Erinnerungen eines Hippiemädchens

Wiedersehen in Woodstock: Blue Hallock wurde 1969 als 18-jährige Besucherin des legendären Musikfestivals in Bethel, New York, für das Magazin «Life» fotografiert. Dieses brachte sie 1998 mit zu «A Day in the Garden», einem Festival am selben Ort. Foto: Reuters

Alte neigen ja bekanntlich dazu, die Vergangenheit zu idealisieren. Auch ich tappe manchmal in diese Falle, etwa dann, wenn ich Bilder von Woodstock sehe. Langhaarige Blumenmädchen in romantischen Kleidern, die mit ebenso langhaarigen Jungs nackt baden, in der freien Natur schmusen und zur Musik von Janis Joplin und Co. tanzen. Ach. Zu jener Zeit war ich 17 und träumte von der freien Liebe. Und man war ziemlich frei. Es gab die Pille, Aids war noch kein Thema, und wir warfen die alten moralischen Gebote über Bord.

Heute dagegen höre ich, wie viele junge Menschen gegen ihren Willen Singles sind. Sie daten bei Tinder, Elite oder Parship im Wochentakt irgendwelche Kandidaten oder Kandidatinnen, landen nach ausgiebigem Alkoholgenuss auch mal mit jemandem im Bett, bleiben aber weiterhin Single. Die freie Liebe – gabs die überhaupt jemals? – scheint verschwunden zu sein. Die jungen Leute sind beschäftigt mit Studium und Dates, für Abenteuer bleibt kaum Zeit, ausser vielleicht für Kreuzfahrten und Gruppenreisen. Es scheint offenbar heute schwer zu sein, eine Liebe zu finden, die eine Nacht, einen Monat oder Jahre dauert.

Es war einmal einfach, jemanden kennen zu lernen

Ohne die Hippiezeit idealisieren zu wollen: Es ist eine Tatsache, dass es damals einfach war, jemanden kennen zu lernen. Man traf sich, redete, tanzte und hatte, falls von beiden Seiten gewünscht, auch Sex. Für alles trug man selber Verantwortung. Wir Mädchen sagten Ja oder Nein, oder ergriffen auch selber die Initiative. Was «die Leute» dachten oder sagten, war mir egal. Das ist bis heute so geblieben. Vielleicht ist es Altersblindheit, aber ich finde, das Leben war einfacher ohne Genderfragen, ohne politische Korrektheit und #MeToo-Bewegung.

Hier und dort konnte man etwas lesen, 50 Jahre nach 1968. Über die damalige Rebellion gegen den kleinbürgerlichen Mief und sexuelle Verklemmtheit. Über Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und für den Frieden. Als ehemaliges Hippiemädchen kann ich nur sagen: Ich lebte damals nicht nur meinen Traum, sondern fast alle Träume. Und ich war überzeugt, die Welt verändern zu können. Verpasst habe ich nichts. Arbeitete in den verschiedensten Jobs, reiste dann wieder monatelang herum, nur mit einem Rucksack, kam zurück und hatte sofort wieder eine Stelle.

Allerdings blieb es mir nicht erspart, manchmal heftig auf dem harten Boden der Realität zu landen. Da bin ich jetzt: alt, aber im Herzen noch die Rebellin, die immer noch gerne zu Musik von den Rolling Stones tanzt.

53 Kommentare zu «Erinnerungen eines Hippiemädchens»

  • Vreni Heimer sagt:

    Da hatten Sie aber extrem liberale Eltern ! Ich war auch jung in dieser Zeit aber meine Eltern hatten mir seriöse Lebensgrundlagen eingeimpft ! Ich fühlte mich also gar nicht angezogen durch all dieses „über Bord werfen“ und diese Jahren waren welche die den abgang unserer Zivilisation anmeldeten. So sehe ich es jedenfalls, aber jedem seine Meinung. Es war auch der Anfang der Drogenzene. Warscheinlich gab es auch gute Seiten, ja die Musik natürlich, die Beatles usw., Flower Power, usw. das war gute Musik.

