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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Menschenrechte’

Wie der Sport mehr für Menschenrechte tun könnte

Guido Tognoni am Montag den 1. Oktober 2018

Alles klar in Katar? Gianni Infantinos Fifa könnte mehr für die Menschenrechtslage tun. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Wie seriös bei der Ausschreibung der Uefa für die EURO 2024 die Absicht tatsächlich war, auch die Menschenrechtslage einer Kandidatur zu berücksichtigen, muss im Nachhinein nicht mehr beurteilt werden. Deutschland war im Vergleich zur Türkei ohnehin die logische Wahl. Dass die Menschenrechte zumindest offiziell thematisiert wurden, ist immerhin erfreulich und lässt die Hoffnung aufkommen, dass die Uefa damit einen Markstein gesetzt hat. Die Fifa und das Internationale Olympische Komitee (IOK), um nur die beiden grössten Dachverbände zu nennen, müssen bei den kommenden Vergaben von Grossereignissen am Vorgehen der Uefa gemessen werden.

Würde die Menschenrechtslage in Kandidatenländern tatsächlich als massgebliches Kriterium berücksichtigt, wäre der Kreis möglicher Veranstalter mit einem Schlag stark eingeschränkt. Denn die Menschenrechte zu respektieren, ist in unserer Zeit für viele Länder ungleich viel schwieriger, als eine sportliche Grossveranstaltung durchzuführen. Andererseits sind es vor allem autokratisch geführte Staaten, die sich immer noch über sportliche Grossveranstaltungen zu profilieren versuchen.

Es braucht eine Kontrollfrist

Die Geschichte hat gezeigt, dass sich durch rein symbolische Akte des Sports die Menschenrechtslage in den betroffenen Ländern nicht ändert. Solange die Wirtschaft mit dem Sport nicht gleichzieht, ist der Druck auf autokratische Regimes zu wenig gross. Was vom Sport in regelmässigen Abständen gefordert wird, macht aber die Wirtschaft nicht mit. Allein schon die Huldigungen der offiziellen Schweiz gegenüber einer Wirtschaftsmacht wie China zeigen, dass der Sport mit seinen Bemühungen im bisherigen Stil allein bleiben wird.

Es gäbe allerdings eine Methode, mit welcher der Sport mit einem Schlag eine neue Ausgangslage schaffen könnte. Wenn beispielsweise die Fifa und das IOK einem Land mit problematischem Umgang mit Menschenrechten eine WM-Endrunde oder Olympische Sommerspiele nur unter der Bedingung zusprechen, dass sich die Menschenrechtslage innerhalb einer bestimmten Frist sichtbar verbessert, ansonsten die Veranstaltung dem betreffenden Land wieder entzogen würde, wären die Menschenrechte nicht ein Kriterium unter vielen, sondern das Wichtigste. Die Inspektoren müssten sich dann weniger um die Stadionbauten (Stadien-Bauen ist längst keine Hexerei mehr) als um die Verbesserung der Menschenrechte kümmern.

Die Grossen könnten einspringen

Zeit für Verbesserungen gäbe es genug. Der Zeitraum von der Vergabe bis zur Durchführung müsste von sechs auf acht oder zehn Jahre erweitert werden, die Spanne für die Verbesserung der Menschenrechtslage würde fünf oder sechs Jahre dauern. In der verbleibenden Zeit könnten Länder wie Deutschland, die USA oder Japan als Ersatzkandidaten jede Grossveranstaltung stemmen.

Es wäre interessant, zu beobachten, ob unter solchen Voraussetzungen sich ein Land wie China um die Fussball-WM 2030 bemühen würde. Und es wäre spannend, zu sehen, wie ein Regime mit dem Druck umginge. Zudem könnte sich der Sport endlich mühelos von der ohnehin unglaubwürdigen These verabschieden, Sport habe mit Politik nichts zu tun.

