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Rodriguez fliegt: Der Betrug als Option

David Wiederkehr am Mittwoch den 7. Februar 2018

Roberto Rodriguez vom FCZ (Mitte) versuchte es am Sonntag gegen den FC Thun mit einer Schwalbe (siehe Video unten) – und reklamierte sogar noch, als ihn der Schiedsrichter dafür bestrafte. Foto: Keystone, Walter Bieri

Was ist schlimmer als eine Schwalbe? Ein Fussballer, der nach einer Schwalbe auch noch reklamiert.

Zum Beispiel: Roberto Rodriguez. Der Mittelfeldspieler des FC Zürich legte sich im Heimspiel am letzten Sonntag gegen den FC Thun auf besonders perfide Art und Weise hin, ohne jede gegnerische Berührung, einfach so – statt ein Tor zu erzielen, wollte er den Penalty schinden. Ging zum Glück schief: Schiedsrichter Urs Schnyder bestrafte ihn mit einer Verwarnung. Noch unverständlicher, dass Rodriguez diesen Entscheid kaum begreifen mochte.


Die Schwalbe von Roberto Rodriguez im Heimspiel gegen Thun. Video: SRF

Nicht immer sind die Unparteiischen so aufmerksam wie der junge Schnyder. Am gleichen Wochenende spürte in der Premier League Tottenhams Starstürmer Harry Kane in der Schlussphase der Partie gegen Liverpool das Flugwetter – und wurde mit einem Penaltypfiff belohnt. Die Quittung für das unsportliche Verhalten stellte sich Kane dann jedoch gleich selbst aus: Er verschoss den Elfmeter (okay, später avancierte er mit einem zum 2:2 verwandelten weiteren Penalty doch noch zum späten Tottenham-Helden). Liverpools Verteidiger Virgil Van Dijk schäumte nach dem Spiel: «Er ist ein Schwalbenkönig.»

Schwalben entscheiden Spiele

Schwalben sind ein Übel im Fussball und ein Phänomen, das es in dieser Häufigkeit in keiner anderen Sportart gibt. Warum sie nicht auszurotten sind? Weil Schwalben noch immer als Kavaliersdelikt gelten. Eine Gelbe Karte, maximal – mehr haben die Sünder nicht zu befürchten –, und das auch erst seit 1999. Zu gewinnen dafür umso mehr: einen Penalty, vielleicht sogar eine Rote Karte für den Gegner, Schwalben entscheiden Spiele. «Ich habe mich für die Schwalbe entschieden», sagte einst Albion Avdijaj, der GC-Stürmer, nachdem ihn 2015 als Spieler des FC Vaduz die Fernsehbilder enttarnt hatten. Betrug ist unter Fussballern eine Option.


Als sich Albion Avdijaj für eine Schwalbe entschied. Video: SRF

Schwalbenkönige müssen also mehr geächtet werden. Und genau darauf arbeitet die Fan-Initiative «Stop Diving» hin. Das Projekt aus England hat ein Manifest erstellt und will damit nicht nur Fans erreichen, sondern auch aktive Spieler. Die Kernbotschaft: «Wie Athleten in jeder anderen Sportart gehen Fussballer an ihre Leistungsgrenze, um erfolgreich zu sein. Sie trainieren, sie opfern sich auf. Aber nur im Fussball wird auch unehrlich gespielt. Fussball ist der einzige Sport, in dem Unehrlichkeit akzeptiert ist, manchmal sogar belohnt wird.»

Mit ihrer Petition hat sich «Stop Diving» zum Ziel gesetzt, dass schon «die WM 2018 in Russland ganz ohne Schwalben auskommt». Ganz im Gegensatz zur Endrunde 2014 in Brasilien, bei der Arjen Robben im Achtelfinal der Holländer gegen Mexiko eine der spektakulärsten Schwalben in jüngerer Vergangenheit aufführte. Ach, überhaupt: Robben.

Auf der Webseite von «Stop Diving» kann jeder unterschreiben, der solche Unsportlichkeiten vom Fussballplatz verbannt sehen will. Ausserdem werden Interessierte animiert, ihre Lieblingsfussballer mit dem Ansinnen in den sozialen Medien zu kontaktieren und ebenfalls mitzumachen. Der Hashtag: #stopdiving.


