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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Fans’

900 Franken fürs Einlaufen mit den Stars

Guido Tognoni am Montag den 7. Januar 2019
Nachspielzeit

Ein teures Geschenk: Kinder mit Spielern von Tottenham Hotspur und West Ham United vor einem Match im Januar 2018. Foto: Getty Images

Es sieht niedlich aus, wenn Knaben und Mädchen Hand in Hand mit den Fussballstars unserer Zeit auf den Rasen laufen. Es ist auch wirklich ein sympathischer Akt, dass vor dem Anpfiff Kinder die Gelegenheit erhalten, direkten Kontakt mit dem grossen Fussball zu erhalten. Man kann leicht darüber hinwegsehen, dass es sich bei diesem mittlerweile zur guten Gewohnheit gewordenen gemeinsamen Betreten des Rasens auch um eine wohldosierte Werbeaktion der Ausrüster handelt. Das einmalige Erlebnis der Kinder soll über kritischen Hintergedanken stehen.

Das britische Staatsfernsehen BBC hat mit einer Recherche nun allerdings die Idylle zerstört: 11 von 20 Mannschaften verlangen für dieses Einlaufen gewissermassen Kindergeld. Everton vor West Ham und Leicester lautet die unrühmliche Tabellenspitze, wobei Everton für den Einmarsch auf Kinderbeinen 718 Pfund –  rund 900 Franken – verlangt. Dieses Geld soll für einen wohltätigen Zweck verwendet werden. Dass ein Erinnerungsfoto, eine Eintrittskarte, ein Autogramm und die Fussballausrüstung dazugehören, macht die Sache nicht besser, zumal Hose, Hemd und Schuhe ohnehin vom Ausrüster zur Verfügung gestellt werden.

Swansea hat nach dem Abstieg das Kindergeld reduziert, würde aber in der Premier League immer noch zur unrühmlichen Spitze zählen. West Ham liess sich zudem einfallen, dass der Preis bei Spielen gegen die besten sechs der Rangliste erhöht wird. Gibt es noch mehr Raffgier?

Zur kleinen Ehrenrettung des Fussballs muss immerhin erwähnt werden, dass die beiden Topvereine aus Manchester sowie Arsenal, Chelsea und Liverpool auf dieses hässliche Sondergeld verzichten. Das tun auch Fulham, Huddersfield, Newcastle und Southampton.

Liebe Fussballfans: Hinhören und lernen!

Florian Raz am Donnerstag den 27. Oktober 2016
Fans of San Lorenzo cheer before the First Division Argentine championship soccer match against Estudiantes in Buenos Aires December 1, 2013. REUTERS/Enrique Marcarian (ARGENTINA - Tags: SPORT SOCCER) - RTX160FS

So geht Fussball: Fans von San Lorenzo in Argentinien. Foto: Reuters

Kürzlich war ich per Zufall in einem englischen Fussballstadion. Es spielte Arsenal gegen Basel. Okay, es war kein Zufall, es war Arbeit. Und weil es Arbeit war, genoss ich die angenehm ruhige Atmosphäre. Das Heimteam spielte zwar prächtig, und an die 60’000 Zuschauer waren auch gekommen. Aber ausser im völligen Notfall (Tor Arsenal) war es im Emirates in etwa so laut wie in einem Schweizer Pendlerzug, in den sich vielleicht ein, zwei dieser penetrant gut gelaunten Wanderrentner geschmuggelt haben.

Ruhig ist es geworden in den englischen Stadien. Was mit den Ticketpreisen und dem entsprechenden Wandel der Zuschauerschaft zu tun hat. Wer mit der Tube zu jener Champions-League-Partie fuhr, der hatte nicht das Gefühl, an einen Match zu gehen. Eher wirkte es wie die Fahrt zum Nordlondoner Businesslunch der mittleren und höheren Kadermitglieder finanztechnischer Beratungsfirmen.

Adoleszente Bengalo-Fetischisten

So still ist es inzwischen, dass der «Guardian» letzthin befunden hat, die auf der Insel meist bloss als Ansammlung adoleszenter Bengalo-Fetischisten wahrgenommene Ultra-Bewegung könnte dem Betrieb guttun: In der Premier League sei im Zuge der Hooliganbekämpfung «eine Art Angst vor Atmosphäre» festzustellen. Dem kann nur zustimmen, wer sieht, wie die Ordner im Emirates alle, die bei einer Chance aufstehen, sofort wieder auf ihre Schalensitze zurückbefehlen: «Sit, Sir, sit!»