    • Paolo Martinoni sagt:

      Rauschmittel hat es immer gegeben, nicht nur damals. Es sind halt neue dazugekommen, denn man hat in jeder HInsicht Neues erfahren wollen – und diese war wohl eine der wenigen Kehrseiten der 68er-Bewegung. Aber nichts hat so viele Existenzen zerstört wie der Alkohol, daher ist diese Ihre Behauptung haltlos. Sie behaupten zudem, die Hippies hätten den Abgang der Zivilisation eingeläutet. Ein unverschämter Vorwurf, aber nicht erstaunlich. Denn die, die so genannte „seriöse“ Wertvorstellungen eingeimpft bekommen haben, das weiss ich nur zu gut, würden nie so was einem Hitler, einem Mussolini, einem Franco vorhalten, die Millionen von Leben vernichtet haben. Ich frage mich manchmal schon, was manche Leute unter „Zivilisation“ verstehen: Und schaudere dabei …

  • Valentin Brazerol sagt:

    Möchte ich unterschreiben!
    Früher war nicht alles besser, aber vieles gut!

  • Remo Kneubühler sagt:

    Danke für diesen Bericht. Kurz und bündig erklärt er uns, in was für einer selbst auferlegten Absurdität wir heute mit #metoo, Gender und political correctness Leben.

  • Michael Sold sagt:

    Danke für den Wink mit dem Zaunpfahl, das gestern doch nicht alles schlecht war.
    Aber waren es nicht wir, die die Welt verändern wollten und von see Steiffheit unserer Kinder eingeholt wurden. Und lassen wir unsere Enkel nicht permanent wie 1984 kontrollieren? Was war das nochmal für ein Buch? Nicht alles ist schlecht aber vieles vielleicht falsch gelaufen. Die Zukunft ist für die Jungen, aber eines hätten wir voraus: wir hatten keine Angst.

  • Paolo Martinoni sagt:

    1. Teil. Obwohl es inzwischen beinahe verpönt ist, der 68er-Bewegung etwas Gutes abzugewinnen – Liebe sei damals keineswegs „frei“ gewesen, die Mädchen hätten nur deshalb nackt gebadet und Sex mit Fremden gehabt, weil sie von Würde und Selbstbestimmung keinen Schimmer gehabt hätten, ganz zu schweigen von all den traumatisierten Kindern und all den als Hippies vermummten Phädophilen, die sich nackt herumtrieben auf dem Woodstock-Gelände, und so weiter und so fort –, denke ich heute noch gerne an die damalige Zeit: so lebendig, so mutig, aufmüpfend, aufrichtig, kreativ, aufbrechend. Und sage: Vielen Dank dafür! Denn so was Erfrischendes habe ich seither nicht mehr erlebt. Derzeit erlebe ich sogar eine neue Biedermeier-Zeit im Westen, ein Albtraum in meinen Augen oder fast.

    • Verena sagt:

      da pflichte ich Ihnen zu 100% bei!

    • Glasmost sagt:

      Ich denke in den heutigen Zeiten in Westeuropa sind wir so frei wie noch nie. Reisen, Bildung, Arbeit, Familienmodell etc. Ich möchte in keiner anderen Zeit leben. Und solange Sie keine Frauen belästigen, haben Sie auch kein Problem mit #MeToo – also regen Sie sich wieder ab.

      • Sportpapi sagt:

        @Glasmost: Die patzige Antwort passt gar nicht zum Text von Paolo Martinoni. Er regt sich ja gar nicht auf, und er hat auch nicht geschrieben, er würde lieber wieder in jener Zeit leben. Aber er hat ein paar durchaus wichtige Punkte angesprochen, die man auch ganz normal diskutieren könnte.
        „Solange Sie keine Frauen belästigen, haben Sie auch kein Problem mit #MeToo.“ Ich kenne auch Frauen, die zunehmend mehr ein Problem mit #MeToo haben. Und dem, was dabei mitschwingt.

        • Glasmost sagt:

          Da Sie offenbar sein Sidekick sind können Sie vielleicht folgendes beantworten: was ist feige, dreckig und berechnend daran, wenn Opfer sich gegen Missbrauch und Belästigungen wehren?