Die unsportliche Aktion von Harry Kane gegen Liverpool. Video: Youtube

Längerfristig regt «Stop Diving» an, eine Datenbank mit Schwalben zu initiieren. So liesse sich dokumentieren, welche Ligen besonders anfällig sind, welche Nationalitäten, welche Spieler auf welchen Positionen. Ist dieser Datensatz erst gross genug, sei die Fussballgemeinde sensibilisiert – und sind es auch die Schiedsrichter. «Und dann können die Verantwortlichen konkrete Massnahmen einleiten», hofft die Fan-Initiative.

Bereits aktiv geworden ist die Premier League: Seit dieser Saison können Schwalben nachträglich mit Spielsperren sanktioniert werden, wenn sie einen Penalty oder Platzverweis zur Folge hatten. Müssen aber nicht: Der englische Fussballverband FA sah davon ab, gegen den Nationalspieler ein Verfahren einzuleiten.

Noch schlimmer: Kanes Trainer bei Tottenham, Mauricio Pochettino, rechtfertigte die Schwalbe seines Torjägers auch noch. Der Argentinier sagte, dem Vernehmen nach bei vollem Bewusstsein: «Im Fussball geht es nun einmal darum, den Gegner auszutricksen. Vor 20 oder 30 Jahren hätten wir alle einem Spieler gratuliert, wenn er den Schiedsrichter so übertölpelt.»

Ein Club auf Kollisionskurs

David Wiederkehr am Donnerstag den 17. Dezember 2015
Gertjan Verbeek bei einem Spiel in Alkmaar. (Reuters)

«Arschlöcher seid ihr»: Trainer Gertjan Verbeeks zur «Bild»-Zeitung. (Reuters)

Tore werden mit dem Fuss erzielt oder mit dem Kopf. Mit dem Hintern manchmal, und Diego Maradona darf auch mit der Hand. Mit dem Rückgrat hingegen sieht man selten einen treffen.

Das ist schade. Gerade in diesen Tagen, da das Bosman-Urteil 20jähriges Jubiläum feiert. Der Belgier Jean-Marc Bosman war es, der in einem beispiellosen Gerichtsfall 1995 dafür gesorgt hat, dass mit Abschaffung der Ablösesummen nach Vertragsende künftige Fussballergenerationen Milliarden und Abermilliarden einstreichen dürfen. Dank der Grossverdiener erhielt er dafür nie: Bosman ist vereinsamt und verarmt, im «Kicker» sagte er vor wenigen Tagen: «Wissen Sie, wie viel ich derzeit verdiene? Null Euro.» Währenddessen fliegt ein Club wie Bayern München für sein Trainingslager in Staaten wie Katar oder Saudiarabien. Show und Mammon triumphieren über Moral und Gewissen.

Es gibt sie aber, die Ausnahmen. Als sich in der Bundesliga die «Bild»-Zeitung mit einer Hilfsaktion für Flüchtlinge zu profilieren suchte, ausgerechnet jene Publikation also, die sich ansonsten eher als rechtsorientierte Hetzpostille einen Namen macht, da verweigerten zehn Zweitligisten die Zusammenarbeit. Neben dem grundsätzlich andersgestrickten FC St. Pauli auch der VfL Bochum. Und er tat es mit Wonne.

Zu erklären ist dies mit der innigen Feindschaft, die den Traditionsclub aus dem Ruhrpott mit der Zeitung verbindet, die sich als oberste Instanz des deutschen Fussballs betrachtet. Schon vor fünf Jahren hatte sich der damalige Bochum-Trainer Heiko Herrlich dazu entschlossen, der mächtigen «Bild» die Stirn zu bieten. Während einer Pressekonferenz sagte er: «Nö, ich möchte nicht bei euch in der Zeitung stehen. Euch gegenüber bleibe ich aufrichtig.»