Und damit zu einem Video, das mir nach jenem leicht antiseptischen Erlebnis das Herz gewärmt hat. Auftritt der Fans des Clubs Atlético San Lorenzo de Almagro, eines Clubs aus der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Ein Club? Ach was! DER Club von Papst Franziskus (Mitgliedernummer 88’235). Es wird dargeboten die (wahrscheinlich) neuste Ode an den Club. Schliesslich ist das Lied mit der Originalmelodie erst im Frühjahr 2016 erschienen.

Jetzt: Ton aufdrehen. Und ja, die singen wirklich die ganzen sieben Minuten des Videos durch – und wahrscheinlich noch etwas länger:

Und weil Sie sicher gerne mitsingen wollen, hier der Text.

Vamos San Lorenzo, que hoy hay que ganar
Como todos los años, te vengo a alentar
Nos dicen enfermos, que le voy a hacer
Mi único remedio, es volverte a ver

Donde vas, siempre voy con vos,
Vayas bien o mal, a tu lado estoy,
Ciclon, nunca lo van a entender
Siempre te voy a querer

Ponga huevo matador, esta tarde no podes perder
La banda te va a acompañar, esta es la gloriosa Butteler…

Es geht, wie so üblich, um ewige Treue und so. Eine fast krankhafte Liebe, die andere nicht verstehen. Sie werden das mit Google Translate schnell verstehen. Ciclon, das ist ein Kosename des Clubs (Zyklon). Und Butteler ist der Name des Quartiers und der Fankurve (analog Südkurve, Muttenzerkurve etc.).

Ja, da kann so manches Stadion dieser Welt stimmungsmässig einpacken. Nicht bloss das Emirates.

Besser als das Original?

Und wenn Sie sich fragen, wo die Butteler denn diese lüpfige Melodie herhat: Sie stammt vom Lied «Duele el corazon» (Es schmerzt das Herz) von Enrique Iglesias, einer laut Wikipedia dem Reggeaton verpflichteten Komposition.

Mir gefallen die Argentinier irgendwie besser.

Dynamoooööö, Dynamoooöö!

Alexander Kühn am Freitag den 16. Oktober 2015


Geschichte eines Traditionsvereins: Die SG Dynamo Dresden im Beitrag der ZDF-«Sportreportage». (Video: ZDF/Youtube)

Liebe SG Dynamo Dresden,

247 (in Worten: zweihundertsiebenundvierzig) Niederlagen hast du mir allein in Ligaspielen angetan, seit ich mich im Sommer 1991 auf einer Fährfahrt nach Holland entschied, dein Fan zu werden. Aus Mitleid übrigens, weil ich mir dachte, dass sich sonst niemand für den einzigen Proficlub mit sozialistischem Namen erwärmen würde. Ich habe im Rahmen grösserer Wutanfälle Orangen an die Wohnzimmerwand geschleudert, mit der Faust auf scharfkantige Sitzschalen geschlagen und gegnerischen Spieler lauthals zwei Kreuzbandrisse aufs Mal gewünscht, wenn sie es wagten, ein Tor gegen dich zu schiessen.

Ich weiss, dass sich solches Benehmen nicht ziemt, aber Verliebte benehmen sich nun einmal merkwürdig. Und wenn man denn jenseits von Beziehungen zwischen Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau verliebt sein kann, dann in einen Fussballclub. Lieben tu ich dich, verehrte SG Dynamo, vor allem, weil du nicht so stromlinienförmig bist wie die Bayern oder der FC Barcelona, weil du keine Spieler beschäftigst, die ihre Louis-Vuitton-Täschchen in Ferraris (womöglich weissen!) spazieren fahren, weil dein Vereinslied ein peinlicher DDR-Schlager ist und weil die meisten deiner Fans deinen Namen mit einem so schönen sächsischen Mix aus o und ö am Schluss aussprechen.

Inzwischen hast du auch wieder das Publikum, das du verdienst. Und wer dich besucht, bekommt die wohl leidenschaftlichste Verehrung Europas zu spüren. Dein Stadion zittert, vibriert und dröhnt. Dynamoooööö! Dynamoooööö! Dynamoooööö! Dass es nur 3. Liga ist – wen kümmerts?