          • Sportpapi sagt:

            @Glasmost: Sidekick? Ihre Frage habe ich unten beantwortet, wo sie hingehört. Hier haben Sie erneut nicht auf das Bezug genommen, was ich geschrieben habe. Ist das so schwierig?

  • Paolo Martinoni sagt:

    2. Teil: Auch künstlerisch: Die Musik, die damals produziert wurde (Beatles, Pink Floyd, Rolling Stones usw.), sucht heute noch ihresgleichen. #MeToo? Gar nicht schlecht, Missbräuche aufzudecken – etwas aber ist äusserst faul daran und feige, berechnend, dreckig: nämlich aufseiten der vermeintlichen Opfer!

    • Martin Vischer sagt:

      Mit Verlaub empfehle ich Ihnen, sich auf die heutige Musik der Hippies einzulassen. Sie hört und produziert heute nicht mehr die Eagles sondern Psytrance. Reinhören lohnt sich – ein Festival zu besuchen noch viel mehr.

    • Aquila Chrysaetos sagt:

      Was ist feige, berechnend und dreckig, wenn Opfer von Belästigungen Missstände anprangern und sich gegen die Belästigungen wehren?

      • Sportpapi sagt:

        Es ist kein Problem, wenn Opfer von Belästigungen Missstände anprangern. Am liebsten direkt gegenüber dem Belästiger, aber auch auf allen anderen Kanälen.
        Nicht „sauber“ ist es aber, wenn diese Geschichten erst Jahrzehnte später wieder einfallen, und ausgerechnet dann publik gemacht werden, wenn der Belästiger in der Öffentlichkeit steht und damit Politik gemacht werden kann, unter anderem.

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    War das eine tolle Zeit!

  • Nicolas Fröhner sagt:

    Immer wieder Interessant wie andere Generationen über die Verhaltensweise der aktuellen Generation urteilt bzw. spekuliert. Ja klar – gewisse politische/gesellschaftliche Änderungen (Die auch dringend notwendig waren, da es früher weiss Gott nicht perfekt war) führen zu neuen Umgangsformen. Dass diese jedoch Einfluss auf die Gefühle der Menschen bzw. die Qualität der Liebe hat wage ich stark zu bezweifeln. Und ich denke als 25 Jähriger Single, der die sogenannte freie Liebe an jedem Tag geniessen kann, steht mir diese Aussage auch zu.

    • Asta Amman sagt:

      Nun ja, viele von uns haben Kinder in Ihrem Alter und daher schon Vergleichsmöglichkeiten. Früher war mehr Nonchalance und weniger Angst und die Zukunft leuchtete verheissungsvoll. Aber es gab ein viel grösseres Stadt/Landgefälle. Heute haben eigentlich alle jungen Leute Zugang zu den Lustbarkeiten dieser Welt – und das ist gut so.

  • Peter Herzog sagt:

    Ja gut, die Rolling Stones verkörpern die Frauenverachtung geradezu, von „Brown Sugar“ bis „Under My Thumb“ (ich mag ihre Musik aber auch.)

    „Für alles trug man selber Verantwortung. Wir Mädchen sagten Ja oder Nein, oder ergriffen auch selber die Initiative. Was «die Leute» dachten oder sagten, war mir egal. Das ist bis heute so geblieben. Vielleicht ist es Altersblindheit, aber ich finde, das Leben war einfacher ohne Genderfragen, ohne politische Korrektheit und #MeToo-Bewegung.“ – Wenn Sie das si erlebt haben und erleben, ist das super für Sie. Aber es ist tatsächlich blind bis und ignorant zu glauben, es seien alle Frauen so frei und stark wie Sie selber und deshalb bräuchte niemand eine komplizierte Debatte um sexuellen Machtmissbrauch oder überhaupt Frauenrechte…

  • Zufferey Marcel sagt:

    Man sollte die Vergangenheit nicht romantisch verklären, auch wenn man als älterer Mensch gerne dazu neigt, trotzdem: Ich denke, früher gab es noch viel mehr Vertrauen zwischen den Menschen. Dieses Urvertrauen hat in den letzten Jahrzehnten arg gelitten. Vertrauen ist aber der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält! Überdies hatten die Menschen im analogen Zeitalter viel mehr Zeit, sich zu begegnen und untereinander auszutauschen. Die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen ist heute eine ganz andere, als im Summer of Love, ob besser oder schlechter, sei dahin gestellt. Aber in der Tendenz glaube ich auch, dass es früher aus rein menschlicher Sicht besser war, als heute: Das neue Leitgefühl unserer Zeit ist der Hass, wie mir manchmal scheint- zweifellos eine unheilvolle Entwicklung!

