Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle erscheinen keine weiteren Beiträge. Auf alle bereits erschienenen Artikel können Sie nach wie vor zugreifen.
Herzliche Grüsse, die Redaktion
Logo

Mourinho, die schwäbische Hausfrau

Christian Andiel am Donnerstag den 23. Juli 2015

Verdächtig gut gelaunt: José Mourinho beim Tennisturnier in Wimbledon. (16. Juni 2015) Foto: Reuters

Es müssen glückliche Tage sein rund um die Stamford Bridge. Zumindest verströmt Chelsea-Chefcoach José Mourinho eine geradezu erstaunliche Zufriedenheit. Wo ist er geblieben, der Mann, der Trainerkollegen gerne mal den Finger ins Auge steckt? Der direkte Abgesandte aus der Psychohölle, als der ihn der spanische JournalistDiego Torres im Buch «The Special One» beschreibt? Der finstere Zeitgenosse, der hinter jedem Schiedsrichterpfiff die Weltverschwörung gegen sich persönlich sieht?


So kennen wir Mourinho, damals noch bei Real: Beim spanischen Supercup 2011 sticht er Barcelonas Assistenzcoach Tito Vilanova den Finger ins Auge. Quelle: Youtube

Im Gespräch mit dem englischen «Guardian» war von diesem José Mourinho jedenfalls nichts zu spüren. Entspannt plauderte der Portugiese über den Transferwahnsinn um ihn herum in der Premier League: «Ich kann die Vereine ja nicht davon abhalten, Anschläge auf Banken zu verüben, um dann Million um Million auszugeben.» Chelsea macht da nicht mit, Ausgaben von gut 15 Millionen Euro stehen Einnahmen von 29 Millionen gegenüber. Man sei schliesslich Meister, sagt Mourinho, da sei es also durchaus in Ordnung, dass Clubbesitzer Roman Abramowitsch eher knausrig sei. Und überhaupt sei es doch ein Wahnsinn, was sich im Fussball abspiele, sagt Mourinho und schaut in seine Heimat Portugal: Die Menschen seien im Elend, in sozialer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht herrsche das blanke Chaos, aber was tun die Fussballclubs: Sie werfen mit Millionen nur so um sich.

Hm. Ist Mourinho bei Angela Merkel in die Lehre zur schwäbischen Hausfrau gegangen? Hat er Wolfgang Schäuble bei den Verhandlungen mit Griechenland in taktischen Dingen beraten? Oder zieht er nur mal wieder eine Show ab, weil er genau weiss, dass Abramowitsch nach Meistertiteln nie sehr spendabel ist? Vielleicht ist es aber auch ganz einfach so: Mourinho schwärmt im «Guardian» derart von Juve-Spieler Paul Pogba («Er macht automatisch jede Mannschaft deutlich besser»), dass klar ist, wen er auf dem Radar hat. Und sollte sich da eine Gelegenheit ergeben, wird er zuschlagen. Ganz egal, was er zum Thema Sparsamkeit sagt, völlig wurscht, ob Pogba mit einem geschätzten Marktwert von 60 Millionen Euro dann die Bilanzen wieder auf den Kopf stellt.

Schliesslich hat Mourinho einen grossen Vorteil: Er muss dafür keinen Anschlag auf eine Bank verüben. Er muss nur nett zu Abramowitsch sein.

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und träumen darf man ja von Europa und Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Weitere Artikel

« Zur Übersicht

2 Kommentare zu “Mourinho, die schwäbische Hausfrau”

  1. lala sagt:

    Wenn man diese zahlen sieht (und dazu würden auch die Schweizer zahlen schon reichen), wird einem vor allem klar wie absolut abartig der ganze Fussball ist.

  2. julius sagt:

    wenn man diese zahlen sieht, dann wird einem klar wie schwer es ein ch verein hat in diesem system sportlich erfolg zu haben und unterstreicht die wahnsinnsleistung die der fcb jedes jahr bietet – notabene mit jährlich mindestens zwei/drei hochkarätigen spielern die den club wieder verlassen… aber eigentlich sind diese beträge nur noch lächerlich.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.