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«Love Dynamo, hate racism»: Niklas Kreuzer, Aias Aosman, Sinan Tekerci und Justin Eilers (v.l.) stellen die Trikots vor, die am Samstag im Spiel gegen Cottbus zum Einsatz kommen. Bild: Dynamo Dresden

Und jetzt was ganz Ernstes: Die Rechten und die Gewalttäter, die sich zum Glück fast nur noch bei Auswärtsspielen mit deinem Logo schmücken, haben dir grossen Schaden zugefügt. Deshalb bist du gut beraten, ihnen auch weiter ganz klar zu demonstrieren, dass für ihresgleichen bei dir kein Platz mehr ist. Ich habe nämlich gar keine Lust, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich dich unterstütze.

Ich habe mich schon einige Male geschämt in fremden Stadien, wenn Hohlköpfe mit Glatzen und Bomberjacken in deinem Namen irgendetwas kaputtschlagen mussten oder Affengeräusche von sich gaben, wenn ein generischer Spieler aus Afrika oder weiss der Teufel woher am Ball war. Zwar hat jeder Gegner das Recht, beschimpft zu werden, aber bitte nicht wegen seines Aussehens oder seiner Herkunft.

In dieser Saison gibts jedoch gar keinen Grund zum Schimpfen. Alles läuft geradezu unfassbar glatt. Fast erkenne ich dich nicht mehr, geliebter Lieblingsclub, König der dummen Niederlage! Zehn Siege in zwölf Meisterschaftsspielen! Zwölf Punkte Vorsprung auf Platz 3, der nicht mehr zum direkten Aufstieg berechtigt! Ein Zuschauerschnitt von rund 28’000! Liebesbekundungen von Presse und Fernsehen! Geradezu kitschig ist das.

Fehlt nur, dass noch ein grosser Sponsor bei dir einsteigen will und diese überbezahlten Louis-Vuitton-Täschchen-Fussballer dann auch dein Trikot tragen. Sollte also ein Investor bei dir anklopfen, sag ihm, er möge sich sein Geld sonst wohin stecken. Wir, die Dynamo-Fans, freuen uns nämlich vor allem deshalb über deine kürzeren oder längeren Höhenflüge, weil wir wissen, dass sie sich entgegen der Logik des modernen Fussballs ereignen.

Wenn du also am Samstag im Livespiel gegen Energie Cottbus deine erste Saisonniederlage beziehen solltest, würde das wohl die eine oder andere Orange das Leben kosten, meiner Liebe zu dir aber nichts anhaben. Selbst wenn du den Aufstieg trotz dieses grandiosen Saisonstarts noch versemmeln solltest, wäre ich dir nicht wirklich böse. Immerhin käme ich dann auch nächstes Jahr noch umsonst in den Genuss von Liveübertragungen deiner Spiele. Und wenn erst einmal angepfiffen ist, kümmerts mich nicht mehr, um welche Liga und um welchen Gegner es sich handelt. Neben dir, grosse SG Dynamo, ist jeder andere Verein sowieso ein Pappverein.

In tiefer Verehrung,

Alexander Kühn, dein erster Schweizer Fan

Böse Buben fahren ab auf die Tütschibahn

Florian Raz am Dienstag den 18. August 2015
Die FCZ-Fans in Tramelan. So etwas wie eine Schulreise leicht aufgedrehter Jugendlicher.

So etwas wie eine Schulreise leicht aufgedrehter Jugendlicher: Die FCZ-Fans in Tramelan. Fotos: Keystone

Es ist Sonntag, kurz nach fünf in der 4000-Einwohner-Gemeinde Tramelan BE. Oberhalb der zwei Gleise des Bahnhofs sitzt die Dorfjugend, deren Vergnügungsmöglichkeiten vor Ort überschaubar scheinen. Unten stehen die Anhänger des FC Zürich und der Extrazug der Chemin de Fer du Jura, der die Zürcher nach dem Cupspiel beim FC Tavannes/Tramelan nach Tavannes transportieren soll, wo auf die SBB umgestiegen wird. Die meisten Zürcher sitzen im Zug, der Rest hängt auf den Perrons. Die Stimmung ist träge, der 6:1-Sieg des FCZ und das Bier haben ihre einlullende Wirkung entfaltet.

Die «Fête des Saisons», Traumziel der FCZ-Fans.

Die Fête des Saisons, Traumziel der FCZ-Fans.

