnmargen in bis zu zweistelliger Millionenhöhe zu verhökern. Eine völlig aus der Zeit gefallene Handelsstruktur, die einen riesigen Graubereich für transnationale Milliardenflüsse schafft – und die Frage aufwirft, wie viele von denen, die so gern wehklagen über die Landplage der Fussballdealer, selbst profitieren von der Schattenwirtschaft. Auch dieses Thema taucht ja ständig auf, zuletzt dank der Enthüllungsplattform Football Leaks.

Reglementierung wäre problemlos möglich

Gäbe es ein Interesse, das Transfergeschäft halbwegs sauber, fair und transparent abzuwickeln, liesse sich das ziemlich einfach umsetzen. Der Fussball, vom Weltverband Fifa über die Nationalverbände, Ligen und Profiklubs, schreibt sich seine Regeln ja selbst. Da spricht nichts gegen eine scharfe Reglementierung der Wechselwirtschaft. Denkbar wäre etwa eine verbindliche, an Ausbildung und Vermittlungsstandards gekoppelte Lizenzierung aller Spielerberater – und deren feste Anbindung an Verbände und Ligen. So wäre ein Berater bezahlter Dienstleister des Betriebs, nicht Preistreiber im Dienste des eigenen Kontos.

Mit dem Wissen aus 50 Jahren Transfergeschäft liesse sich ein Pflichtenheft erstellen, das die Interessen der Spieler (haben die nicht sogar Gewerkschaften?) ebenso wie die der Klubs umfasst. Würde so ein lizenzierter Dienstleister mit 200’000 Euro im Jahr entlohnt, würden sich fähige Betriebswirtschaftler um den Job reissen. Und die Berater, all die Papas und Onkels, Klempner und Pizzabäcker? Die haben in einem sauberen Geschäft keine Rolle zu spielen. Sie könnten sich weiter um die private Vermögensverwaltung ihrer Klientel kümmern. Bis zum letzten Cent.

Aber das will niemand. Im Gegenteil. In Deutschland haben Verband und Liga im Vorjahr publiziert, dass die Profiklubs allein von März 2015 bis März 2016 mehr als 127 Millionen Euro an Berater zahlten. Zu viel der Transparenz – die Publikation entfällt künftig wieder, teilte die Liga kürzlich mit. Klar, die Geschäfte boomen, und seit 2010 sollen sich die Gesamtkosten aller Bundesligaklubs für Beratergagen verdoppelt haben. Besser also kein grosses Thema draus machen.

Tuchel ist der Beste

Christian Andiel am Donnerstag den 15. Dezember 2016

In der Premier League tummeln sich die angesagtesten Trainer. Und es tut sich dementsprechend einiges. José Mourinho spielt bei Manchester United längst wieder sein altbekanntes Spiel: Ich lege mich mit allen ausserhalb meiner geliebten Mannschaft an, ich benehme mich daneben, damit aller Zorn, alle Abneigung auf mich fokussiert ist. Und wenn dann die Spieler für ihn durchs Feuer gehen, kann das für kurze Zeit sogar aufgehen. Pep Guardiola ist bei Manchester City noch ungleich schneller in die Kritik geraten als in den letzten Monaten seiner Zeit bei Bayern München. Seine Art, die so selbstherrlich und besserwisserisch klingt, kommt in England noch weniger an, zudem kassiert seine Mannschaft haufenweise Gegentore. Dass er im Training keine Tacklings üben lässt, nehmen ihm die Insel-Raubeine übel. Abgesehen davon, dass das tatsächlich einer der dämlichsten Vorwürfe ist, den ich je gehört habe, abgesehen davon, dass es eher erstaunlich ist, wie weit Guardiola den verhätschelten Sauhaufen von Manchester City eigentlich schon gebracht hat – die englische Presse wird nicht so lange so schleimerisch hörig alles für Gottes Wort halten, was er von sich gibt.

Wird also spannend, mitzuverfolgen, wie es bei den beiden Manchester-Clubs weitergeht. Wie sich Jürgen Klopp bei Liverpool hält, wenn Goalie Karius weiter nicht die nötige Souveränität ausstrahlt, wenn Klopp sich noch häufiger mit bewährten Kämpen wie den Neville Brothers anlegt. Am souveränsten war bislang der Auftritt von Chelsea unter dem italienischen Temperamentbolzen Antonio Conte, der es offenbar sogar geschafft hat, den normalerweise unsäglichen Diego Costa zu bändigen und ihm seine ewigen Provokationen auszutreiben. Wie der Spanier bei West Brom den einzigen nennenswerten Fehler des Gegners ausnutzte, wie er dann den Ball im Netz versenkte – das war schlicht grossartig.


