Bitte einen Sarg aus Schiffswrackholz

Zwei alte, alternde Freunde: Sandy Kominsky (Michael Douglas, r.) und sein Agent Norman (Alan Arkin). Foto: PD

Die Zähne tun nicht mehr weh, und man hört all das dumme Zeug nicht, das ringsum gesagt wird: So beschrieb der grosse Dramatiker George Bernard Shaw die Vorteile des Alters. Der Spruch könnte aber auch in «The Kominsky Method» fallen. Die Netflix-Serie hat gestern völlig zu Recht den Golden Globe für die beste Comedy-Sendung gewonnen, auch Hauptdarsteller Michael Douglas wurde ausgezeichnet.

Die Serie von Chuck Lorre («Big Bang Theory», «Two and a Half Men») handelt von zwei alten Freunden im letzten Lebensviertel, sie ist wunderbar melancholisch und humorvoll inszeniert. Douglas spielt den Schauspielcoach Sandy Kominsky, dessen eigene Filmkarriere schon vor Jahrzehnten ins Stottern geriet, weil er sich nicht verkaufen wollte und Loyalität zu seinem Beruf über alles stellte. Kominskys Studenten hingegen träumen von gut bezahlten Rollen, wenns sein muss, auch in einem Werbespot.

Der Generationenkonflikt wird weiter zelebriert, wenn Kominsky die Klasse mit Fragen zur Schauspiel-Methodik langweilt und eine Diskussion erst losbricht, wenn die Millennials sich über politische Unkorrektheiten in der Filmwelt entrüsten können. Solches Denken ist dem Oldtimer, der fidel in der Vergangenheit lebt, völlig fremd – genauso wie die seltsamen Ideen seiner Schüler. «Ich will eine Komödie ohne Witze schreiben», sagt einer. «Es gibt also nichts zu lachen?» fragt Kominsky nach. «Hoffentlich nicht.»

Eine Geronto-Bromance

Solche Altersgraben-Pointen sind nicht neu, genauso wenig wie Kominskys Besuche beim Urologen, weil er in «Morse-Code uriniert» (noch erniedrigender ist es, als er im Garten eines Dates in eine Hecke uriniert und vom Sohn der Frau erwischt wird). Was die Serie aber von Chuck Lorres Hit-Sitcoms abhebt, ist die Schilderung von Kominskys Freundschaft zu seinem Agenten Norman: Eine Geronto-Bromance, aber auch ein Porträt darüber, wie sich Maskulinität im Alter verändert, wobei die beiden Protagonisten damit völlig verschieden umgehen.

Kominsky, dreimal geschieden, verdrängt das Altwerden mit Affären mit jüngeren Frauen, meistens Schülerinnen von ihm. Norman wiederum hatte vor 50 Jahren eine Frau geheiratet, die die Liebe seines Lebens war – und die gleich zu Beginn der Serie dem Krebs zum Opfer fällt. «Wir sind Passagiere auf Schiffen, die langsam sinken», philosophiert dazu Kominsky. Ein schöner Gedanke. Noch schöner, dass Kominsky danach erklärt, dass er in letzter Zeit furzen muss, wenn er zu fest lacht.

Wortgewaltiger Sarkasmus

Diese Mischung aus Reflexion und Selbstironie ist das Markenzeichen der Serie, eine Gratwanderung zwischen Drama und Komödie, an der viele Produktionen scheitern – und die gerade im deutschsprachigen Raum kaum jemand hinkriegt. Nur schon diese Szene: Normans Frau verfügte, in einem Sarg aus angespültem Schiffswrackholz beerdigt zu werden, was den Witwer in eine urkomische Diskussion mit einem Bestattungsunternehmer stürzt. Kurz danach holt er im Waschsalon einen Stapel Hemden ab, worin er ein Kleid seiner Frau findet, und bricht in Tränen aus.

Wie Schauspieler Alan Arkin den von Verlust und Sinnlosigkeit gequälten Norman mit wortgewaltigem Sarkasmus spielt, hätte ihm auch einen Golden Globe einbringen sollen. Zumal die Fassungslosigkeit, immer noch hier zu sein, nicht nur für Norman gilt, sondern auch für den 84-jährigen Alan Arkin, der bereits 1967 Oscar-nominiert war. Und nun, 50 Jahre später, ein Netflix-Star ist.