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Der verdrehte Tatsachenentscheid

Guido Tognoni am Dienstag den 28. Oktober 2014
MaradonaGross

Der Tatsachenentscheid kann einen Spieler zur Legende machen: Maradonas «Hand Gottes» im WM-Spiel 1986 gegen Englands Goalie Peter Shilton. Foto: Getty

Ein verteidigender Spieler erhält im Strafraum einen Ball ins Gesicht, und der Schiedsrichter glaubt, es sei die Hand gewesen. Elfmeter, Tor, Spiel für die Mannschaft mit dem Ball im Gesicht verloren. Vorkommnisse wie zuletzt bei Schalke 04 – Sporting Lissabon gab es im Fussball schon immer und wird es weiterhin geben. Vielleicht wird die Fifa («Fair Play, please!») eines Tages zulassen, solche Ungerechtigkeiten mittels Videobeweis zu verhindern. Bis das jedoch eines Tages vielleicht der Fall sein wird, muss der Fussball mit einer überaus seltsamen Verdrehung der deutschen Sprache leben: mit dem Tatsachenentscheid.

Als Tatsachenentscheide werden Fehlentscheide der Schiedsrichter bezeichnet, die – meist aus nachvollziehbaren praktischen Gründen – im Nachhinein nicht rückgängig gemacht werden können. Mit einem Tatsachenentscheid wird allerdings genau das Gegenteil dessen beschrieben, was eine Tatsache ist: Der Ball ging ins Gesicht und nicht an die Hand, aber der Spielleiter macht das Gesicht zur Hand. Es fand also keine Regelwidrigkeit statt, doch der Schiedsrichter will eine solche gesehen haben. Eine Fata Morgana auf dem Spielfeld gewissermassen, und diese Wahrnehmungsstörung wird im Fussball durch Entscheid des Schiedsrichters zur Tatsache.

Im Fussball gibt es den erfundenen Elfmeter, ausserhalb der Stadien den Mord ohne Leiche. Wenn der Strafrichter dennoch auf lebenslänglich erkennt, schafft auch er einen Tatsachenentscheid. Beim Schiedsrichter verwedeln wir den Irrtum, über den sich die Hälfte der Zuschauer freut. Beim Strafrichter bleibt nur die Hoffnung auf die richtige Erkenntnis. Im Gegensatz zum Schiedsrichter darf er sich keinen Irrtum leisten.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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3 Kommentare zu “Der verdrehte Tatsachenentscheid”

  1. Patrice sagt:

    Also wenn der angreifende Spieler im Strafraum ein “Hands” begeht und es einen Penalty gibt ist einiges schief gegangen….

  2. Frank Steiner sagt:

    Apropos Fehlentscheid: Wenn einem angreifenden Spieler im Elfmeterraum des Gegners ein Handspiel vorgeworfen wird, gibt es einen Entlastungsfreistoss. Nur ein Handspiel des verteidigenden Spielers im eigenen Strafraum führt zu einem Penalty.
    Daher ist auch das Bild mit Maradona irreführend. Damals hatte der Schiri ein Handspiel nicht gesehen und nicht etwa eines “erfunden”.

  3. Toni Wirz sagt:

    Mit der kleinen Nuance, dass die neue “Tatsache” nach einigen Sekunden vor einem Millionenpublikum entlarvt wird, sogar in den Stadien, vor den Spielern. Es grüsst die moderne Elektronik. Anstatt den Spielleitern diese als Hilfe zu erlauben, bestätigt die FIFA ihr archaisches Weltbild und wirft ihre Schiris den Zuschauern und Spielern praktisch zum Frass vor. Das ist kriminell.

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