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Ausgerechnet Ancelotti!

Christian Andiel am Dienstag den 22. Dezember 2015
Bayern Munich's coach Josep Guardiola and Real Madrid's coach Carlo Ancelotti (2nd R) gesture to their players during their Champion's League semi-final second leg soccer match in Munich April 29, 2014. REUTERS/Kai Pfaffenbach (GERMANY - Tags: SPORT SOCCER) - RTR3N4UT

Zwei zeigen ihrer Mannschaft den Weg, aber nur eine gewinnt 4:0: Pep Guardiola (2.v.l.) und Carlo Ancelotti (2.v.r.) beim Halbfinal der Champions League zwischen Bayern und Real im April 2014. Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters

Das ist nicht fair vom FC Bayern München. Es hätte durchaus adäquate Nachfolger von Pep Guardiola gegeben, die den Selbstdarsteller perfekt ersetzt hätten. Allen voran natürlich José Mourinho, Louis van Gaal ist auch bald wieder frei (allerdings hatten sie den an den Säbener Strasse schon mal an der Backe), zur Not hätte selbst ein Michael Frontzeck gepasst.

Aber was machen die Bayern? Sie verpflichten ausgerechnet Carlo Ancelotti, den Schmusebär aus der Emilia-Romagna. Als FC-Bayern-Hasser muss man sich ernsthaft fragen: Steckt Kalkül dahinter? Wollen sie gerade uns im Innersten treffen? Schliesslich droht die gleiche Gefahr wie einst bei Jupp Heynckes’ zweiter Amtszeit: dass einem der Club fast schon sympathisch wird.

Wie Heynckes ist Ancelotti ein Trainer, der sich nicht wichtiger nimmt als die Spieler oder gar den ganzen Club bzw. die Liga. Nun ist es ja für einen Deutschen angesichts der trostlosen Bilanz gegen italienische Mannschaften in Pflichtspielen weiss Gott nicht einfach, irgendetwas am italienischen Fussball zu mögen. Ausser Ancelotti. Schon zu aktiven Zeiten war er der Kopf des grossen Milan. Und auch wenn die niederländischen Stars wie Gullit oder Van Basten die Schlagzeilen dominierten, so sagt Coach Arrigo Sacchi: «Ancelotti war mein wichtigster Spieler, er hat weiter gedacht als alle anderen.»

Und weil Denken im Prinzip das Gegenteil von Esoterik ist, schwurbelt Ancelotti auch nicht im Guardiola-Idiom, als sei Fussball eine Geheimwissenschaft, die nur auserwählte Katalanen wirklich verstehen (von denen es schliesslich auch nur einen gibt). Ancelotti ist ein Trainer, dem es um seine Spieler geht, und der ein System spielen lässt, das sie ebenfalls verstehen und das zu ihnen passt. Bodenständig halt, Fussball als Spiel, nicht als Philosophie.

So gewann er als Aktiver zweimal die Champions League, als Trainer dreimal, und Letzteres mit zwei verschiedenen Clubs (Milan, Real). Zahlen, von denen Guardiola noch träumen muss. Und vergessen wir nicht die magische Nacht des 29. April 2014: Da nahm der so bieder wirkende, stets ruhige Ancelotti mit seinem Real Madrid die Pep-Eleven in deren Allianz-Arena im Halbfinale der Champions League aber dermassen auseinander. Mit Mitteln, über die Guardiola sich weigern würde bloss nachzudenken: mutiges Pressing, präzise Konter. 4:0 hiess es am Ende. (Vielleicht aber denkt der FC Bayern einfach immer noch in alten Mustern: Wer gegen uns gewinnt oder ein Tor schiesst, den holen wir.)


Kann man immer schauen, wenns im Leben mal grad nicht so gut läuft: Bayern – Real 0:4. Quelle: Youtube

In einem schönen Porträt schreibt die «Süddeutsche» über Ancelotti: «In 40 Jahren Fussball scheint dieser Mensch sich keinen einzigen Feind gemacht zu haben.» Sollen wir Bayern-Feinde da jetzt ausscheren? Vielleicht hilft das Prinzip der Differenzierung: Ancelotti ist Ancelotti ist Ancelotti. Der FC Bayern, das sind Matthias Sammer, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeness. Und die muss man weiterhin nicht mögen.

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und träumen darf man ja von Europa und Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

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9 Kommentare zu “Ausgerechnet Ancelotti!”

  1. Peter sagt:

    Typisch, wie Guardiola in der Schweiz gehated wird. Laut Statistik ist Guardiola der erfolgreichste Bundesliga-Trainer aller Zeiten (2.53 Pt / pro Spiel), super viele Tore und ein sehr dominanten Fussball. 2014 scheitterten sie an Real, ja. Aber wer die Spiele gesehen hat, weiss dass diese auch anderst hätten laufen können. Letztes Jahr unterlag man (mit vielen Verletzten) einer Mannschaft, die in der Geschichte des Fussballs seines Gleichen sucht. Trotzdem sind die Bayern unter Guardiola neben Barcelona die beste Mannschaft der Welt, unabänig davon, ob man dieses Jahr die CL gewinnt. Und das ohne einen Messi und einen Neymar. Guardiola ein Selbstdarsteller? Er ist der beste Trainer aller Z!

    • David Erpen sagt:

      Ich habe die Spiele gesehen. Bayern hatte nicht den Hauch einer Chance im Rückspiel. Der beste Trainer aller Zeiten… Jaja diese Superlativen sagen mehr aus über den Schreiberling als über den Trainer.

  2. Paola Stettler sagt:

    Nach spanischem “Deutsch” nun Italienisch oder wenigstens “Trappatoni-Deutsch”? Wäre schön, wenn uns der Herumfuchtler seinen Abschied mit einem Scheitern spätestens im Champions-League-Halbfinal vergolden würde. Ist schon so, Carletto müsste eine täuschend echte Kopie von Jupp werden, um die Bayern halbwegs zu mögen.

    • kurt isler sagt:

      man muss sie nicht mögen, aber sie spielen mit abstand den schönsten und erfolgreichsten fussball – das ist fakt und alles andere interessiert nicht! Ich kann nur hoffen, dass ihnen dieses jahr das triple gelingt. Einziger Herausforderer auf ähnlichem Level: Barca!

      • David Erpen sagt:

        Das Ballgeschiebe der Pep-Mannschaften ist nicht immer wirklich schön anzusehen und erfolgreichsten Fussball? Mal schauen, wie weit sie in der CL kommen. In der Bundesliga haben sie ja keine Gegner, da sind sie dann schnell erfolgreich.

  3. Benni Aschwanden sagt:

    Was für ein Unterschied zum heutigen Real, wenn man die Emotionen der Spieler damals sieht.

  4. stefan meier sagt:

    Schon lange nicht mehr so geschmunzelt. Herrlich geschrieben !

    • Michel Platini sagt:

      Bin voellig mit Ihnen einverstanden!

      Wobei ich bei jedem Artikel der die Bayern und den deutschen Hauruck Zwecksfussball verhoehnt schmunzle….

      • Madeleine sagt:

        Kann mich nur anschliessen! Ach, Ancelotti! Mein Lieblingstrainer! Wir hätten sonst beim FC Winterthur grad noch ein Plätzchen frei 🙂 Naja, die Gage fällt “etwas” tiefer aus… aber die Herausforderung wäre gigantisch! Versprochen!

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