Doch dann kommt plötzlich Bewegung in die Fans. Es nähert sich der fahrplanmässige Zug nach Tavannes, und schnell ist klar: Er fährt früher als der Extrazug. Und in Tavannes, das wissen die FCZler von der Hinreise, da lockt eine Chilbi! Mit Autoscooter! (Putschauto, Tütschibahn, Tätschäutele, suchen Sie sich was aus.) Wen würde das nicht aus seiner Lethargie reissen?

«Alle raus!», ertönt der Ruf aus dem Extrazug. «Wir nehmen den!» Damit ist der normale Zug nach Tavannes gemeint. Jetzt wird es leicht hektisch. Zu hektisch für den bern-jurassischen Polizisten auf Gleis 1, der seiner Postur nach der Chef seiner Einheit ist. FCZ-Fans, die sich ausserhalb der vorgegebenen Route bewegen? Man weiss ja, wie das ausgeht. Der Blick des Einsatzleiters lässt vermuten, in welche Richtung seine Gedanken gehen: Tumult, Krawall, Pyros, zerstörte Kleinstädte. Okay, Letzteres noch nicht. Aber ist nicht immer irgendwann das erste Mal?

«Nein, ihr bleibt alle da drin!» Der Polizist wirft seine ganze natürliche Autorität in die Waagschale. Eigentlich schade, dass ihn niemand beachtet. Die jungen Männer und Frauen mit ihren «Südkurve»-Pullis sind viel zu sehr damit beschäftigt, jenen Gruppeneffekt zu überwinden, den alle kennen, die mal mit mehr als vier Leuten in einer fremden Stadt ein Restaurant gesucht haben. Sollen wir dahin? Sollen wir dorthin? Mir doch egal usw., etc., pp.

Jetzt wirft der Polizist einen Blick auf seine Leute. Es sind vielleicht fünf, sechs seiner Mitarbeiter am Bahnhof zu sehen. Möglich, dass irgendwo noch mehr stehen. Aber was sollen sie ausrichten gegen einen ganzen Extrazug mit Zürcher Fans? Und ausserdem: Sieht das Ganze wirklich gefährlich aus? Der Einsatzleiter entscheidet blitzschnell, dass jetzt der Moment ist, um nichts zu tun. Und es passiert auf der Gegenseite – auch nichts. Ein paar FCZler wechseln den Zug, ein paar bleiben sitzen.

Wer jetzt im normalen Zug nach Tavannes sitzt, der erlebt die Südkurve-Fans, die durchaus gerne mal die grossen Macker markieren, als eine Art Klassenfahrt leicht aufgedrehter Teens und Twens. Das Durchschnittsalter liegt bei vielleicht 21, 22 Jahren, die Gesprächsthemen sind: Kurven-Klatsch, der Job und – Fischknusperli, die auch in den meisten Schweizer Restaurants an Seeufern aus Skandinavien stammen sollen.

Natürlich, es ist spürbar, dass es einigen gefällt, wenn ihr Auftritt in der Masse von den «Zivilisten» scheue Blicke erntet. Aber bevor sie in den Zug kommen, drücken sie noch schnell ihre Zigaretten aus. Weil: Man spielt vielleicht gerne manchmal die bösen Buben aber in der Schweiz wird im Zug nicht geraucht. Ist ja klar.

Bei der Ankunft in Tavannes hat die Polizei bereits das Perron abgesperrt, als die Chilbi-begeisterten Zürcher aus dem Zug stürmen. «Vous allez où?» «Autoscooter!» «Où?!?» «Autoscooter!!» Es ist der zweite Moment, in dem ein Einsatzleiter instinktiv entscheidet, dass da keine Gefahr im Verzug ist.

Wer weiss? Möglicherweise hätte ein aggressiveres Auftreten der Polizei einen Funken entzündet. Und vielleicht wäre die Stimmung unter den Zürcher Fans aufgeladener gewesen, hätte ihr Team ein schlechtes Spiel abgeliefert. Aber an diesem Abend waren da bloss ein paar übermütige Jugendliche, zwei vernünftige Einsatzleiter und eine Chilbi.

Mit Nöggi auf FCB-Jagd

David Wiederkehr am Dienstag den 11. August 2015
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Nöggi alias Bruno Stöckli auf dem Cover seiner Single «Ich bin halt wie’n ich bin». Foto: PD.