Ein bisschen Menschenrechte – ein netter Witz

Guido Tognoni am Montag den 21. August 2017

Die Arbeitsbedingungen der ausländischen Bauarbeiter in Katar haben international für Proteste gesorgt. Foto: Marwan Naamani (AFP)

Die Fifa, die Uefa, das IOK und andere Sportverbände sollen also in Zukunft dafür besorgt sein, dass in Ländern, in denen sportliche Grossveranstaltungen durchgeführt werden, die Menschenrechte respektiert werden. Zwar nicht so ganz, aber immerhin ein wenig, nämlich bei den Vorbereitungen und während des Sportfestivals. Auch Demonstrationen gegen die Veranstaltungen sollen erlaubt sein. Das neue Instrument zur temporären Einhaltung der Menschenrechte nennt sich stolz «Mega Sporting Events Platform for Human Rights». Das berichtet die «SonntagsZeitung» und lobt die Schweiz. Die Schweiz und die USA sind im Steuerungsausschuss vertreten, denn die Schweizer Regierung fühle sich verpflichtet, «sich der Achtung der Menschenrechte zu widmen», wie es von offizieller Seite heisst.

Das ist aber nett! So ein bisschen Menschenrechte vor, während und vielleicht sogar ein paar Tage nach dem grossen Zirkus – wie niedlich. Und was ist sonst? Was passiert, wenn die sportliche Karawane weitergezogen ist, und was geschieht in den Ländern, die sich nicht um Fussball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele bemühen? Diese neue Menschenrechtsübung ist sicher nicht schädlich, aber im Grunde genommen ist sie ein Witz. Solch eine interimsmässige Beachtung der Menschenrechte ist eine Verhöhnung dieses ernsthaften Themas. Und der Sport lässt sich, unter dem Druck des einseitigen, aber erfolgreichen Politmarketings durch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mehr oder weniger freiwillig für Alibiübungen einspannen. Es ist für die NGOs einfach, mit dem Fussball als Trittbrett auf Katar einzuprügeln und beispielsweise Saudiarabien beiseitezulassen. Dabei ist die Lage namentlich für Frauen in Katar ungleich entspannter als etwa im benachbarten Saudiarabien, wo – nebst anderen mittelalterlichen Vorschriften – die Frauen nicht einmal ans Steuer eines Autos gelassen werden.

Kritik an die falsche Adresse

Es sind nicht die Sportverbände, welche mit den Arbeitern in Katar, Russland oder China Verträge abschliessen und die Arbeiter ausbeuten. Es sind international tätige Grossunternehmen, die sich um die lukrativen Aufträge reissen, die bei den sogenannten Mega-Events anfallen. Und diese Konzerne könnten sich, wenn sie nur wollten, darum kümmern, wie es den von lokalen Subunternehmen eingesetzten Arbeitern ergeht. Die Gewinne der Sportverbände hängen in keiner Weise von der Behandlung der Arbeiter ab, die Profite der ausländischen und inländischen Vertragsfirmen hingegen schon. Aber es ist natürlich viel spektakulärer und auch einfacher, die internationalen Sportverbände zu kritisieren als schwer fassbare Industrieunternehmen.

Die neue Menschenrechtsorganisation klingt gut. Aber sie hat einen verführerisch falschen Ansatz. Denn «Mega Sporting Events» werden unter den gegebenen Voraussetzungen sicher keine dauerhafte Verbesserung der Menschenrechtslage herbeiführen. Der richtige Titel müsste heissen «Mega Industrial Events». Nur das wäre weitreichend und glaubwürdig. Ob in einem solchen Fall die Amerikaner auch noch dabei wären, ist eine andere Frage. Nicht wegen «America First», der neuen Losung der Vereinigten Staaten unter Donald Trump. Sondern wegen «Business First», dem obersten Grundsatz jenes Landes, das die Gewohnheit hat, als Weltmacht weltweit Zensuren zu erteilen und Vorschriften zu erlassen, die grundsätzlich in erster Linie für andere Länder gelten.