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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kommunikation’

Flüstertaktik und Schreitherapie

Guido Tognoni am Montag den 2. Oktober 2017

Mit der Hand vor dem Mund: Real-Coach Zinedine Zidane (r.) bespricht sich mit Cristiano Ronaldo. Foto: Javier Lopes (Keystone)

Wenn Martina Hingis ihre meist erfolgreichen Doppel spielt und sich mit dem Partner oder der Partnerin abspricht, geschieht das im Verborgenen. Beide Gesprächspartner halten ihre Hand vor den Mund, wenn sie darüber reden, wohin der nächste Aufschlag platziert wird. Offensichtlich haben sie Angst vor Lippenlesern. Da im Sport bekanntlich alles versucht wird, um zum Erfolg zu kommen, gehört diese Massnahme gewissermassen zur Abwehr von Werkspionage. Es könnte ja sein, dass da ein Lippenleser in der ersten Reihe sitzt, von Martinas ungeschütztem Mund die Taktik für den nächsten Ball abliest, blitzschnell die Informationen verwertet und diese gleich dem Coaching-Team der Gegner übermittelt, welches dann per Zeichensprache das gegnerische Doppel
informiert. Und das alles in 30 Sekunden. Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass die Aufschlags- und Aufstellungscodes ab Bildschirm abgelesen werden, grösser ist, denn im Fernsehen sieht man die Gesichter näher als im Stadion. Das würde die Vermittlung der geheimen Botschaft allerdings nicht einfacher machen.

So viel zum theoretischen Ablauf, der in der Praxis allerdings nicht umzusetzen ist. Offensichtlich haben die Fussballer beim Tennis abgeschaut, denn nun sieht man das gleiche Prozedere auch bei Ronaldo und Kollegen. Der Ball liegt bei 18 Metern für den Schuss bereit, und während in den Rängen die Zuschauer toben, halten sich die Fussballer die Hand vor den Mund und besprechen den Freistoss. Als ob es möglich wäre, innerhalb einer Minute – so lange kann es dauern, bis der Ball endlich wieder im Spiel ist – Ronaldos Taktik von den Lippen zu lesen, den gegnerischen Betreuern auf der Bank zu vermitteln und dann irgendwie in die Mauer im Strafraum zu senden, wo sich die Spieler nervös auf die Füsse treten und die Ellenbogen in Rücken und Mägen stossen. Diese Vorstellung ist genauso abwegig wie die Befürchtung, dass die 9 Meter entfernten Abwehrspieler mitbekommen könnten, was Cavani dem Neymar zuflüstert (falls die beiden wieder miteinander reden).

Die handverdeckten Dialoge sind umso absurder, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig an der Seitenlinie ein Trainer wie Diego Simeone von Atletico Madrid pausenlos gestikuliert und aufs Feld brüllt. Die Anweisungen der Coachs wären viel wichtiger und können zudem von der gegnerischen Bank auf der anderen Seite der Mittellinie besser aufgenommen werden als von den eigenen Spielern, welche die Notrufe von jenen Trainern, die zur Führung der Mannschaft die Schreitherapie anwenden, ohnehin kaum wahrnehmen.

Was Jogi Löw mit «gut spielen» wirklich meint

Blog-Redaktion am Donnerstag den 15. Juni 2017

Das Siegerlächeln des Weltmeisters: Joachim Löw vor dem Confed-Cup. Foto: Sven Hoppe (Keystone)

Es wird uns in den kommenden Wochen nicht nur der Fussball fehlen, sondern auch die Geschichten drum herum. Die fundamentalen Antworten der Trainer auf fundamentale Fragen der Journalisten. Das philosophisch Tiefgründige und Grundsätzliche, das uns in seiner Evidenz erschlägt und gegen dessen klare Aussage es kein Gegenargument gibt.

Es wird uns der ultimative Titel des «Tages-Anzeigers» fehlen: «Forte will gewinnen», das offene Bekenntnis des Hoffenheim-Trainers Julian Nagelsmann: «Ich verliere nicht gerne.» Es fehlt uns auch die intellektuell kaum fassbare taktische Einsicht des Juventus-Trainers Massimiliano Allegri nach dem verlorenen Endspiel der Champions League gegen Real Madrid: «Wir wollten in Führung gehen.» Und nicht zuletzt die geradezu überirdische Offenbarung des österreichischen Nationaltrainers Marcel Koller nach dem Unentschieden gegen Irland: «Wir wollten das Spiel gewinnen.»

Alle wollen gewinnen – wie langweilig!