Kennen Sie Nöggi? Diesen – doch, doch! – Sänger? Schmissige Songs mit Titeln wie «Ich bi verliebt in Züri» oder «Hörndli und Ghackets» sind sein Programm, und mit «I bin en Italiano» hat er sich sogar einmal in die Schweizer Hitparade verirrt. «Chum e bitzeli abe, oder söll i ufekho?» Italiano Nöggi heisst mit richtigem Namen Bruno Stöckli und wird bald 69. Einst war eine runde Postur sein Markenzeichen, heute grüsst er schlank von seiner Website.

Und Nöggi, deswegen stehen diese Zeilen an dieser Stelle, ist GC-Fan. Auf seinen Club hat er vor vielen Jahren eine Hymne geschrieben. «Nume GC» heisst sie, nur GC, die Rekordmeister-Optik dringt durch: «Nume GC günnt de Match.» Sie wird im Letzigrund nach jedem GC-Sieg gespielt, nach dem 6:1 seiner Lieblinge in Blau-Weiss am Samstag gegen Lugano natürlich erst recht. Und die euphorisierten Fans haben mitgeschunkelt. «Die andere bueched au emal es Fass – aber s’nützt ne nüüt


Nöggis GC-Lied in voller Länge. Quelle: Youtube.

«Nume GC» ist momentan auch das Motto der Super League. Denn «nume GC» vermag dem FC Basel wenigstens halbwegs zu folgen. Der Serienmeister hat in der Sommerpause fast das halbe Kader und den Trainer ausgetauscht, ist auf der Suche nach Krethi und Plethi in Holland, Italien, Dänemark und sogar Australien fündig geworden – und hat trotzdem so selbstverständlich einen makellosen Start hingelegt, wie wohl nur er das schaffen kann. Währenddessen die Konkurrenz, YB und der FCZ, als erste Amtshandlung in der neuen Saison den Trainer gewechselt hat. So viel Naivität zum Ende der vergangenen Saison musste schon sein. Jetzt haben immerhin die Interimsbesen gut gekehrt.

«Nume GC» aber hat nach vier Spielen mehr als halb so viele Punkte aufzuweisen wie der FCB. Und fast fünfmal so viele wie vor einem Jahr. Dass der Club ausgerechnet jetzt einen Höhenflug erlebt, ist doch bemerkenswert. Geschäftsführer Manuel Huber muss sparen und will das im Unterschied zu früheren Geschäftsführern tatsächlich auch tun. Weshalb auf der Bank fast ausnahmslos Spieler sitzen, die kaum die Autoprüfung bestanden haben. Gut, Kim Källström hat er sich geleistet, den 32-Jährigen, der mit nichts weniger als einem Dreijahresvertrag aus Moskau hergelockt werden konnte. Aber sonst?

Doch wenn nun auch noch Munas Dabbur geht und GC in Richtung Palermo verlässt – wer sorgt dann weiter für den Höhenflug? Nöggi hätte wenigstens auch für diesen Fall an die Adresse von Huber ein Lied parat: «Denn bruuchsch halt öpper …»

Serienmeister FC Basel: Es ist wie mit der Sonne

Florian Raz am Donnerstag den 21. Mai 2015
FUSSBALL, SUPER LEAGUE, NATIONALLIGA A, NLA, LNA, MEISTERSCHAFT, SAISON 2014/15,  FCB, FC BASEL, FC BASEL 1893, BSC YOUNG BOYS, YB,

Barfüsserplatz, 17. Mai 2015. Das Bild könnte natürlich auch aus dem Mai 2014, 2013, 2012, 2011 oder 2010 stammen.

Der FC Basel stand rein rechnerisch noch gar nicht als Meister 2015 fest, als mir, sozusagen als Basler Vertreter auf einer Zürcher Redaktion, eine Idee für einen Artikel angetragen wurde. Es wäre doch schön, wenn prominente Baslerinnen und Basler im «Tages-Anzeiger» erzählen würden, wie langweilig es sei, dass der FCB die Liga schon wieder gewinne. Ja, musste ich zugeben, das wäre in der Tat schön. Also, für den Tagi. Für die bekannten (und auch für weniger bekannte) Basler wohl eher weniger, ausser sie wollten die Anzahl ihrer Facebook-Freunde sowieso markant reduzieren.

