Freunde beim Fremdgehen erwischt: Und jetzt?

Manchmal sieht man Dinge, die man gar nicht sehen wollte. Foto: Jeffrey (Flickr.com)

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einem guten Freund zu einem sexy Date verabredet, in einem wirklich schönen Restaurant, etwas ausserhalb, wo Sie schon lange mal hinwollten. Meine strengen Leser werden jetzt sofort einwenden, wie kann ein guter Freund ein sexy Date sein? Nun, wir hatten das doch besprochen, es gibt keine kumpelhafte Freundschaft zwischen Mann und Frau ab Mitte 40, und wenn doch, dann ist da auch ein bisschen was.

Also, sexy Date, und dann sehen Sie, drei Tische weiter, den Mann einer guten Bekannten. Sie wollen schon erfreut winken, da sehen Sie, seine Begleitung hat lange hellblonde Haare und scheint übertrieben jung, man sieht es an ihrem engen Pullover und der zerrissenen Jeans – und nein, er hat keine Tochter. Er sieht auch irgendwann, dass Sie da sitzen, und blinzelt, macht aber keine weiteren Anstalten. Ihr guter Freund, der den Mann auch kennt, dreht sich um, murmelt nur: «Was macht der denn hier?» Er kümmert sich aber nicht weiter um die Situation, was auch seltsam ist.

«Wir sind doch alle erwachsen»

Beim Verlassen des Lokals führt kein Weg am Tisch der beiden vorbei. Man bleibt stehen, der Mann tut überrascht und es folgt eine etwas ungelenke Begrüssung. Die Blonde hat ein makelloses Puppengesicht, etwas viel Make-up und wird als Mia vorgestellt. Sie hat schmale kühle Hände mit langen nudefarbenen Acrylnägeln. Draussen fragen Sie Ihren Freund: «Sicher ein Businessdate, haha?» Und er antwortet tatsächlich: «Nein, das ist eine alte Bekannte, die treffen sich schon mal.» Ach so. Am nächsten Tag bekommen Sie eine SMS von Ihrem Freund: «Bitte behalt es für dich, das ist super wichtig, dass niemand erfährt, dass wir die beiden gestern getroffen haben.» Sie antworten noch, nur, um ihn zu ärgern: «Aber das waren doch alte Freunde!» Und er so: «Come on, wir sind doch alle erwachsen, rede mit niemandem darüber.»

Die Lektorin und der Verlagsvorstand

So, erwachsen ist das also, wenn man seine Frau betrügt. Aber Sie wollen kein Verräter sein und auch keinen Ärger und halten den Mund, und haben bis heute ein schlechtes Gewissen deswegen, denn die Geschichte ist vier Jahre her. Ich erzähle sie heute, da mir so etwas in der Zwischenzeit noch zweimal passiert ist. An einem der heissesten Augusttage – so heiss, dass die Bagni im italienischen Forte dei Marmi alle leer waren – traf ich beim Lunch im Sand meine damalige Lektorin mit dem Vorstand des Verlags. Sie im Bikini, er in Badehose, unmissverständlicher konnte eine Situation nicht sein. Meine Begleitung und ich lachten noch Jahre darüber, dass es wirklich kein Zufall sein kann, sich an so einem entlegenen Ort zu treffen. Gibt es Zufälle? Nein. Wieder wurde ich aufgefordert, «die Füsse still zu halten», was ich in dem Fall gerne befolgte.

Später erwischte ich die Freundin eines guten Freundes mit ihrem Lover. Ich sagte zu ihr, sie solle es ihm sagen, sie tat es nicht. Es kam trotzdem raus, die beiden trennten sich, und ich fühlte mich schlecht. Und da mir jetzt am Wochenende wieder so etwas passiert ist, frage ich Sie, was tun? Das Pulverfass öffnen und zusehen, wie eine Atombombe hochgeht? Oder wie immer schweigen und sich dabei ganz mies fühlen?