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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Egoismus’

Der Rüpel hat immer recht

Christian Andiel am Dienstag den 22. März 2016

Wenn Sion-Präsident Christian Constantin schon nicht die ganze Welt erobern kann, will er wenigstens dem Schweizer Fussball jeden Anstand rauben (das Foto entstand bei der Sion-Gala im Februar 2015). Foto: Keystone

Wo ist der Trainer, der einen Spieler nach einer ungeahndeten «Schwalbe» vom Feld nimmt und den Wechsel genau damit begründet, dass er dieses unsportliche Verhalten in seinem Team nicht duldet? Noch besser wäre es, den Spieler dann zusätzlich intern für ein halbes Jahr zu suspendieren.

Wo ist der Sportdirektor des Clubs, der seinen Trainer nicht schützt, sondern kritisiert, wenn er sich offensichtlich daneben benimmt? Wenn er sich also zum Beispiel weigert, auf die Tribüne zu gehen, weil er vom Schiedsrichter dazu aufgefordert wird? Man darf dem Angestellten dann ruhig auch eine Abmahnung erteilen.

Leverkusens Trainer Roger Schmidt legt sich mit dem vierten Offiziellen an. Später sollte er in dieser Partie gegen Dortmund auf die Tribüne, weigerte sich aber und provozierte damit eine Spielunterbrechung. Foto: Keystone

Wo ist der Verband, der einen Clubpräsidenten so hart wie möglich bestraft, wenn er eine Art Kopfgeld auf einen Schiedsrichter aussetzt, ihn nach einem Fehler wegen Betrugs anzeigen will? Am besten zieht man dem Verein empfindlich viele Punkte ab, im Wiederholungsfall wird zwangsrelegiert.

Ach so… diese Strafen sind zu hart, und dann treffen sie auch noch die Falschen … hm, ist natürlich blöd. Aber wer ist denn der Richtige?

Klar, der Schiedsrichter. Wer keine Lobby hat, ist eine arme Sau. Wer aber im Millionenspiel der Suche nach dem eigenen Vorteil den Job hat, die Regeln einzuhalten, der hat keine Lobby. Der darf keinen Fehler machen, selbst wenn man ihn erst in der zehnten Super-Zeitlupe sieht. Der ist höchstens der Hofnarr, der zwar auch dafür angestellt ist, um die bittere Wahrheit zu sagen – der aber halt auch immer Gefahr läuft, geköpft zu werden. (Nicht dass wir hier Christian Constantin auf dumme Gedanken bringen.)

Renato Steffen hingegen, der öffentlich erklärt hat, dass eine «Schwalbe» nicht nur korrekt, sondern dem Erfolg des Teams sogar geschuldet sei, darf weiterspielen. Wo ist also jetzt der Clubpräsident, der den Spieler rauswirft und sich vor den Schiedsrichter stellt, so wie er sonst so gerne die prügelnden Fans seines Clubs verteidigt, weil sie doch Hundertschaften von Einzelfällen sind, die vielleicht noch eine schwierige Jugend hatten?

Fussball verroht nicht wegen mehr Fouls oder zu hartem Einsteigen beim Zweikampf. Fussball verroht, weil der Eigennutz über allem steht, weil rüpelhafte, betrügerische Mittel den Zweck heiligen. Dass das ein Abbild der Gesellschaft ist, stimmt, machts aber nicht besser.


Die «Schwalbe» von YB-Spieler Miralem Sulejmani (die entscheidende Szene ab Minute 3:05). Aber war Sulejmani hinterher der Böse? Nein, natürlich der Schiedsrichter. Quelle: SRF/Youtube

Bleibt noch die Frage: Haben die Blatters, Hoeness’, Platinis und bin Hammams den Fussball nach ihrem Abbild, Denken und ihren moralischen Grundsätzen gestaltet? Sind also die Miralem Sulejmanis und Steffens nur die Vollstrecker all dieses niederträchtigen Lügens, Betrügens und Verarschens aller anderen? Oder verwandelt der Fussball mit seinem Geld, seiner Macht, seiner weltweiten Faszination an und für sich integre Menschen in rücksichtslose Ego-Maschinen und charakterlose Haderlumpen?

Haben wir noch rasch Zeit für das Thema Rudelbildung? Gut, denn wo bleibt der Schiedsrichter, der sich diese Missachtung allen Anstands nicht gefallen lässt und dann halt in einer Partie mal sechs Spieler vom Platz schickt?

Wir werden darauf lange warten müssen. Auf Sky hat Deutschlands einstiger Vorzeige-Schiedsrichter Markus Merk letzthin nach einem Fehlentscheid fast schon vorwurfsvoll gesagt, die betroffene Mannschaft habe schliesslich nicht reklamiert … Steffen, Merk, Sulejmani, Constantin… nur der Rüpel hat im Fussball recht.

FIFA referee Markus Merk pauses before receiving the ethics award of sports of Germany's catholic sports organisation Deutsche Jugend-Kraft (DJK) from Cardinal Karl Lehmann during a ceremony in Mainz June 29, 2007. Merk is honoured for his efforts as soccer referee and his social engagement. REUTERS/Alex Grimm (GERMANY) - RTR1R9TC

Aufruf zur Rudelbildung: Markus Merk war mal Schiedsrichter, jetzt ist er TV-Experte (eine Aufnahme von 2007). Foto: Reuters