Die Bürde des Menschen

M&F

Das Leben wäre grausam, könnten wir den Tod nicht verdrängen. (Foto: iStock)

Neulich, in der Bar am Ende der Strasse. Wir sassen an der Theke und mein Kumpel Urs sagte: «Es liegt in der Natur des Menschen, dass er verdrängt, was ihm aufstösst. Zum Beispiel die nächste Darmspiegelung, den anstehenden Kindergeburtstag im Trampolino oder die eigene Sterblichkeit. Sloterdijk schreibt: ‹Wir bauen einen Kokon um uns.›»

«Stimmt», sagte ich. «Ich erinnere mich an eine Zeit in meiner Kindheit, als das Wort Tod so unvorstellbar war wie Sex oder Krieg. Es waren abstrakte Begriffe.»

«Hat man ein gewisses Alter erreicht», fuhr Urs fort, «sagen wir, die Hälfte der im westeuropäischen Schnitt vorgesehenen Lebensdauer, wird es immer verflixter, dem Tod mit jener überheblichen Gelassenheit entgegenzublicken, die uns eigen war, als wir einundzwanzig waren und auf dem Mofa ohne Helm ins Tessin düsten. Heute reicht ein Husten, und wir bangen um unser Leben.»

Wir schwiegen eine Weile und hörten der Musik zu, welche die Jukebox spielte: «Something on Your Mind» von Karen Dalton, einer sträflich in Vergessenheit geratenen Folk-Sängerin aus den Siebzigern.

«Hier ein Gedankenspiel», sagte Urs. «Angenommen, eine freundliche Stimme aus dem Off fragte dich, kurz vor deiner Zeugung, ob du lieber als Mensch oder als Tier zur Welt kommen wolltest. Was wäre deine Antwort?»

«Moment. Es kommt auf das Tier drauf an. Da gibt es frappante Unterschiede.»

«Einverstanden. Doch selbst wenn dir die komplette Fauna zur Verfügung stünde, bin ich überzeugt, dass am Ende weder ein besonders intelligenter Säuger noch eine Art, die mit extralanger Lebensdauer trumpft, etwa der Grönlandhai (400 Jahre) oder der Riesenschwamm (10’000 Jahre), das Rennen machen würde.»

«Vermutlich nicht», gab ich Urs recht. «Darum entschiede ich mich auf jeden Fall für den Homo sapiens als ‹wahrheitssuchendes Lebewesen›, wie Nietzsche sagte.»

«Gut», nickte Urs. «Mit etwas Glück sind deine Eltern nicht arm. Du kommst in Europa oder Nordamerika zur Welt, stirbst nicht im Kleinkindesalter an Mangelernährung oder Malaria und hast das Privileg, in einem gewaltfreien Umfeld aufzuwachsen. Vielleicht aber auch nicht – und das wäre dann der Moment, in dem dir klar würde, dass allein der Umstand, geboren zu werden, mit erheblichen Risiken verbunden ist.»

«Trotzdem würde ich mich für den Menschen entscheiden», sagte ich, nachdem ich zwei neue Biere bestellt hatte. «No risk, no fun! Man kann nicht ewig den Sandkasten hinterm Mond bewirtschaften.»

«Dem Mutigen gehört die Welt», rief Urs und erhob sein Glas. «Doch da gibt es etwas, was dir die Stimme noch nicht gesagt hat: Nämlich, dass der Mensch als einzige Kreatur auf dem blauen Planeten um seine Sterblichkeit weiss. Im Gegensatz zum Tier plagt ihn sein Leben lang die deprimierende Aussicht, dass dieses früher oder später zu Ende geht. Dagegen sinniert das Schwein selbst auf dem Weg zum Schlachthof nicht über sein drohendes Schicksal. Mit anderen Worten: Du wirst dich zeit deines Lebens mit dem Tod beschäftigen, so wie die Putzfrau mit einem untilgbaren Fleck.»

«Kann schon sein», antwortete ich, «aber sagtest du nicht, der Mensch verdränge, was ihm aufstösst? Der Kokon, in den wir uns hüllen, ist wie ein Relikt aus der Tierwelt und steht für ein dickes Fell. Er scheint mir eine vortreffliche Ausstattung zu sein: Verdrängung als lebensbejahendes Prinzip.»

Urs runzelte die Stirn. Vor dem Fenster leuchtete ein gelber Mond, und die Jukebox spielte «There Is a Light That Never Goes Out» von The Smiths.