Ausserdem verkennt der Wunsch nach gelangweilten Baslerinnen die Realität. Es entspricht schlicht dem Basler Selbstverständnis, Meister zu werden. Es ist wie mit der Sonne: Mal geht sie etwas früher auf, mal etwas später. Im Schnitt aber erscheint sie jeden Tag – ohne dass das jemand langweilig fände. So ist es in Basel mit dem Fussball: Der FCB wird mal etwas früher Meister, mal etwas später, im Schnitt aber wird er Meister.

Das mag den Geruch von Routine haben. Aber Langeweile? Das ist etwas für die Menschen in der restlichen Schweiz. In Basel hält man seit fünf Jahren einen Zuschauerschnitt von 29’000 und führt Diskussionen darüber, welche Meisterfeier die bessere sei: die spontane nach jenem Spiel, in dem der Titel gesichert wird – oder doch die offizielle nach der Pokalübergabe? Ganz unter uns: Die spontane Meisterfeier ist natürlich weitaus lustiger.

Es war übrigens nicht immer so, dass der Basler unabhängig von der sportlichen Spannung ins Stadion gepilgert ist. 1973 gewann der Club zwar seinen fünften Meistertitel in sieben Jahren, trotzdem kamen 35 Prozent weniger Fans als 1972 ins Joggeli. Die «Basler Nachrichten» berichteten von einer «gewissen Sattheit».

Der Unterschied zu damals: Heute schreibt der FCB seine eigenen Geschichten, die die Fans unterhalten. Ganz unabhängig davon, welche anderen neun Clubs gerade die Liga füllen, um ihm den nächsten Titelgewinn zu ermöglichen: Siege über englische Top-Clubs (Liverpool), Ikonen, die ein Jahr vor Vertragsende zurücktreten (Streller), Trainerentlassungen nach Meistertiteln (Yakin), japanische Nationalspieler, die höchstens auf der Tribüne Platz nehmen dürfen (Kakitani), Millionentransfers zu Weltclubs (Salah), ehemalige Champions-League-Sieger, die in erster Linie im Cup gegen Erstligisten eingesetzt werden (Samuel), argentinische Fussballromantiker, die um der alten Liebe willen verpflichtet werden (Delgado), Nachwuchsspieler, die man gesehen haben muss, ehe sie später mit Bayern (Shaqiri) oder Barcelona (Rakitic) um den Gewinn der Champions League spielen.

So dreht sich der FCB fröhlich um sich selbst. Und passt damit ganz gut zur Stadt, die sich sowieso gerne mit sich selber beschäftigt, ohne sich dabei im Geringsten langweilig vorzukommen.

P.S. Sollten Sie Baslerin oder Basler sein (gerne prominent) und sich über die vielen Meistertitel des FCB langweilen: Ich freue mich über ihre Zuschrift auf florian.raz@tamedia.ch

Und sie wollen Fans sein

Thomas Schifferle am Dienstag den 24. Februar 2015
Ein blutender Feyenoord-Anhänger wird am Nachmittag vor dem Roma-Spiel in der Nähe der Spanischen Treppe in Rom abgeführt. Foto: Yara Nardi (Reuters)

«Wilde Tiere, Kriminelle»: Ein Feyenoord-Anhänger wird am Nachmittag vor dem Roma-Spiel in der Nähe der Spanischen Treppe in Rom abgeführt. Foto: Yara Nardi (Reuters)

Es sollte eigentlich eine normale Fussballwoche im Februar sein. Was daraus wurde, ist beschämend.