  • Joey Eiholzer sagt:

    Die Verbindung zwischen freier Liebe und MeToo erschliesst sich mir überhaupt nicht. Dass die jungen das Unverbindliche nicht mehr mögen, allgemein aber auch in der Liebe sehe ich auch so. Hat sicher damit zu tun, dass wir heute einen Lebensplan haben müssen, häufig unter Druck sind und uns einen verlässlichen Partner wünschen, schon mit jungen Jahren. Das finde ich auch etwas tragisch, dass man nicht lieben kann, ohne grosse Verpflichtungen einzugehen. Ich gehöre auch zu dieser Generation und ertappe mich auch sehr häufig, dass ich Verlässlichkeit dem Abenteuer vorziehe.

  • Andreas Forrer sagt:

    Schön geschrieben! Auch wenn ich dazumal noch Lego spielte, hat mich diese Zeit beeindruckt.

  • Paolo Martinoni sagt:

    Was leider oft vergessen wird: Viele Freiheiten, die wir heute für selbstverständlich und unantastbar halten, verdanken wir der 68er-Bewegung. Ihnen etwa ist es zu verdanken, dass man heute in der Schweiz nicht nur Verheirateten eine Wohnung vermietet …

  • Charlotte Weibel sagt:

    Die Aussage, dass früher alles einfacher war ohne Genderfragen, ohne politische Korrektheit und #MeToo-Bewegung, kann nur von jemandem kommen, der selbst diese Probleme nie hatte. Menschen, die nicht in die gängige Geschlechts-„Norm“ passen, oder sich politisch diskriminiert fühlen, oder die sexuellen Missbrauch erfuhren, hatten es früher sicher nicht einfacher. Dieser gesellschaftliche Wandel, vor dem sich so viele Konservative und/oder Privilegierte fürchten, ist absolut notwendig zugunsten der früher Benachteiligten.

  • Anh Toàn sagt:

    Was war 1968 freier in der Schweiz? Konkubinat war verboten, in ZH bis 1971 im Wallis noch bis 1995.

    1973-1976 lief vom WDR „Ein Herz und eine Seele“, der Papa hiess Alfred Tetslaff oder „Ekel Alfred“. Das zeigte die Realität in Deutschen und auch Schweizer Heimen.

    Und so wegen Befreiung und Revoultion und Rolling Stones: Street fighting man endet mit:

    „what can a poor boy do
    ‚xept for sing in a R’n’R band
    there’s no place in sleepy london town (oder Schwammendingen)
    for a street fighting man.“

    • Marcel Senn sagt:

      Anh: Nun das Ekel Alfred hatte als Antagonisten immerhin noch seinen Schwiegersohn Michael Graf
      Der verkörpert den legeren, von den 68ern geprägten links stehenden Mittzwanziger und wird deshalb vom Familienoberhaupt regelmäßig als „Sozi“, „Komsomolze“, „langhaarige bolschewistische Hyäne“, „Kommunistenschwein“, „kommunistischer Drecksack“, „anarchistischer Drecksack“, „rote Rotznase“ und ähnliches bezeichnet. Er stammte aus der DDR und konnte noch rechtzeitig in den Westen übersiedeln.
      .
      Von dem her ist der damalige Zeitgeist auch in die deutsche Fernsehstube eingeflossen.

  • Roland K. Moser sagt:

    „…Das Leben war einfacher ohne politische Korrektheit, Genderfragen und #MeToo-Bewegung…“ Exakt. Und Schuld an der Misere sind die Rot-Grünen.

  • Anh Toàn sagt:

    Ja, da war noch Freiheit:

    Die Freiheit des Ehemannes, die Ehe zu vollziehen, auch wenn die Ehefrau nicht wollte.

