Altern Frauen besser?

Was will man da sagen: Bravo? Manche Frauen reagieren mit Grosseinsatz auf das Alter. Foto: Keystone

Endlich gehe es bergab, freute sich gestern Dirk Gieselmann in der «Süddeutschen Zeitung» über seinen 39. Geburtstag. Endlich vorbei mit diesem dauerhaften Verschleiss genannt Jugend, vorbei mit der Lektüre russischer Surrealisten, nur um die süsse Kommilitonin zu beeindrucken, endlich vorbei mit dem Konsum zu harten Alkohols und natürlich vor allem den unerfreulichen Folgen. Endlich erwachsen, könnte man ergänzend hinzufügen – aber so einfach ist das nicht.

Gieselmann zielt mit seinem Text auf Männer in der Midlife-Crisis, wie er es nennt. Männer, die sich mit 40 plötzlich einen Sportwagen gönnen oder Crossfit entdecken, sich Skorpione auf die Wade tätowieren oder Mundharmonika in Freizeitbluesbands spielen. Männer mutierten angesichts des Alterungsprozesses zu wahnhaften Witzfiguren, konstatiert der Autor und hält fest: «Frauen gehen mit dem ­Alterungsprozess, so scheint mir, viel würdevoller um als Männer. Dazu haben sie allen Anlass, denn sie werden ja immer anbetungswürdiger, wir dürfen uns von der Kosmetikindustrie nicht das Gegenteil vormachen lassen.»

Ist das wirklich ein Problem?

Das Kompliment der zunehmenden Anbetungswürdigkeit nehmen wir gerne entgegen. Doch gegen die Beobachtung, Frauen wüssten viel würdevoller mit dem Unausweichlichen umzugehen, muss ich Einspruch erheben. Man muss sich nur einmal an einem Samstagnachmittag im Globus an der Bahnhofstrasse rumtreiben und all die chirurgisch gepimpten Gesichter und Gummiboot-Lippen bestaunen, um zu erkennen: Die Würde wird auch bei Frauen nicht gratis zum Alterungsprozess geliefert. Und Coolness auch nicht. Aber ist das wirklich ein Problem?

Ich weiss, wie man auf die Idee kommen kann, Frauen alterten eleganter als Männer. Sie brauchen nämlich gewöhnlich nicht vierzig Jahre, um zu realisieren, welchen Effekt die Jahre auf Körper und alles andere haben. Deshalb machen sie auch nicht einfach eine Midlife-Crisis durch und gut ist.

Vielmehr befinden sich Frauen, sobald den Teenagerjahren entwachsen, im Modus der Dauerkrise und im permanenten Widerstand gegen den Alterungsprozess. Den meisten ist dabei wohl bewusst, dass sich nichts aufhalten, aber beinahe alles optimieren lässt. Das sind die würdevolleren Varianten, die mit Guerillataktik operieren. Aber es gibt immer auch ein paar Verzweifelte, die sich für die nukleare Option entscheiden.

Ich will nicht zurück zur Jugend

Natürlich kann man sich lustig machen über Leute, die mit vierzig plötzlich entdecken, dass ihr Körper altert und Sport unumgänglich wird, sofern sie nicht zwei Kleidergrössen zulegen wollen. Man kann ihnen Eitelkeit vorwerfen – aber wer weiss denn, ob sie den durchtrainierten Body nur deshalb anstreben, um die Freundin der Tochter zu beeindrucken – oder ob die chronischen Rückenschmerzen sie dazu getrieben haben.

Er werde sich nicht vom Vater seines Dealers erschiessen lassen, um sich vermeintlich seine Jugend zurückzuholen, bemerkt Gieselmann in Anspielung auf Kevin Spacey in «American Beauty». Aber weiss er denn, ob Spaceys Figur sich wirklich die Jugend zurückholen will oder ob er endlich erwachsen genug ist, um zu wissen, wie man mit Drogen umgeht?

Ich wünsche mir auch nicht meine Jugend zurück. Aber ich möchte mir von dem, was an der Jugend gut ist, so viel wie möglich bewahren: Begeisterungsfähigkeit, Elan, Neugierde und Gesundheit – und wenn als Zugabe Schönheit mitgeliefert wird, umso besser.