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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Afrika’

Die Fifa-Millionen sinnvoller einsetzen

Guido Tognoni am Donnerstag den 22. November 2018
Nachspielzeit

Die Fifa sollte nicht nur in Fussball, sondern auch in Bildung investieren: Jugendliche in Abidjan, Elfenbeinküste. Foto: Getty Images

Wie viel Geld braucht die Fifa? 3 Milliarden, 4, 5 oder 6 Milliarden über vier Jahre, wie heute? Oder braucht sie für irgendwelche Zwecke 25 Milliarden, die gemäss einem fast geheimen Plan Fifa-Präsident Gianni Infantino und eine immer noch halbwegs geheime Investorengruppe einwerfen wollen? Wann ist genug – falls es das Wort genug im Sport überhaupt gibt?

Ein Vergleich: Für die WM 1986, also noch nicht sehr lange her, erhielt die Fifa für die Weltrechte vom Fernsehen 49 Millionen Franken plus eine zweistellige Millionenzahl aus der Werbung. Dazu gab es als Bettmümpfeli vom US-amerikanischen Markt noch 400’000 Dollar. Die Fifa flog mit rund 30 Angestellten in der ersten Klasse nach Mexiko und lieferte klaglos die WM-Endrunde ab. Alle waren zufrieden, die Mexikaner, die teilnehmenden Verbände, die Fifa selbst natürlich auch. Und das Fernsehen strahlte die 52 Spiele weltweit für die Zuschauer kostenlos aus.

Heute kann der Fifa-Präsident nach einem WM-Zyklus rund 100-mal mehr, nämlich 6 Milliarden, verteilen, was bei vernünftiger Geschäftsführung ein Grund für weitere anhaltende Zufriedenheit sein müsste. Dem ist allerdings nicht so. Die Gier nach Geld ist im Fussball grenzenlos geworden, offensichtlich nicht nur bei Spielern und Clubs, sondern auch bei einigen Funktionären.

Die Fifa könnte mehr sein als nur Fussball

Nur: Was passiert eigentlich mit dem Geld? Die Zeiten, da etwa junge Afrikaner noch lernen mussten, wie man einen Ball stoppt, sind seit Jahrzehnten vorbei, aber im Gegensatz zum Geldschub ist der Entwicklungsschub ausgeblieben. Die präsidialen Geldsegen von Sepp Blatter und Gianni Infantino haben auf Verbandsebene in Afrika und Asien wenig bis nichts bewirkt. Jeder Verband hat zwar inzwischen einen mit Fifa-Geldern gespiesenen schönen Sitz, aber die Nationalmannschaften machen seit langem keine Fortschritte mehr.

Wie bei der traditionellen Entwicklungshilfe drängt sich die Frage auf, wie effizient die gleichmässig verschenkten Fifa-Millionen verwendet werden. Oder anders gefragt: Ist die fussballerische Entwicklungshilfe der Fifa, für die jeweiligen Präsidenten nicht zuletzt auch ein Wahlkampfinstrument, nicht längst überholt? Warum verbindet die Fifa mit dem vielen Geld nicht Fussball mit schulischer oder mit beruflicher Ausbildung? Das wäre jene Form von sozialer Verantwortung, der sich die Fifa zwischendurch rühmt.

Viele Verbände brauchen das Geld der Fifa nicht. Dafür könnte die Fifa in anderen Verbänden viel mehr sein als nur Fussball. Und einen besseren Ansporn, als über den Fussball zu einer guten Ausbildung zu gelangen, gibt es für Kinder und Jugendliche nicht, zumal heute der Mädchenfussball die gleiche Rolle ausüben kann wie der Knabenfussball.

Die Fifa braucht nicht mehr Geld für noch mehr Wettbewerbe. Was die Fifa braucht, sind neue Ideen, um das bereits vorhandene viele Geld sinnvoller einzusetzen.

Wo Fussballstadien noch willkommen sind

Guido Tognoni am Samstag den 13. Mai 2017
Nachspielzeit

Die Frage des Schattenwurfs stand hier nicht zur Debatte: Das Soccer City Stadium in Johannesburg, wo das Eröffnungs- und das Finalspiel der WM 2010 ausgetragen wurden. Foto: Keystone

Grosse Bauten werfen ihre Schatten voraus. Zumindest in Zürich. Die Tatsache, dass die Grasshopper-Fussballer ihre Heimspiele immer noch als Strafexpeditionen in den Letzigrund bestreiten müssen, hat auch mit Schatten zu tun: Wegen des verhinderten Neubaus des Hardturmstadions erlangte der Begriff Schattenwurf zumindest regionale Bedeutung. Zürich musste lernen, dass der jahrhundertelang gewährte ungestörte Sonnenschein gewissermassen als Menschenrecht ersessen werden kann. Das neue Stadion hätte einigen Nachbarn nicht etwa Schatten gespendet, sondern einige Stunden Sonne weggenommen. Das reichte, um das Projekt zu Fall zu bringen. Interessant wäre der Ausgang der Diskussionen gewesen, wenn nicht ein Stadion, sondern etwa eine Alterssiedlung einen solchen Schatten geworfen hätte.

Das Wort Schattenwurf dürfte ausserhalb Zürichs und geschulter Architektenzirkel nirgendwo ein Begriff sein. Schon gar nicht in Afrika. Afrika ist bekanntlich immer noch ein leidender Kontinent. Es gibt zwar Leute, die in diesem oder jenem Land wirtschaftliche Fortschritte erkennen können, aber im Vergleich etwa zu Asien ist Afrika fast hoffnungslos im Rückstand. Nur im Fussball drang Afrika druckvoll nach vorne, dies allerdings weniger auf dem Rasen als vielmehr in der Sportpolitik. Ohne die afrikanischen Delegierten zu hätscheln, wird seit 1974, als João Havelange seine 24 Jahre dauernde Alleinherrschaft antrat, keiner Fifa-Präsident. Das wusste auch Sepp Blatter, und das lernte natürlich ebenso schnell Gianni Infantino.

Lieber Stadien als Spitäler

Wie wichtig der Fussball in Afrika ist, zeigt sich auch auf einer ganz anderen Ebene. Wenn ein Investor kommt und in Afrika nach Geschäftsfeldern sucht, glaubt er vorerst an zahlreiche Möglichkeiten: Rohstoffe aller Art, Verkehrswege auf Schiene, Strasse oder dem Luftweg, Kommunikation, Landwirtschaft und nicht zuletzt auch medizinische Versorgung. Nicht jedes Investment ist in Afrika willkommen, denn einzelne Länder sind – etwa für den Abbau von Erdöl oder im Fernmeldewesen – bereits grossflächig vergeben. Und bei vielen Projekten verliert der Investor bald einmal Lust und Geduld, herauszufinden, wer was bei wem und wie viel verdienen will.

Schnell kommt man nur in einer Richtung voran: Wer ein Stadion verspricht, kann offene Türen einrennen. Nicht Spitäler, Fabriken, Farmen, Strassen und Brücken stehen in Afrika auf der Bedürfnisliste der Machthaber zuoberst, sondern Fussballstadien. Da leuchten die Augen. Wobei einzuräumen ist, dass Fussballstadien mancherorts auch für politische Manifestationen verwendet werden. Immerhin. In der Schweiz sind Stadionbauten grundsätzlich umstritten. In Afrika grundsätzlich willkommen. Und zum Schatten, ob geworfen oder ganz einfach vorhanden, hat in ganz Afrika niemand ein gestörtes Verhältnis.