Heiko Herrlich platzt der Kragen. (Youtube/liga1.tv)

Wie sich jetzt zeigte, war aber auch der Boykott vor drei Monaten noch nicht die Spitze der Eskalation. Zum endgültigen Bruch kam es am Montag bei einer weiteren Pressekonferenz vor dem gestrigen DFB-Pokalspiel gegen 1860 München. Bevor diese begann, erklärte VfL-Pressesprecher Jens Fricke: «Sowohl Sportvorstand als auch Cheftrainer haben sich dazu entschieden, keine Fragen der «Bild»-Zeitung mehr zu beantworten.» Später präzisierte Fricke zwar, der Boykott gelte nur für den Hauskorrespondenten Joachim Droll, dessen Arbeitsweise seit Jahren ein Ärgernis sei – andere Journalisten der «Bild» dürften durchaus Fragen stellen.

Pressekonferenz vor der Partie 1860 München – Vfl Bochum 1848. (Youtube/VfL Bochum 1848)

Ob sie Trainer Gertjan Verbeek allerdings beantworten wird, ist eine andere Sache. Der Holländer hält nichts von der «Bild» und macht daraus kein Geheimnis, schon bei seinem früheren Verein, dem 1. FC Nürnberg, legte sich der Holländer mit deren Journalisten an. Zum Eklat kam es nun Ende September, als Verbeek dem anwesenden Droll vorwarf, dass die Zeitung stets zwei Parteien gegeneinander ausspiele – unter anderem eben Flüchtlinge. Und dass sie lüge. Sein Kürzestresümee: «Arschlöcher seid ihr.» Der Club entschuldigte sich hinterher – für die Wortwahl: «In der Sache hat Gertjan Verbeek vollkommen recht.»

Finger weg! Anstand her!

David Wiederkehr am Dienstag den 15. September 2015
Nachspielzeit

Respektlos: Dario Lezcanos Schiedsrichter-Attacke. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Sehr wahrscheinlich hat Dario Lezcano Glück und am nächsten Wochenende frei. Es bliebe ihm der Ausflug nach Neuenburg erspart, wo sein FC Luzern im Cup auf Xamax trifft und eine eher unangenehme Aufgabe zu lösen hat.

Die Chancen auf ein paar freie Tage (oder Wochen oder Monate) sind gross. Nach seinem Platzverweis gegen GC, der Tätlichkeit gegen Schiedsrichter Fedayi San, könnte ihn die Disziplinarkommission der Swiss Football League (DK) bereits heute provisorisch sperren und anschliessend über weitere Sanktionen befinden. Der Disziplinarrichter leitete den Fall gestern zügig weiter und ebnete so den Weg für eine angemessene Bestrafung des rabiaten Paraguayers: Im Gegensatz zum Einzelrichter kann die DK mehr als vier Spielsperren aussprechen.

Dass Lezcano bereits Pläne für ein allfälliges freies Wochenende hat, ist unwahrscheinlich, aber man möchte ihm dringend raten, in den nächsten Wochen nach England zu reisen. Dort könnte er sich ein Spiel der Rugby-WM ansehen, die am Freitag beginnt, und vielleicht fiele ihm etwas auf. Ihm, der es für angebracht hielt, den Schiedsrichter anzugreifen und ihn, Stirn an Stirn, mit einem Stoss gegen die Brust wegzuschubsen. Ihm, dem ganz offensichtlich der Respekt vor der Arbeit der Unparteiischen fehlt. Und – Emotionen hin oder her – der Anstand.

Rugby-Spieler sind Kleiderschränke in Sportleruniform und mit grösseren Kragenweiten als der filigrane Luzern-Stürmer. In doppeltem Sinn: Rugby-Spielern käme es nicht in den Sinn, gegen den Schiedsrichter tätlich zu werden – obschon sie ihn körperlich überragen. Rugby mag gewaltreich sein, eine Schlacht, in der kein Spieler die Konfrontation scheut. Aber: nur die Konfrontation mit dem Gegenspieler. In Artikel 6.A.5 der Spielregeln heisst es: «Alle Spieler müssen die Autorität des Schiedsrichters respektieren. Sie dürfen seine Entscheidungen nicht anzweifeln.» Das ungeschriebene Gesetz dazu lautet: «Don’t touch the ref», Finger weg vom Schiedsrichter.

