Ja zur Selbstoptimierung

Sch… Quintana: Szene aus «The Big Lebowski». (Youtube)

Es war eine interessante Aussage, über die ich vorletzte Woche in den Kommentaren stolperte: Eine Dame kritisierte meinen Blog über den Besuch im Coop-Restaurant, und sie kritisierte meine Schreibe als Selbstdarstellung einer Selbstoptimiererin. Dabei wurde deutlich, dass sie von solchen Konzepten weniger als nichts hält.

Darauf muss ich ein bisschen länger antworten. Natürlich schreiben Blogger «ich», und sie schöpfen für ihre Texte aus ihrem Leben. Aber es geht nicht um Selbstdarstellung. Die Kunst liegt doch darin, im persönlichen Erleben das zu erkennen, was über das Individuelle hinausgeht, Erfahrungen in Worte zu fassen, die viele schon so oder ähnlich gemacht haben. Das versuche ich zur Diskussion zu stellen.

Nehmen wir also den Ball auf und reden über Selbstoptimierung, ein Begriff, der mit allerlei Negativem in Zusammenhang gebracht wird: mit Leistungsdenken, der Angst, sich diesem Diktat unterwerfen zu müssen, mit Vermessungswahn, Neoliberalismus, Perfektionsdrang, Wettbewerb. Als Gegenmodell wird dann oft das Credo der Selbstakzeptanz und Genügsamkeit angeführt.

Herausforderung statt Stagnation

Nur leider ist diese Gegenüberstellung falsch, und es ist auch falsch, Selbstoptimierung per se zu verteufeln. Selbstoptimierung muss Selbstakzeptanz nicht ausschliessen – im besten Fall ergänzt sich das. Das lässt sich am Sport sehr gut zeigen. Sowohl das Kompetitive wie auch das Selbstgenügsame haben ihre Berechtigung und ihren Sinn. Ersteres liegt in der menschlichen Natur und ist ein starker Antrieb. Letzteres ist ein Korrektiv und eine Rückfallposition, in die das Leistungsdenken eingebettet sein sollte.

Sport ist immer kompetitiv, wie jeder Sportler bestätigen kann. Es geht darum, sich zu messen, besser zu werden; das ist nicht nur im Leistungssport das Motiv, sondern in jedem Training. Wer seit Jahrzehnten Sport treibt, sucht sich entweder stetig neue Herausforderungen, wechselt irgendwann den Sport – oder er hört ganz auf. Nicht nur der Körper gewöhnt sich schnell an Belastungen, auch der Geist muss immer wieder herausgefordert werden. Man muss stetig variieren, sich neue Ziele stecken.

Mit den Jahren muss aber jeder Sportler auch lernen, Leistung und Wettbewerb nur relativ wichtig zu nehmen. Der Körper altert und Leistungssport ist ungesund. Hier geht es darum, die goldene Mitte zu finden, wobei Wettberweb ein gutes Mittel ist, sich zu motivieren. Der tatsächliche Gewinn aber liegt in der Performance. Die Tätigkeit an sich zählt, die Leistung wird sekundär. Man kann sich etwa vor einem Lauf zum Ziel stecken, eine persönliche Bestzeit zu erbringen. Aber selbst wenn es misslingt, hat man den Gewinn, sich aufgerafft, die frische Luft genossen, den Kopf ausgelüftet zu haben. Die Selbstoptimierung besteht nicht so sehr darin, immer bessere Zeiten zu laufen, sondern, sich den Sport so zu gestalten, dass er zum Gewinn wird. Wer sich nicht mehr verbessert oder zumindest verändert, der stagniert.  

Sind Sie Ihre beste Version?

Das gilt natürlich nicht nur für den Sport, sondern kann auch aufs Leben übertragen werden. Hätten die Menschen sich nicht immer schon optimieren wollen, gäbe es keine Autos und Züge oder iPhones. Es liegt in unserer Natur, uns verbessern zu wollen, es macht keinen Sinn, das zu verteufeln. Die Frage ist wie. Natürlich ist es ungesund, wenn junge Männer sich blöd trainieren, nur um irgendwelchen Idealen auf Instagram zu entsprechen. Natürlich sind Menschen, die sklavisch auf ihre Fitnesstracker schielen und jede Kalorie zählen, zu bemitleiden. Und natürlich kann der Drang zur Perfektion ungesund werden. Bei Optimierung geht es aber nicht um Perfektion, sondern um Verbesserung.

Was kann mehr motivieren als der Drang, sich verbessern, Neues dazulernen, aus Fehlern lernen zu wollen? Sich noch entwickeln, noch lernen zu können? Natürlich darf man niemanden dazu zwingen, aber nur weil man sich selber nicht verbessern will, sollte man das anderen nicht vorhalten. 

Ironischerweise fragte mich besagte Kritikerin, die mich als Selbstoptimiererin schmähte, in einem anderen Kommentar: «Sind Sie sicher, dass Sie die beste Version von Michèle Binswanger sind, die Sie sein können?»

Hier meine Antwort: Keineswegs. Aber ich versuche, es zu werden.