Sakrament, wer hätte das gedacht! Alle Fussballtrainer sind vom Willen beseelt, Spiele zu gewinnen. Und dies seit über 100 Jahren. Eigentlich schon fast verdächtig, wenn alle gleich denken. Ausser vielleicht der Nationaltrainer von Gibraltar, der eine der schlechtesten Mannschaften der Welt zu dirigieren versucht. Von ihm ist nicht viel überliefert, aber wir gehen kaum fehl in der Annahme, dass er innerlich vor jedem Spiel ein Stossgebet zum Himmel schickt, damit seine Mannschaft nicht zweistellig verliert.

Alle wollen gewinnen – wie langweilig. Aber wir lesen sie dennoch gerne, die tiefsinnigen Trainersprüche, wir saugen sie auf, die wunderbaren, porentiefen Bekenntnisse, jeden Tag, jede Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, immer das Gleiche, immer wieder und wieder. Und wir sind voll auf Entzug, wenn wir im Sommer und Winter einige Wochen nicht regelmässig lesen dürfen, dass der Trainer, der die elf Besten zusammenstellen soll, auch wirklich gewinnen will. Und nach dem verlorenen Spiel, das er nicht absichtlich verloren hat, sondern gewinnen wollte.

Eine kleine Überbrückung bildet der aktuelle Confederations Cup. Deutschlands Coach Joachim Löw, der spricht wie ein Diplomat, will «natürlich gut Fussball spielen». Für Deutschland und Löw kann «gut Fussball spielen» einzig eine leicht untertriebene Umschreibung für gewinnen sein. Auch wenn der Weltmeister, zum Ärger der Veranstalter, nur mit einer B-Auswahl zur WM-Hauptprobe geflogen ist.

Terror, Zlatan Ibrahimovic und der Flug der Hummel

Florian Raz am Donnerstag den 19. November 2015
Er wars! Zlatan Ibrahimovic darf auch im Sommer 2015 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Er wars! Zlatan Ibrahimovic darf auch im Sommer 2015 im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. (Keystone)

Nein, das ist kein guter Einstieg in einen Blogbeitrag. Der Textbeginn müsste sofort klarmachen, dass Sie auf den folgenden Zeilen etwas total Wichtiges erwartet. Sonst sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser, weg in null Komma nichts. Gerade jetzt, da in Echtzeit mitverfolgt werden kann, ob in Saint-Denis gerade wieder Jagd auf Terrorverdächtige gemacht wird.

Wenn aber gerade Selbstmordattentäter und Kriegsgeheule die Nachrichten liefern, ist es verdammt schwierig, ausgerechnet einen Fussball-Blog als unverzichtbare Lektüre zu verkaufen. Natürlich, Fussballspiele sind derzeit gerade en vogue als Ziel terroristischer Anschläge. Sport war schon immer gefährdet, von Extremisten in Geiselhaft genommen zu werden. Sei es offiziell wie bei den Nazi-Spielen 1936 in Berlin. Oder durch Anschläge wie in München 1972.

Kein zusätzliches halb gares Geschreibsel

Die Frage ist berechtigt, ob es sinnvoll war, die Partie Deutschland gegen Holland im Vorfeld trotzig zum Symbol zu erklären. Andererseits erkannte der Philosoph Hermann Lübbe schon nach den Anschlägen des 11. September 20o1 in der «Basler Zeitung»: «Wir können ja nicht mit der Normalität des Lebens aufhören – auch schon allein deshalb, weil wir gar keine Einwirkungsmöglichkeiten darauf haben, wie sich das Ganze weltpolitisch entwickeln wird.»

Darum hier nicht noch ein zusätzliches halb gares Geschreibsel über die Attentate von Paris. Welchen neuen Gedanken gäbe es dazu noch zu verfassen? Viele intelligente und mindestens ebenso viele weniger intelligente Menschen haben uns schon ihre Schlussfolgerungen mitgeteilt oder aufgedrängt. Stattdessen also ein Fussball-Blogbeitrag.

Denn die Normalität des Lebens, sie hat am Dienstag tatsächlich bereits wieder stattgefunden. In den letzten Barrage-Spielen zur Europameisterschaft zum Beispiel, in denen Teams darum spielten, im kommenden Sommer nach Frankreich reisen zu dürfen, wo der Staatschef soeben einen Krieg ausgerufen hat. Aber lassen wir das. Schauen wir lieber diesen Freistoss an:

Womit ich an der Stelle wäre, an der ich Michel Platini danken möchte. Immerhin hat er erst ermöglicht, dass wir auf weitere Geniestreiche von Zlatan Ibrahimovic hoffen dürfen. Dieser Ibrahimovic soll ja in seiner Jugend in der schwedischen Banlieue-Nachahmung Rosengård nicht immer den Eindruck einer reibungslosen Integration in die westlich-bürgerliche Gesellschaft hinterlassen haben. Noch heute gefällt sich der Secondo in der Rolle des Enfant terrible.

