Glücklicher als Single?

Schön, wenn endlich die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, wenn auch oft erst sehr spät. Auch eine Frau in den 60ern geniesst ihr Single-Dasein. Foto: iStoch

Hier wurde schon einige Male die Frage aufgeworfen: Ist man glücklicher als Single? Oder besser: Gibt es überhaupt ein glückliches Leben (als Frau) ohne Partner? Einer der werten Leser hat vor einigen Wochen auch konkret diese Frage gestellt: Warum sind Frauen ab einem gewissen Alter lieber allein?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil Männer unglaublich anstrengend sind. Männer strengen Frauen viel mehr an als andersherum. Das sieht man vor allem an Seniorenpärchen. Wie abhängig die Männer von ihren Frauen sind, wie hilflos, auch bei den einfachsten Tätigkeiten, wie zum Beispiel einen Brief beantworten. Dabei standen sie ihr ganzes Leben in einer verantwortungsvollen Position im Berufsleben, haben Karriere gemacht, während sich die Frau um die Familie kümmerte, und jetzt, im Alter, werden die Rollen getauscht. Die Frau muss sich um ihn kümmern, obwohl er gar nicht so alt ist, aber er braucht einfach jemanden, er kann nicht alleine. Ich muss da nicht weit suchen, ich sehe das in meiner eigenen Familie.

Jetzt komm ich

Frauen hatten meistens ihr ganzes Leben die Bedürfnisse der Kinder und natürlich des Mannes im Kopf, und oft gar keine Zeit, sich Gedanken um die eigenen Bedürfnisse zu machen – geschweige, sich diesen zu widmen. Sind die Kinder aus dem Haus, melden sich diese Bedürfnisse langsam. Jeder Mensch hat das Recht, irgendwann in Rente zu gehen. Und auch wenn sich das jetzt komisch anhört: Eine Ehe zu führen, ist Arbeit, und auch keine leichte! Und eine Familie zu managen, ist ebenfalls eine schwere Aufgabe. Ich sehe, was meine Mutter geleistet hat und immer noch leistet – ohne sie wären wir alle aufgeschmissen gewesen. Ich habe da grossen Respekt vor, zumal ich ja Schwierigkeiten habe, mich selbst zu managen, und unfreiwillig vom Leben durch die Zentrifuge des Erwachsenwerdens geschleudert werde, um endlich ohne Hilfe klarzukommen. Sogar das ist eine Arbeit, die mich komplett auslastet im Moment.

Dreissig Jahre sind genug

Eine Beziehung zu führen, ist ebenfalls eine Arbeit. Männer sind anstrengend, auch wenn sie super sind, sie kosten sehr viel Energie. Fast alle Frauen haben das ihr ganzes Leben getan, eine Beziehung geführt, geliebt, gelitten, gehasst, Kompromisse gemacht, Rücksicht genommen, die grossen Gefühle erlebt. Und irgendwann braucht man das einfach nicht mehr, weil man das seit Teenagertagen hatte, man will etwas anderes. Die grosse Liebe oder eine schöne Partnerschaft sind nichts Verheissungsvolles mehr, man will Dinge erfahren, die man nur alleine erfahren kann. Sich geistig entwickeln, die Seele wachsen lassen. Ich habe vor vielen Jahren einen guten Kumpel, dessen Mutter, eine bekannte Theaterregisseurin, ich sehr bewunderte, gefragt, warum sie denn seit der Trennung von seinem Vater keinen Mann mehr an ihrer Seite hatte. Ich dachte damals auch so, wie die meisten denken: Sie ist klug, attraktiv, interessant – warum dann kein Mann? Seine Antwort hat mir sehr zu denken gegeben, damals. Und ist heute Realität geworden. Weisst du, sie sagt, sie habe dreissig Jahre ihres Lebens mit Männern in Beziehungen verbracht. Jetzt möchte sie auch dreissig Jahre ohne einen Mann verbringen. So einfach ist das.