Ich will unwürdig altern!

Senioren werden kritisiert, wenn sie sich wie Teenies verhalten. Dabei sollten sie genau das tun! (Foto: iStock)

Im Alter von etwa 14 Jahren verselbstständigte sich mein Körper. Weibliche Formen entwickelten sich explosionsartig, was mich mit Verzweiflung erfüllte. Das war 1970, in den Modezeitschriften machten die ersten Magermodels Schlagzeilen («ist das noch gesund?»), etwa Twiggy, die heute vermutlich zu dick wäre. Nun, an meinen Hüften und Oberschenkeln zeigten sich Kurven, und wo ich zuvor flach gewesen war, brauchte ich Körbchengrösse C. Die Haare waren ständig fettig, das Gesicht pickelig – ich litt. Meine Mutter versuchte mich zu trösten: «Das ist nur Babyspeck. Du bist jetzt ein Backfisch, aber das geht vorbei.» Ich wollte aber kein fetter, pickeliger Backfisch sein.

Wie vor 50 Jahren stelle ich heute wieder fest, dass sich mein Körper verselbstständigt. Die Haut schrumpelt wie bei einem Apfel vom letzten Jahr. Trotz schlanker Figur verschwindet die Taille, wird der Bauch rundlich. Hier und dort erscheinen braune Altersflecken. Aber anstatt zu leiden, beobachte ich diese Entwicklungen mit Interesse. Es ist, als ob mein alternder Körper mir helfen würde, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. («Innere Werte!!!») Dass der Lack abblättert, stimmt mich zwar ab und zu wehmütig, aber ich bin zufrieden mit mir und weiss: Es geht allen gleich. Ich bin echt dankbar, dass Körper und Geist noch gut funktionieren.

Ich bin ich, einfach ein paar Jährchen älter

Manchmal mahnt man uns Seniorinnen und Senioren, dass wir würdig altern sollten – was das auch immer heisst. Die heutigen Alten seien wie Pubertierende. Selber im 65. Altersjahr, bin ich aber Expertin und kann aus vollem Herzen sagen: Stimmt, meine Gefühle sind ähnlich wie in der Pubertät. Und doch wiederum ganz anders. Ich bin ich, einfach ein paar Jährchen älter. Warum redet niemand davon, dass Teenager doch bitte würdig erwachsen werden sollen?

Pubertierend geschimpft werden wir Alten aber vermutlich weniger wegen unseres Körpers als vielmehr wegen anderer Dinge. Etwa wenn wir mit 60 oder 70 Jahren noch Marathon laufen oder an anderen sportlichen Wettkämpfen teilnehmen. Kritisiert wird auch, dass wir uns «nicht altersgemäss», zu «jugendlich», zu sexy kleiden, beispielsweise Shorts tragenHätte ich die geblümten Kleiderschürzen meiner Oma aufbewahren sollen, um sie als Rentnerin zu tragen?

Dabei sind wir Alten gut fürs Geschäft. Schönheitsoperationen boomen wie noch nie, Anti-Aging-Produkte spriessen wie Pilze aus dem Boden. Drinks, Cremen, Kapseln und Konzentrate gegen das Altern? Ein Wunder, hat noch niemand einen Jungbrunnen gebaut: Auf der einen Seite tauchen Alte ins Wasser, auf der andern steigen sie um Jahrzehnte verjüngt wieder hinaus. Viele möchten noch einmal 20 sein, ich nicht, war ich doch damals ziemlich unglücklich mit meinem Körper und auch sonst.

Mein Leben, mein Abenteuer

Mit 64 ist das Alter unabwendbar und präsent, ich habe nichts mehr zu fürchten ausser dem Tod. Aber das bisschen Leben, das noch bleibt, will ich ausschöpfen. Die Zeit, wo ich im Altersheim sitzen werde, mit Menschen, mit denen mich ausschliesslich das Altsein verbindet, kommt noch früh genug. Die Vorstellung, mit anderen zu basteln, Spiele zu machen und um 19 Uhr mit Windeln im Bett zu liegen, ist unschön. Deshalb gebe ich in meiner letzten Lebensphase noch einmal richtig Gas: Mit meinen Freundinnen tanze ich halbe Nächte durch, und obschon ich mich gerne und mit Hingabe um meine Enkelin kümmere, wage ich ein grosses Abenteuer, vielleicht mein letztes: Mit zwei Freunden durchquere ich mit dem Fahrrad Russland und Sibirien bis zum Baikalsee. Ab Dienstag, 7. Mai, erscheint darüber jede Woche eine Kolumne in der Berner Zeitung.

Ich will unwürdig altern, mag mich nicht unsichtbar machen und den Mund halten. Woher stammen eigentlich solche Vorschriften, die gar nicht in unsere aufgeklärte Zeit passen? Schon der gute alte Bert Brecht hat sich mit diesem Thema beschäftigt und die Geschichte «Die unwürdige Greisin» geschrieben. Diese berichtet von einer 72-jährigen Frau, die sich Freiheiten herausnimmt, welche ihrer Umgebung absolut nicht passen. Die alte Frau schockiert ihre Familie und die Nachbarn, weil sie so lebt, wie es ihr Spass macht. Das war 1939. Mich dünkt, 80 Jahre später sieht es gar nicht so anders aus. Immer noch verlangt ein ungeschriebenes Gesetz, sich doch bitteschön angepasst zu verhalten. Warum, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Nicht nur Teenager sollen sich austoben dürfen, wir alle haben das Recht dazu. Schliesslich lebt man nur einmal.

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