Logo

Wie Formel 1 ohne Ferrari

Guido Tognoni am Dienstag den 14. November 2017

Aus und Schluss: Goalie Gianluigi Buffon und Manolo Gabbiadini nach ihrer WM-Qualifikations-Niederlage (13. November 2017). (Foto: Keystone/Luca Bruno)

Fast pausenloser Ballbesitz, aber kein Tor. Kein Schiedsrichter, der das Schicksal lenken mochte. 0:0, torlos und trostlos. Auch Lucky Losers wie im Tennis, die letzte Hoffnung für Verlierer, welche noch ins Feld nachrücken können, gibt es im Fussball nicht. Es ist schlicht aus und Schluss. Italien, das Land, dessen geografische Form allein schon zur bedingungslosen Teilnahme an jeder Weltmeisterschaft berechtigen sollte, steht im kommenden Jahr vor einem Trauersommer.

Aber auch wir trauern mit. Nur schon die zackige Nationalhymne werden wir vermissen. Und die Hingabe, mit der die italienischen Spieler vor dem Anpfiff ihre Hymne brüllen. Wir werden das lebende Torhüterfossil Gigi Buffon vermissen, die pickelharte Altherrenverteidigung ebenso, auch zuletzt so erfolglose Stürmer wie Ciro Immobile und das Irrlicht Stephan El Shaarawy, genannt Pharao, die offenbar nur in ihren Clubs zur Torproduktion finden. Den zurückgetretenen Mittelfeld-Stoiker Andrea Pirlo vermissen wir schon lange.

Weltmeister der Rollenspiele

Es ist seltsam: Wie schlecht auch die Italiener spielen, sie sind uns letztlich sympathisch. Die durchschaubare Spielfeld-Theatralik eines jeden Einzelnen bei Fouls, Fehlschüssen, Schiedsrichterentscheiden und Simulationen ist ein Teil des Fussballs. Keine andere Mannschaft kann solche Rollenspiele ersetzen.

21 Tore haben die Italiener in den 10 Gruppenspielen erzielt, das ist für eine grundsätzlich defensiv spielende Mannschaft wie Italien, wo für jeden Trainer ein 1:0-Sieg die höchste Erfüllung bedeutet, schon nahe am Torrausch. Davon fielen allerdings 9 Treffer in den bezahlten Trainings gegen Liechtenstein. Es bleiben also 12 Tore in den verbleibenden 8 Spielen und kein einziges, als es wirklich darauf ankam, in der Barrage gegen Schweden.

Die Italiener werden uns in Russland fehlen, mehr noch als die Holländer, die auch für jede WM-Endrunde eine Bereicherung sind. Die es trotz grossartiger Mannschaften regelmässig schafften, nicht zu gewinnen. Notfalls geschah das beim Elfmeterschiessen. Mit einer WM ohne Holland kann man noch leben, aber eine Weltmeisterschaft ohne Italien ist wie die Formel 1 ohne Ferrari: zwar denkbar, aber irgendwie surreal.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

Weitere Artikel

« Zur Übersicht

6 Kommentare zu “Wie Formel 1 ohne Ferrari”

  1. Fiddler Tab sagt:

    Wer über Jahre hinaus vergisst die Hausaufgaben zu machen, wird mit dem Scheitern belohnt.

  2. Heinz Fackel sagt:

    Mir werden die Italiener nicht fehlen. Ich werde die ständigen taktischen und versteckten Fouls nicht vermissen. Auch nicht das ewige Herumlamentieren und die städigen Unschuldsbeteuerungen. Ich werden die Rudelbildugen um den Schiedsrichter und die Schwalben nicht vermissen und auch nicht die in Todespein sich am wälzenden Spieler, die wenn es die Situation erfordert sofort wieder wie junge Rehe umherhüpfen. Ich werde nicht vermissen dass ein Team immer nur auf das Ergebnis von 1:0 spielt. Kurz ich freue mich auf Dänen, Isländer und Schweden, auf Costa Rica und auf Marokko. Italien spielt unansehnlichen und langweilgen Fussball, das darf zu Hause bleiben.

  3. Raymond Allaman sagt:

    Also ich werde die Italiener keine Sekunde vermissen. Was habe ich mich in den vergangenen 35 Jahre jeweils aufgeregt, wenn die Italiener nach schwachem Spiel am Schluss mit unverschämtem Glück (z.B. gegen Nigeria 1998) oder Beschiss (z.B. gegen Australien 2006) doch noch gewannen und danach auch noch das Gefühl hatten, sie seien die Grössten.

  4. tigercat sagt:

    Nein, eigentlich fehlen werden sie mir nicht. Es gibt keine andere Mannschaft, die einen so schrecklichen Fussball spielt wie Italien (OK vielleicht noch Spanien). Keine andere Mannschaft hat das Unfaire so in ihre Spielanlage integriert wie Italien. Auch die Autokorsos werden mir überhaupt nicht fehlen. So schön, eine WM ohne Italien.

    • Lukas Zeigost sagt:

      Kann Dir nur zustimmen – abgesehen vom Autocorso: der tut der doch eher steifen CH irgendwie gut 🙂

    • Marcel Stierli sagt:

      Der Autocorso wird jetzt halt von den Kroaten, den Serben und zumindest in Zürich von den Deutschen übernommen und vielleicht dürfen wir Schweizer auch mal (was zu hoffen wäre). Freuen wir uns also auf die tiefergelegten BMW’s anstelle der formschönen Alfas 😉 Apropos schrecklicher Fussball, die Schweden spielen da ganz oben mit, was nicht heisst, ich würde ihnen ihre Qualifikation missgönnen. Unfairnes, hmm,,,Uruguay ist doch dabei? Die sind immer für diesen Titel gut.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.