    Die Freiheit vor Homosexuellen (bis 1990 war das Schutzalter für Heterosex 16 Jahre, für Homosex 20 Jahre).

    Bis 2002 war Abtreibung verboten in der Schweiz: Die Frauen mussten entweder nach Holland oder erhielten in manchen Kantonen mittels psychiatrischer Pathologisierung für eine Abtreibung. (Es gab einzig die medizinische Indikation: wenn die Schwangere hochgradig Selbstmordgefährdet war, durfte sie abtreiben.

    Die jungen Männer mussten sich psychiatrisch pathologisieren lassen, um nicht in die Armee zu müssen (Habe mich so Mitte der 80er im gegenseitigen Einvernehmen von der Armee getrennt)

    Man war das eine tolle Zeit, als noch Freiheit war.

    • Paolo Martinoni sagt:

      Die 68er-Bewegung hat auch deshalb stattgefunden, ist auch deshalb so heftig gewesen, weil es eben, wie sie zu Recht sagen, sehr wenige Freiheiten hatte damals – bei weitem weniger als heute. Von der patriarchalischen Familienstruktur etwa hatten viele junge Leute die Schnauze voll. Ich selber bin in einer solchen Familie aufgewachsen, mit einem christlichen „padre padrone“, der uns alle unterjocht hat. Dafür, dass es wenige Freiheiten hatte, ist aber nicht die 68er-Bewegung verantwortlich, sondern die Strukturen, die diese Bewegung zu Recht bekämpft hat. Und heute tragen wir einige Früchte davon. Naja – Sie sind, finde ich, ungerecht und undankbar, Herr Anh Toàn

    • Paolo Martinoni sagt:

      Sie schreiben: „Ja, da war noch Freiheit: Die Freiheit des Ehemannes, die Ehe zu vollziehen, auch wenn die Ehefrau nicht wollte“. Und dafür wären die damaligen Hippies schuld gewesen?!?! Das ist nichts anderes als eine verkehrte Darstellung der historischen Freiheit, Herr Anh Toàn, das ist mehr als nur unfair, so was zu behaupten. Ich bin in der damaligen Zeit aufgewachsen und weiss, wovon ich rede: Der Generationenkonflikt war gewaltig, teilweise brutal, denn wir Jungen forderten auf einmal Freiheiten, für die unsere schön christlich gedrillten, erzkonservativen Eltern null Verständnis hatten.

      • Anh Toàn sagt:

        Ich hab‘ doch nicht behauptet, die Hippies seien schuld gewesen. Die Hippies waren eine Minderheit, um zu leben wie sie wollten, mussten sie nach San Francisco, Ibiza oder Goa. Ansonsten war spiessbürgerlicher Mief angesagt, die Hippies waren Randständige, Drogensüchtige, Sozialhilfeempfänger, Leute aus der Kategorie, denen man nicht trauen konnte.

        Aber heute haben es die jungen Männer ja so schwer, mit all dem Feminismus und metoo und so: Wie es Christian Ehring so schön beschrieb bei Extra 3, wechslen die heute auf dem nach Hause Weg immer auf die hellere Strassenseite. Vor lauter Angst, eine Halbnackige mit zerissenen Kleidern springe aus einer dunklen Ecke und bezichtige sie der Vergewaltigung. Echt schlimm heute wie unfrei.

      • Anh Toàn sagt:

        @Paolo Martioni

        Kurz: „Sie forderten Freiheiten“: Wären die Freiheiten gewesen, hätten Sie sie nicht zu fordern brauchen.

        Das versuche ich auszusagen.

  • Michael sagt:

    Es ist Unsinn, gestrige Zeiten mit heutigem Massstab zu betrachten. Bestes Beispiel ist die Mode – weisse Tennissocken waren damals total angesagt. Heute sind sie ein modischer Graus, warum auch immer.
    Ich (Bj. ’54) habe meine beste Zeit in der 70igern erlebt. Langsam öffnete sich einem die Welt, Dinge hatten einen Wert und wurden demensprechend gepflegt. Wir waren politisch aktiv – Pershing Raketen, Nato Doppelbeschluss, Pragraf 218 + 175 – alles treib uns auf die Strasse. Fussball war ehrlich und faszinierend und eine Stehplatz-Karte für den Heimatverein kostete noch 5 DM. Musikalisch erlebten wir ungeahnte Höhepunkte und wir haben den Begriff der freien Liebe erfunden und auch gelebt. Weit und breit nichts von Aids zu sehen. Wir konnten wir sein, ohne jegliche Vorgabe von FB usw.