«Halb so schlimm» war die Aktion für Markus Babbel, Lezcanos Trainer. So zitierte ihn der «Blick». Zwar sagte der Deutsche auch, dass er die Tat nicht gutheisse, aber er zeigte doch Verständnis: Schliesslich «kriegt Dario Woche für Woche auf die Hölzer». Gerade so, als passiere das weltweit nur ihm.

Aber bei Babbel genügt ja ohnehin, zu zitieren, wie er selber von Schiedsrichtern denkt: «Kleine Würstchen», nannte er sie am Sonntag und wurde dafür auf die Tribüne geschickt. Babbel, der gerne den Gelassenen in einem überhitzten Fussballgeschäft gibt, ist genauso eine Enttäuschung wie sein Spieler.

Mit Nöggi auf FCB-Jagd

David Wiederkehr am Dienstag den 11. August 2015
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Nöggi alias Bruno Stöckli auf dem Cover seiner Single «Ich bin halt wie’n ich bin». Foto: PD.

Kennen Sie Nöggi? Diesen – doch, doch! – Sänger? Schmissige Songs mit Titeln wie «Ich bi verliebt in Züri» oder «Hörndli und Ghackets» sind sein Programm, und mit «I bin en Italiano» hat er sich sogar einmal in die Schweizer Hitparade verirrt. «Chum e bitzeli abe, oder söll i ufekho?» Italiano Nöggi heisst mit richtigem Namen Bruno Stöckli und wird bald 69. Einst war eine runde Postur sein Markenzeichen, heute grüsst er schlank von seiner Website.

Und Nöggi, deswegen stehen diese Zeilen an dieser Stelle, ist GC-Fan. Auf seinen Club hat er vor vielen Jahren eine Hymne geschrieben. «Nume GC» heisst sie, nur GC, die Rekordmeister-Optik dringt durch: «Nume GC günnt de Match.» Sie wird im Letzigrund nach jedem GC-Sieg gespielt, nach dem 6:1 seiner Lieblinge in Blau-Weiss am Samstag gegen Lugano natürlich erst recht. Und die euphorisierten Fans haben mitgeschunkelt. «Die andere bueched au emal es Fass – aber s’nützt ne nüüt


Nöggis GC-Lied in voller Länge. Quelle: Youtube.

«Nume GC» ist momentan auch das Motto der Super League. Denn «nume GC» vermag dem FC Basel wenigstens halbwegs zu folgen. Der Serienmeister hat in der Sommerpause fast das halbe Kader und den Trainer ausgetauscht, ist auf der Suche nach Krethi und Plethi in Holland, Italien, Dänemark und sogar Australien fündig geworden – und hat trotzdem so selbstverständlich einen makellosen Start hingelegt, wie wohl nur er das schaffen kann. Währenddessen die Konkurrenz, YB und der FCZ, als erste Amtshandlung in der neuen Saison den Trainer gewechselt hat. So viel Naivität zum Ende der vergangenen Saison musste schon sein. Jetzt haben immerhin die Interimsbesen gut gekehrt.

«Nume GC» aber hat nach vier Spielen mehr als halb so viele Punkte aufzuweisen wie der FCB. Und fast fünfmal so viele wie vor einem Jahr. Dass der Club ausgerechnet jetzt einen Höhenflug erlebt, ist doch bemerkenswert. Geschäftsführer Manuel Huber muss sparen und will das im Unterschied zu früheren Geschäftsführern tatsächlich auch tun. Weshalb auf der Bank fast ausnahmslos Spieler sitzen, die kaum die Autoprüfung bestanden haben. Gut, Kim Källström hat er sich geleistet, den 32-Jährigen, der mit nichts weniger als einem Dreijahresvertrag aus Moskau hergelockt werden konnte. Aber sonst?

Doch wenn nun auch noch Munas Dabbur geht und GC in Richtung Palermo verlässt – wer sorgt dann weiter für den Höhenflug? Nöggi hätte wenigstens auch für diesen Fall an die Adresse von Huber ein Lied parat: «Denn bruuchsch halt öpper …»

Ein absurder Absturz

David Wiederkehr am Samstag den 11. Juli 2015
Pajtim Kasami waehrend einem Training der Schweizer Fussball Nationalmannschaft, am Mittwoch, 3. Juni 2015, in der Stockhornarena in Thun. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Pajtim Kasami während eines Trainings der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft in der Stockhornarena in Thun. (Peter Klaunzer, Keystone)

Die Schweiz war schon Dritte und erst kürzlich Achte, und obschon sie etwas erfolgreicher war als auch schon, hat eigentlich keiner ganz genau verstanden, wie das geschehen konnte. Warum die kleine Schweizer Nationalmannschaft plötzlich die Nummer 8 der Fussballwelt sein soll.