Jürgen Klopp legt sich mit den Neville Brothers an. Quelle: SportingLife/Youtube

Und doch – trotz aller tollen Geschichten rund um die Premier-League-Coaches: Am spannendsten finde ich mittlerweile Thomas Tuchel. Der hat sich in relativ kurzer Zeit eine Position erarbeitet und erredet, die vor ihm zumindest in der Bundesliga keiner innehatte. Klopp ist der geborene Rhetoriker, ein Meister des scharfen Wortes. Guardiola war der Taktik-Gott, der aber kaum einmal etwas von Bedeutung sagte, weil er lieber gar nicht redete mit Leuten, die nicht auf seinem intellektuellen Niveau sind (also eigentlich niemand). Jupp Heynckes war ein so sympathischer wie langweiliger weil stets korrekter Coach, Otto Rehhagel eigentlich gerade dem Ende entgegen ein Kasper.

Tuchel hat irgendwie von allen etwas. Wie er seine Mannschaft nach dem 1:2 in Frankfurt öffentlich zusammenfaltete, das war gegen alle Regeln der inneren Gemeinschaft eines Teams. Wie er eine Woche später, nach dem glorreichen 4:1 gegen Gladbach, sagte: Dies sei nicht das Resultat seiner Brandrede gewesen, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass er vor diesem Spiel eine komplette Trainingswoche gehabt habe mit den Spielern, ungestört von internationalen Einsätzen. Tuchel legt sich mit Kollegen an und rechnet ihnen vor, wie viele Fouls ihr Team gegen die Borussia begangen hat. Wirkt das ein bisschen nach Oberlehrer? Klar, aber was solls, die Fakten geben ihm recht.


Tuchels Brandrede nach der Niederlage in Frankfurt. Quelle: hrfernsehen/Youtube

Wenn man Interviews von Tuchel hört, Pressekonferenzen, dann spürt man die unbändige Lust, den Fussball in allen seinen Details zu sezieren, und zwar mit den Menschen, die gerade da sind. Klar, das lässt die Zeit nicht zu, aber Tuchel ist kein abgehobener Typ, er brennt vor Leidenschaft, er ist ein Taktikfuchs und Menschenversteher. Er ist noch jung, und er wird Fehler machen. Aber ich freu mich schon enorm darauf, ihm dabei zuzusehen. Und danach miterleben zu dürfen, wie er alles wieder gut und noch viel besser macht.

Mourinho – Guardiola 1:0

Christian Andiel am Donnerstag den 11. August 2016
Real Madrid's coach Jose Mourinho (R) shakes hands with Barcelona's coach Pep Guardiola before their Champions League semi-final first leg soccer match at Santiago Bernabeu stadium in Madrid April 27, 2011. REUTERS/Sergio Perez (SPAIN - Tags: SPORT SOCCER) - RTR2LOFS

Dich ignorier ich nicht einmal! Pep Guardiola (links) und José Mourinho während ihrer gemeinsamen Zeit in Spanien. Foto: Reuters

Das muss Pep Guardiola fertigmachen. Gleich das erste Duell mit seinem Intimfeind José Mourinho verliert der stolze Katalane. Knapp, aber verloren ist verloren. Dabei sah Guardiola im ersten Moment wie der Sieger aus: 190,1 Millionen Euro warf sein Club Manchester City für neue Spieler auf den Markt, und damit 5,1 Millionen mehr als Lokalrivale Manchester United. Haben die Besitzer von ManU ihren neuen Coach Mourinho also weniger lieb, ist er ihnen weniger teuer? Falsch, wie der zweite Blick aufdeckt: ManU hat keinen Cent eingenommen, also eine Transferbilanz von eben diesen 185 Millionen Euro. Manchester City aber hat die Herren Dzeko, Rulli und Lejeune für insgesamt 19,5 Millionen verkauft, damit sinkt die Transferbilanz auf jämmerliche 170,6 Millionen Euro. Es ist eine Schande, wird sich Guardiola sagen, bereut er möglicherweise schon den Wechsel zu diesen Geizkragen?

Natürlich spinnt die Premier League. Und das Transferfenster schliesst erst Ende August, man darf noch einiges erwarten, wenn Mourinho und ManU schon bereit sind, für einen Paul Pogba 105 Millionen Euro zu bezahlen: In den Jahren 2014/15 (1,2 Milliarden) und 2015/16 (1,4 Milliarden) wurde die Milliarden-Grenze überschritten, da wird man doch noch jemanden finden, mit dem man sein Team aufpeppen kann? Einen mittelmässig begabten deutschen Linksverteidiger vielleicht oder einen vielfachen Internationalen, den man als dritten Goalie engagieren kann, zur Not einen schicken Greenkeeper? Guardiola kann also weiter hoffen, dass sein Club ihm noch den einen oder anderen überteuerten Wunsch von den Augen abliest.

Aber klar ist trotzdem: Die Vorfreude auf diese Saison inmitten des englischen Wahnsinns ist riesig. Allein was sich da an Coaches bei Titelanwärtern messen: Guardiola und Mourinho, Klopp (Liverpool), Conte (Chelsea) und Wenger (Arsenal). Oder können Ranieri (Leicester) und Pochettino (Tottenham) mit weniger Mitteln, aber mehr Ideen, besserer Taktik, grösserer Leidenschaft und Teamgeist die Grossen wieder ärgern, wie es Leicester als Meister vorbildlich gezeigt hat?