  • Samstag, der 14.: In Mönchengladbach stürmen rund 30 Kölner Ultras den Platz, vermummt und in weisse Ganzkörperanzüge gekleidet. Gladbachs Sportdirektor Max Eberl vergleicht sie mit «wilden Tieren»; für den führenden CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sind Typen, die Bengalos zünden und auf einen Platz rennen, «keine Fans, sondern Kriminelle». Der 1. FC Köln schliesst einen Fanclub namens Boyz umgehend aus.
  • Sonntag, der 15.: Luzerner Fans treiben einen Gesinnungsgenossen vor sich her, der sich als orthodoxer Jude verkleidet hat. Die jüdische Gemeinde ist entsetzt, der St. Galler Staatsanwalt Thomas Hansjakob erklärt den Vorfall erstaunlicherweise zum Fasnachtsscherz.
  • Dienstag, der 17.: Paris Saint-Germain und Chelsea bestreiten den ersten Achtelfinal in der Champions League. Nicht ihr 1:1 gibt danach tagelang zu reden, sondern ein kurzes Video aus der Metrostation Richelieu-Drouot: Eine kleinere Gruppe von Chelsea-Hooligans verweigert einem farbigen Franzosen den Zutritt zur Bahn und grölt: «Wir sind Rassisten, und so lieben wir es.» Ihnen drohen laut französischem Recht bis zu drei Jahre Gefängnis oder 50’000 Franken Busse. In einem Radiointerview behauptet ein Engländer, der dabei war: «Der Wagen war voll. Es war eine Art von Selbstverteidigung. Die Presse hat das alles nur aufgeblasen. Wie immer.»
  • Donnerstag, der 19.: Vor dem Europa-League-Spiel bei der AS Roma wütet der aus Rotterdam angereiste Feyenoord-Mob und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Auf 8 Millionen Euro wird der Sachschaden an Gebäuden, Denkmälern oder Autos geschätzt. 25 Hooligans haben Bussen von bis zu 45’000 Euro erhalten, einzelne sollen, so der «Corriere della Sera», den Betrag gleich bezahlt haben.
  • Samstag, der 21.: Die Polizei stoppt FCZ-Fans auf dem Weg zum Derby, weil sie wiederholt illegales Feuerwerk zündeten. Die Konfrontation ist heftig und dauert Stunden. Im Stadion übt die Südkurve den Protest und räumt ihre Plätze. Für die Vorfälle macht sie die Polizei verantwortlich. Es hätte auch überrascht, wenn sie eine klügere Version abgegeben hätte.

Eigentlich sollte es nur ums Spiel gehen. Diese eine Woche hat wieder einmal nur eine tiefe Fassungslosigkeit darüber hinterlassen, was Typen anrichten, die «wenig im Hirn» haben. Auch das sagt Gladbachs Eberl.

Die Vorfälle sind nicht zu vergleichen. Im Schlepptau von Chelsea und Feyenoord wüteten Hooligans, in Mönchengladbach und Zürich standen die Ultras im Mittelpunkt – die also, die vorgeben, das Fansein erfunden zu haben, die das Gefühl haben, der Fussball würde ohne sie nicht existieren, die sich wichtiger nehmen als das Spiel selbst.

In Hannover hat sich Präsident Martin Kind gegen einen Teil der Ultras zu Wehr gesetzt. Er nimmt damit in Kauf, dass sie deshalb nicht mehr zu den Spielen kommen und die Stimmung im Stadion weniger euphorisch ist. Er tut das, weil er ihre Gewaltexzesse nicht toleriert. In Köln ist das Stadion auch eine Woche nach dem Gladbacher Vorfall ausverkauft. Die Stimmung ist «angenehm», sagt Trainer Peter Stöger. Es muss ein Stich ins Herz der Ultras sein, die glauben, ohne sie sei auf den Tribünen nichts los.

Der «Kölner Stadt-Anzeiger» kommentiert:

«Entgegen anders lautender Beteuerung gewinnt der Fussball im Stadion, wenn das ununterbrochene Geschrei und der unabhängig vom Spielverlauf hochinszenierte Dauer-Support (kurz: «Stimmung») aus den Ultra-Ecken plötzlich fehlen. Das Spiel findet im Gegenteil zu sich selbst zurück. Wenn es langweilig wird auf dem Platz, verstummt es auf den Rängen; wenn es hitzig wird, reagiert das Publikum angemessen erregt und vor allem im Takt und in Entsprechung mit den Ereignissen auf dem Platz; wenn der Gegner drückt, werden die Nervosität und das Kribbeln der Leute im Stadion spürbar; und wenn ein Tor fällt, entlädt sich der Jubel authentisch und ohne die Vorgabe von Leuten, die – das darf man nicht vergessen – mit dem Rücken zum Spielfeld Sprechchöre, Klatschrhythmen und Lieder vorgeben und so ihren Irrtum zelebrieren, relevanter Teil des Ganzen zu sein. Wer aber vertritt die Interessen derer, denen das einfach nur auf die Nerven geht? Und die – das muss man sich mal vorstellen! – einfach nur ins Stadion gehen, um Fussball zu gucken?»

Genau aus diesem Grund stört es auch nicht, wenn im Letzigrund die Südkurve leer bleibt wie am Samstag beim Derby.