In der neusten Fifa-Weltrangliste ist sie nun «abgestürzt», wie der «Blick» erschüttert feststellte. Auf Rang 18 liegt sie jetzt, aber wer weiss: Vielleicht ist der Platz gleich hinter Italien und vor WM-Achtelfinalist Algerien ja doch einmal ein realistischer. Vor den Tschechen, dafür hinter den Österreichern – dies wohl erstmals seit anno Tobak. Trotzdem zur Erinnerung: Österreich ist jene Nation, die sich letztmals 1998 auf fussballerischem Weg für eine WM-Endrunde qualifiziert hat. Für eine EM noch gar nie.

Nur ist das gar kein Kriterium: Die Fifa vergibt keine Bonifikationen für eine erfolgreiche Qualifikation. Gäbe es sie, wäre etwa Wales kaum dort, wo es seit dieser Woche ist: auf Position 10. Ein wundersamer Aufstieg für das Team ohne internationale Erfolge. Vor drei Jahren noch die Nummer 82, hat das kleine Land seither die Fussballwelt erobert und jetzt sogar fast England überholt. Zu verdanken hat es das einer gelungenen ersten Hälfte der EM-Qualifikation – Siegen gegen Andorra, Zypern, Israel und Belgien. Zweimal Schottland und einmal Mazedonien hat es in Pflichtspielen seit 2012 auch noch bezwungen und sonst? Niemanden.

Sie sehen: Die Weltrangliste ist ein Witz. Vereinfacht gesagt, ist es die Formel MxIxTxC, die für den Schweizer Absturz oder die walisische Metamorphose zur Fussballnation verantwortlich ist, und das sagt viel darüber aus, wie einfach die Weltrangliste der Fifa zu verstehen ist. Grob zusammengefasst: gar nicht. Und schon gar nicht mit gesundem Menschenverstand. Da verliert Argentinien nach dem WM-Final vor einem Jahr gegen Deutschland auch bei der Copa América das Endspiel gegen Chile und erklimmt trotzdem den Thron?

M steht in der Rechnung für das Resultat («match»), I für die Wichtigkeit des Spiels («importance»), T für die Position des gegnerischen Teams in der Weltrangliste und C für die jeweilige Konföderation. Multipliziert man die vier Faktoren, kommt eine Zahl zwischen 0 und 2400 heraus. 0 für jede Niederlage, 2400 für einen Sieg nach 90 Minuten an einer WM gegen den Weltranglistenersten – falls beide Teams aus Südamerika stammen. Der Mittelwert aller Spiele eines Nationalteams ergibt die Gesamtpunktzahl, bis zu vier Jahre fliessen in die Rechnung ein. Und wer jetzt noch am Lesen ist, hat sich einen Sitz im Fifa-Exekutivkomitee verdient.

Die unliebsamen Folgen dieses Systems jedenfalls sind, dass ein Team wie Frankreich, das als Ausrichter der EM 2016 zwei Jahre lang nur Testspiele bestreitet, keine hohe Punktzahl erreichen kann – weil der Multiplikator für Testspiele viel zu tief ist (Faktor I). Oder dass Spanien am Konföderationen-Cup Punkte einbüsst, selbst wenn es Tahiti 10:0 bezwingt (Faktor T). Während Deutschland aufholt, nur weil es an diesem Turnier nicht teilnimmt. Und wenn Curaçao ein Testspiel gegen Montserrat 2:1 gewinnt, zählt das mehr als ein knappes 0:1 Argentiniens im WM-Final gegen Deutschland. Die Fifa behauptet trotzdem, die Punkte seien «gewichtet».