Aber Platini hat ihm ja auch nicht bei der Integration in die Gesellschaft geholfen. So, wie es keine Berichte gibt, dass er mit seinem Beratersalär von zwei Millionen Franken, das er von Fifa-Präsident Sepp Blatter eingesteckt hat, ein Jugendzentrum in einer französischen Banlieue unterstützt hätte. Warum sollte er auch? Integriert hat er Ibrahimovic, indem er die EM auf 128 Teilnehmer aufgeblasen hat. Moment … Nein, es sind doch bloss 24. Bei 54 Bewerbern – Andorra, San Marino und Gibraltar mit eingerechnet.

Das reichte, damit sogar die Schweden in Frankreich dabei sind. Obwohl sie selbst mit Ibrahimovic und dem GC-Helden Kim Källström in den eigenen Reihen in ihrer Gruppe hinter Österreich und Russland bloss Rang drei belegt haben. Der Rest des schwedischen Teams muss also eine ziemliche Hummeltruppe sein, wie in meinem Dialekt eine unterdurchschnittlich talentierte Mannschaft genannt wird. (Kennen Sie andere schöne Ausdrücke?)

30 Sekunden für den Flug der Hummel

Und nun zur Musik, die Sie vielleicht gleich zu Beginn Ihrer Lektüre dieses Beitrags gehört haben. Es ist Sergei Rachmaninow, der den Flug der Hummel von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow interpretiert. Ich schlage vor, dass Sie sich jetzt knapp eine halbe Minute Zeit nehmen, hier unten erst noch einmal den Hummelflug starten, anschliessend sogleich das Video von Zlatans Zauberschuss.

Lassen Sie das Zusammenspiel von Musik und Flugbahn auf sich wirken. Denken Sie daran, dass Aerodynamiker 1930 ausgerechnet haben, dass eine Hummel eigentlich viel zu fett ist für ihre kleinen Flügel und darum gar nicht fliegen kann. Stellen Sie sich jene Hummeln vor, die davon völlig unbeeindruckt auf über 5000 Metern über Meer am Mount Everest herumsausen, was sie zu den am höchsten fliegenden Insekten der Erde macht. Und staunen Sie, dass erst 1996 mathematisch bewiesen wurde, dass die Hummel doch fliegen kann (Wirbel sind das Stichwort).

Und damit zurück in den News-Strom von Terror und Antiterror.

Wie sag ichs meinem Spieler?

Guido Tognoni am Dienstag den 31. März 2015
Vladimir Petkovic im Training mit der Nati in Rapperswil-Jona. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Vladimir Petkovic im Training mit der Nati in Rapperswil-Jona. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Noch nie war Kommunikation so häufig und einfach wie heute. Briefpost erhält man dieser Tage zwar nur noch vom Steueramt und von der Polizei, aber anstelle des frankierten Couverts gibt es unzählige andere Varianten, um sich mitzuteilen: Telefon, SMS, E-Mail, Skype und zahlreiche weitere elektronische Dienste, davon viele kostenlos. Wer also das direkte Gespräch vermeiden möchte, hat genügend andere Möglichkeiten. Alle sind als persönliche Botschaften mittlerweile ausreichend akzeptiert, um dem Absender nicht gleich Feigheit vor dem Adressaten zu unterstellen.

Petkovic müsste kein Kommunikationsgenie sein, aber ... Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Petkovic müsste kein Kommunikationsgenie sein, aber … Foto: Keystone

Rund um die Fussball-Nationalmannschaft gibt es dennoch Mitteilungsprobleme. Bundesligaspieler Tranquillo Barnetta gab sich via Medien empört darüber, dass er im Internet vom ausgebliebenen Aufgebot für den Schlager gegen Estland erfahren musste, und Pirmin Schwegler, auch er in der Bundesliga, war wegen des gleichen Sachverhalts derart betupft, dass er gleich seinen Verzicht auf die Nationalmannschaft bekannt gab – zumindest solange Vladimir Petkovic Trainer bleibt.

Man kann über die Reaktion dieser Spieler geteilter Meinung sein. Ob sie als mimosenhaftes Verhalten betrachtet werden soll oder ob ein Fussballprofi Anspruch auf eine individuelle Absage seines Coachs erheben darf, ist letztlich Geschmackssache. Überflüssig und dem Mannschaftsgeist in keiner Weise förderlich sind solche Diskussionen alleweil. Sie wären leicht zu vermeiden, wenn minimale Mitteilungsformen zum Pflichtenheft eines Nationalcoachs gehören würden. Um eine manierliche Absage durchzugeben, muss man kein Kommunikationsgenie sein. Und an Zeitmangel kann eine solche Formalität sicher auch nicht scheitern, selbst wenn das Arbeitsprogramm eines Nationalcoachs im Schnitt den Besuch von einem oder zwei Spielen pro Woche umfasst.