  • Michel sagt:

    Liebe Frau Fehlmann, ich stimme Ihnen weitgehend zu – und ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass diese freie Lebensart heute noch immer möglich ist: Man darf noch immer tanzen und reden und, wenn von beiden (oder allen) Seiten gewünscht, Sex haben. Um mihtuh braucht man sich nicht im geringsten zu kümmern, denn als anständiger Mensch ist man noch nie zum Lustgewinn über andere Menschen hergefallen. Es hat mir noch nie eine Frau eine runtergehauen oder die Polizei gerufen, weil ich sie angesprochen habe, denn wenn ich Frauen anspreche, bin ich nüchtern. Und die biederen Bünzlis in der Nachbarschaft grüsst man freundlich – sie grüssen meist freundlich zurück – und lässt sie bieder und bünzlig sein, solange sie einen nicht am freien Leben hindern. Mir gelingt das.

    • Laura Fehlmann sagt:

      Oh ja, eine freie Lebensart ist immer noch möglich, vielleicht dank den 68ern. Und je älter man wird, umso freier darf man sich fühlen, auch wenns vielleicht nur Narrenfreiheit ist. Born to be wild!

  • Martin Vischer sagt:

    Ich bin ganz Ihrer Meinung. Auch die darauf folgenden 25 Jahre waren richtig „er“-lebenswert. Heute frage ich mich ernsthaft, was aus uns geworden ist. Die Lustfeindlichkeit hat absolut jeden Winkel unseres Daseins erfasst. Angst, Frust und Hass dominieren die Alltagsgespräche, die Kommentarspalten, die Politik.
    Vielleicht habe ich Glück und erlebe es noch, wenn der Pendel seine Richtung wieder ändert.

    • Michael sagt:

      Ich glaube, es liegt daran, das der Kuchen für alle immer kleiner wird. Früher war es gut möglich, ein Stück abzubekommen. Da war selbst für den einfachen Menschen was zu haben. Und heute ? Viele dieser einfachen Jobs sind verschwunden und selbst als Lagerist muss man heute schon Matura haben. Aber diese einfachen Menschen gibt es immer noch. Dazu kommt, man kann überall hinreisen und bekommt alles was man will. Kaum etwas ist noch mit Aufwand verbunden. Politisch läuft alles, glauben viele und bleiben auf dem Sofa und schauen Bachelor. Aber Herr Trump führt die Welt zurück in die 80iger zum kalten Krieg. Despoten in der Türkei, Polen, Ungarn machen sich wieder breit. Aber solange sie nicht die Cervelat und den 1. August bedrohen ist das ja egal.

  • Lorena sagt:

    Wenn ich zurück an die 80er denke war alles einfach viel entspannter. Wenn jemand schwul war, hat man das zur Kenntnis genommen, aber es hat niemanden wirklich gejuckt. Heute „outet“ man sich und es gibt ein riesen Tamtam. Generell ist man damals mit Sexualität und Nacktheit viel natürlicher umgegangen. Wenn es in einer Turnhalle keine getrennten Duschen gab, haben wir halt mit den Jungs geduscht, so what. Heute wäre das ein Skandal und würde schon fast international Schlagzeilen machen. Es ist kaum zu glauben, wie verklemmt und prüde wir geworden sind.

    • Zufferey Marcel sagt:

      *****, Lorena: Genau so ist es!

    • maia sagt:

      Genau – und wenn ein Mädchen das nicht wollte, dann wurde es halt mit Gewalt unter Dusche geschleppt!!!! Schwule wurden regelmässig abgeschlagen, fanden keine Stelle, keine Wohnung usw. usf.

  • tigercat sagt:

    Wie kann man in romantischen Kleidern nackt baden?