Natürlich sind sie das nicht. Faktor C ist bei europäischen oder südamerikanischen Nationalteams regelmässig höher als bei asiatischen oder afrikanischen. Heisst: Es spült immer mal wieder Mannschaften an die Spitze, die da in dieser Absolutheit kaum hingehören. Kolumbien zum Beispiel (4.) oder Belgien, das kürzlich sogar Zweiter war und jetzt Dritter ist. Oder Rumänien (8.). Oder eben Wales. Und warum nicht bald wieder auch die Schweiz? Nur darauf einbilden sollte man sich nicht allzu viel.

Viel Geld, keine Ahnung

David Wiederkehr am Donnerstag den 19. Februar 2015
Nachspielzeit

Da ist wenig zu holen: Vollblutfussballer und Teilzeitschmuggler Lewis Holtby.

Männer tragen das Hirn in der Hose, heisst es ja. Dazu eine Frage: Wo tragen eigentlich Fussballer ihr Hirn?

Lewis Holtby zum Beispiel. 24 ist der junge Mann, und gespielt hat er in seiner wechselreichen Karriere schon bei Alemannia Aachen, Schalke, Bochum, Mainz, Tottenham und Fulham, ehe er anfangs dieser Saison leihweise beim Hamburger SV anheuerte. Warum auch immer: Boulevardmedien wie die «Hamburger Morgenpost» nennen einen Fussballer wie ihn «Star».

CL, CHAMPIONS LEAGUE, UEFA CHAMPIONS LEAGUE, HAUPTRUNDE, GRUPPENPHASE, SAISON 2012/13, BAYERN MUENCHEN, BAYERN, OSC LILLE,

Oliver Kahn: 125’000 Euro Busse.

Dank der «Bild»-Zeitung wissen wir nun auch, wo Holtby sein Hirn trägt: am Armgelenk. Vor ein paar Monaten wurde er am Flughafen Frankfurt erwischt, wie er, aus Dubai kommend, mit einer neuen Rolex durch den Zoll schleichen wollte. Wert: 6500 Euro. Etwas gar viel zu viel für den Freibetrag von 430 Euro. Dafür fällt die Busse nun umso höher aus. 40’000 Euro soll sie betragen.

Die Bayern-Disziplin

Andererseits ist es Pipifax gegenüber dem, was sich Karl-Heinz Rummenigge geleistet hatte, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München. «Killerkalle» führte vor zwei Jahren zwei Rolex-Uhren im Wert von rund 100’000 Euro ein, ohne sie zu verzollen. Er wurde mit 250’000 Euro gebüsst. Sowieso schien es bislang eine vor allem bajuwarische Disziplin gewesen sein, Zoll (oder: Steuern) zu sparen. Oliver Kahn blieb genauso hängen (125’000 Euro Busse) wie Michael Ballack (70’000 Euro). Übervater auch in dieser Sparte bleibt Uli Hoeness.

FC Bayern Munich Champions Party

Karl-Heinz Rummenigge: 250’000 Euro Busse.

Lewis Holtby ist nicht nur sportlich, sondern auch schmuggeltechnisch ein kleinerer Fisch. Besser macht es das natürlich nicht. Stellt sich die Frage: Ist es für einen Fussballer so viel schwieriger, die Zollregeln zu kennen, als für Otto Normalverbraucher? Wahrscheinlich ist es ihnen einfach egal. Wie einigen von ihnen (zum Beispiel: Marco Reus) ja das Strassenverkehrsgesetz ganz grundsätzlich am Allerwerstesten vorbeigeht. Um es ihm einfach mal zu unterstellen: Angesichts seines neuen Millionenvertrags mit Borussia Dortmund, wird Reus über seine jahrelange Schwarzfahrt inzwischen herzhaft lachen.

Überschaubare 6500 Euro

Aber ist all das ein Wunder, wenn es Menschen wie Marcus Noak gibt? Der berät Lewis Holtby, und meistens ist das ein toller Job: Er garniert dann das Handgeld aus seinen Transfers. Manchmal ist er lästiger – wenn sein Schützling gerade eine Rolex geschmuggelt hat. Was also sagen? Nun, dies: «Lewis hat in Dubai eine Uhr gekauft. Der Betrag war so überschaubar, dass er nicht im Kopf hatte, dass er das verzollen muss.» 6500 Euro verdient der Durchschnittsbürger in Deutschland in zwei Monaten nicht. Bei Holtby ist das ganz öffentlich «überschaubar». Also nichts. Dazu fällt einem nichts mehr ein.