Der Zirkus startet am Sonntag mit Arsenal – Liverpool, und schon am 4. Spieltag (10. September) ist High Noon: Manchester United empfängt Manchester City. Der «Guardian» witzelte schon darüber, dass Spanien fast zu klein war für die Egos von Guardiola und Mourinho, als der eine bei Barcelona, der andere bei Real arbeitete. Und nun müssen sich beide das vergleichsweise kleine Manchester teilen, quasi Tür an Tür mit dem jeweiligen Grölef (grösster lebender Feind). Man stelle sich das vor, beide kaufen gleichzeitig im selben Biomarkt ein, und Mourinho schnappt sich die letzte reife Avocado, er knurrt: «In dieser Stadt ist kein Platz für uns beide», im Hintergrund erklingt die Mundharmonika, die Sporen klirren… ach, endlich wieder Fussball!

ManU knackt die Milliardengrenze

Christian Andiel am Donnerstag den 25. Juni 2015

Manchester United mag auf eine enttäuschende jüngste Vergangenheit zurückblicken: Kein Titel in den letzten beiden Jahren, nur Rang 4 in der abgeschlossenen Meisterschaft. In wirtschaftlicher Hinsicht gelang dem Verein aus der Premier League allerdings ein gewaltiger Sprung – ManU ist der erste Club, der seinen Markenwert auf mehr als eine Milliarde Dollar steigern konnte, genau sind es 1,206 Milliarden (etwa 1,1 Milliarden Franken).

Das englische Unternehmen Brand Finance erstellt alljährlich verschiedene Statistiken zum Markenwert von Unternehmen, jüngst wurde die neueste Top-50-Rangliste im internationalen Fussball veröffentlicht. Manchester United (im Vorjahr auf Rang 3) hat im vergangenen Jahr Bayern München als Leader abgelöst, die Münchner belegen mit einem Markenwert von 933 Millionen Dollar den zweiten Platz.

Man sieht anhand dieser Entwicklung, dass der von Brand Finance ermittelte Wert nicht nur mit dem sportlichen Erfolg verbunden ist. Noch deutlicher belegt dies die Entwicklung von Barcelona: Die Spanier gewannen zwar als erster Club zum zweiten Mal das Triple aus Champions League, heimischem Cup und Meisterschaft, aber in der Markenwertrangliste rutschten die Katalanen weiter ab, neu ist Barcelona nur noch Sechster, überholt von Manchester City und Chelsea.

Beim Markenwert geht es neben Siegen und Pokalen vor allem um die Möglichkeiten der internationalen Vermarktung, der weltweiten Präsenz der Marke. «Marktwert» und «Markenwert» sind für Ökonomen nicht das Gleiche: Der Marktwert ist für die Berater von Schmid Preissler der «aktuelle Wert eines Wirtschaftsgutes». Der Markenwert hingegen umfasst ungleich mehr: «Der Wert einer Marke wird entscheidend durch ihre immateriellen Werte geprägt, die ihren Ursprung in den sieben Elementen Herkunft, Geschichte, Profil, Positionierung, Image, Bekanntheit und Schutz haben.»

Und in wirtschaftlicher Hinsicht gibt es für David Heigh, CEO von Brand Finance, einen wahren Künstler: «Ed Woodward, Finanzchef von ManU, ist der Cristiano Ronaldo der kommerziellen Bühne.» 74 Millionen Dollar zahlt Chevrolet als Trikotsponsor im Jahr, damit wurde der Betrag, den AON entrichtet hatte, verdoppelt. Deutlich wird die Diskrepanz, wenn man die Verträge von Adidas mit Bayern und ManU vergleicht: Die Deutschen bekommen knapp eine Milliarde Dollar für die nächsten 15 Jahre, das sind umgerechnet 67 Millionen im Jahr. ManU erhält vom bayrischen Sportausrüster 1,1 Milliarden – aber für 10 Jahre, und damit hat Manchester United allein aus diesem Deal Jahr für Jahr 43 Millionen Dollar mehr zur Verfügung als der FC Bayern.

Neben den Sponsoringverträgen und der einzigartigen weltweiten Präsenz half ManU der neue TV-Vertrag mit der Premier League zum Quantensprung beim Marktwert. 3,2 Milliarden bringt der Megadeal den Clubs der höchsten englischen Liga pro Jahr, das ist viermal mehr als die Bundesligaclubs zuletzt aushandeln konnten. Das erklärt auch den hohen Anteil von englischen Clubs unter den Top 50 von Brand Finance: 17 Teams haben den neuen TV-Deal genutzt, dahinter folgen neun deutsche und fünf spanische Vereine. Die extreme Euro-Zentrierung des Fussballs dokumentiert die Markenwerte-Rangliste ebenfalls: Gerade mal zwei der Top-50-Vereine sind nicht aus Europa, sie spielen in Brasilien (São Paulo als 43. und Corinthians als 48.).

Schweizer Clubs (gemeint ist in dieser Hinsicht natürlich der FC Basel) kommen in der Aufstellung nicht vor. Und der FC Bayern kann sich trotz des Rückfalls auf Rang 2 in der Rangliste trösten: Offenbar setzen die Münchner ihre vergleichsweise wenigen Mittel doch wesentlich geschickter ein.