  • Hans Minder sagt:

    Das Geniessen von Sex/Drugs/Alcohol waren sicher sehr schön für jene, die sich skrupellos dem Genuss hingaben….leider aber ist dieser Lebenstil nicht nachhaltig. Den Job, den man nach dem Trampen immer gerade fand war durch einen hart arbeitenden Unternehmer ermöglicht worden. Das Essen von einem Bauern, der täglich um 5 Uhr morgends aufstand, auch an Wochenenden. Das Konzert war von knallharten Managern organisiert…ohne jene wären die Beatles oder Stones noch heute nicht über ihre Heimatstädte heraus bekannt. Die (unerwünschten) Kinder wurden bei seriösen Heimarbeitern oder bei den „altmodischen“ Eltern parkiert. Und wenn alles bergab ging, dann kam man mit reuigem Gesicht beim Elternhaus an….und liess sich aufpeppeln. Naja, Frei sein ist schön, solange andere das Netz aufspannen

    • Laura Fehlmann sagt:

      Mit diesen Clichés liegen Sie falsch, Herr Minder. Es gab schon damals Eigenverantwortung und Verzicht. Nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen.

      • Hans Minder sagt:

        Danke Frau Fehlmann. Waren Sie eines der Hippie-Mädchen?
        Meine „Chliches“ basieren auf Vorgängen hier in Eugene, USA. In den liberalen Westküsten-Städten hat die Hippie-Bewegung immer noch viele Anhänger. Sie parken ihre in Wohnungen umgebauten Schulbusse auf öffentlichen Parkplätzen oder bauen ihre Zelte in Parks auf. Nahrung kommt von den Suppenküchen oder dank staatlicher Fürsorge (Oregon Trail Essensmarken). Die Hippie-Kinder gehen zur öffentlichen Schule (Pflicht der Stadt). Da Schulen jedoch von der Grundsteuer finanziert sind bezahlen die Hippies nichts, da sie keine festen Wohnsitz haben. Das Leben ist schön und frei, wenn man andere hart arbeiten lässt….deshalb ist die Hippie-Bewegung nicht nachhaltig und ist/war nur dank der restlichen Nicht-Hippie-Bevölkerung möglich.

        • Laura Fehlmann sagt:

          In der Schweiz gibt es auch noch ein paar solche. Aber ich schrieb ja über die Zeit um 1968.

          • Hans Minder sagt:

            Danke Frau Fehlmann. War die Hippie-Bewegung in den 68-ziger Jahren nachhaltiger als heute? Ich behaupte, dass wenige der Woodstock Besucher das Zeugs gehabt hätten, ein solches Konzert zu organisieren, oder die während der Konzerttage benötigte Nahrung selbst anzubauen/zuzubereiten. Das Axiom bleibt, dass die Hippies nur sich nur deshalb hinlegen und geniessen konnten, weil andere die Plattform dafür schufen. Auch die Anti-Baby-Pille wurde nicht von einem geniessenden/im drogenrausch tanzenden Hippie erfunden, sondern von ausgebilteten Chemikern/Ärzten. Mit andern Worten: sich vom reichen Onkel ein Eintrittsticket zum Konzert erbetteln und unter Drogen der freien Liebe zu fröhnen, das kann jeder…die Rahmenbedingugen für funktionierendes Leben zu schaffen können nur hart Arbeitende

  • maia sagt:

    Schön, dass alles für Sie so gut gelaufen ist. Leider galt in der Regel ein NEIN einer Frau damals noch lange nicht als NEIN. Aber vermutlich war/ist einer Stones-Höherin egal. Ich hörte lieber no-means-no!
    Auch blieben viele damals Single, obwohl sie manchmal nach Alkohol oder Drogengenuss mit jemandem im Bett landeten.
    Nicht zu vergessen, dass Frauen welche unerwünscht schwanger wurden oft noch „versorgt“ wurden!

  • Anh Toàn sagt:

    Noch etwas war 1969 in Sachen Sex deutlich weniger frei als heute: Überall waren Haare, 10cc sangen noch 1978

    „She said, „I’ve got it you want it
    My harvest is the best
    And if you try it you’ll like it
    And wallow in a dreadlock holiday“

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