Eine Nummer – zu gross?

David Wiederkehr am Donnerstag den 23. Oktober 2014


War früher eigentlich alles besser? Wenn ja, wie viel besser? Und gilt das auch für den Fussball? Rudi Völler hat dazu eine Meinung. «Was die früher für einen Scheiss gespielt haben, da konntest du doch früher überhaupt nicht hingehen. Die haben doch früher Standfussball gespielt», haute er seinerzeit die verbale Faust ins Gesicht von Günter Netzer.

Was aber sicher ist: Früher war alles übersichtlicher. Zum Beispiel trug früher der Torhüter die 1, der Libero die 5, der Scheibenwischer die 6, der Mittelstürmer die 9 und Diego Maradona die 10. Heute spielt der Torhüter auch schon als Libero, sind die Stürmer die ersten Verteidiger, und die 10 wird für Spieler wie Alexander Merkel, Jakob Jantscher oder Ovidiu Herea geopfert. Nichts gegen Ovidiu Herea, aber besser machen das dann doch Teams wie Vaduz oder Thun: Sie vergeben die 10 gar nicht erst. Dafür trägt Thuns Jungspund Adrian Rawyler die 40.

Die Kommerzialisierung des Fussballs brachte die Idee von fixen, individuellen Rückennummern hervor. Und das allein war ja keine blöde Idee. So wird verhindert, dass Cristiano Ronaldo die 7, dann die 11 und schliesslich – da Ersatzspieler – die 14 bekommt. «Nummer 5 lebt nicht mehr», trauerten daraufhin die eher traditionalistisch veranlagten Kollegen von «11 Freunde» der Beckenbauer-Ära hinterher. Die 5, sie war für Spielübersicht und Ruhe gestanden. Die 4 für kernige Grätschen entlang der Seitenlinie. Die 9 für elegante Fallrückzieher. Heute steht die 45 für den Wahnsinn. Sie (oder er) ist das Markenzeichen von Mario Balotelli.

Die 5 also ist gestorben, dafür lebte irgendwann die 99 wieder auf. In der National Hockey League für sämtliche Clubs gesperrt zu Ehren von Wayne Gretzky, schnappte sich ausgerechnet Fussballrüpel Antonio Cassano bei Sampdoria Genua diese geradezu heilige Nummer. Später erhielt der Österreicher Andreas Herzog von der Fifa sogar die Erlaubnis, für sein 100. Länderspiel mit der 100 aufzulaufen. Darüber hinaus sind keine dreistelligen Rückennummern erlaubt. In der Super League ist zwischen 2 und 99 alles möglich. Vorgeschrieben ist nur, dass die 1 an einen Torhüter geht.

Veroljub Salatic war hierzulande lange ein Exot, weil er die 35 trug. Dann hat er zur 6 gewechselt, weil die seiner Position eher entspricht. Oder eher entspräche – würde Salatic denn spielen und nicht nur trainieren. Aber kaum hat Salatic auf der GC-Strafbank Platz genommen, läuft sowieso alles aus dem Ruder. Nisso Kapiloto wählte bei St. Gallen die 55, Frank Feltscher bei Aarau die 88, und als der Franzose Guillaume Hoarau vergangenen Sommer zu den Young Boys wechselte, war seine 9 nicht mehr frei, aber dafür die 99. Und wahrscheinlich sind solche Kompromisse der Hauptgrund für die zahlreichen Schnapszahlen auf den Fussballfeldern. Auch Nationalmannschafts-Captain Gökhan Inler führt bei Napoli jeweils eine solche auf den Platz, die 88.

Die humorloseste Kleiderordnung herrscht in der Bundesliga. Um dem Exzess vorzubeugen, wurde 2011 die 40 als Höchstzahl festgelegt. Keine 77 mehr wie einst bei Andreas Görlitz beim Karlsruher SC. Sondern Zucht und Ordnung. Fast wie früher.