Zürich, Stadt der Milfs

Denn sie weiss, was sie will: Szene aus «Immer Ärger mit 40». (Foto: Universal Pictures)

Auch Menschen über vierzig gehen manchmal aus. Allerdings weniger in Clubs als zu Einladungen bei Freunden und natürlich Geburtstagsfeiern. Und dort gibt es interessante Phänomene zu beobachten. Zum Beispiel an diesem vierzigsten Geburtstag, zu dem mein Partner und ich an einem heissen Sommerabend eingeladen waren. Die meisten Gäste unterhielten sich auf der Terrasse bei eisgekühlten Drinks, drinnen tanzten ein paar tapfere Damen.

Irgendwann verkündete meine Begleitung, er müsse mal aufs Klo und werde auf dem Rückweg die nächste Runde holen. Als er mit den Getränken wieder zurückkam und mir mein Glas in die Hand drückte, sah er zerfleddert aus: Was für ein Spiessrutenlauf!, keuchte er.

Ich: Was denn?

Er: Jetzt weiss ich, wie eine Frau sich allein im Club fühlen muss. All diese Ü-Vierzigerinnen drinnen auf der Tanzfläche sind offensichtlich mehr als bereit für ein Abenteuer. Und nicht zu scheu, das auch zu zeigen.

Ich tätschelte ihm das Händchen, man weiss ja nie, welche Traumata so ausgelöst werden können. Es stellte sich aber heraus, dass er das Erlebnis gut verkraftete.

Sie sind überall

Aber es ist tatsächlich so: Früher war für Frauen ab Ende dreissig ungefähr Sense, für Mütter sowieso. Zu dem Zeitpunkt hatte man Kinder oder sich von der Kinderidee verabschiedet und es sich in einer DINK-Situation (double income no kids) gemütlich gemacht. Partnersuche nach vierzig, vor allem wenn man schon Kinder hatte, roch nach Verzweiflung oder Midlifecrisis. Verschämt suchten «jung gebliebene Mittvierzigerinnen» in Annoncen einen Seelenverwandten oder eine Freundin. Das tun sie auch heute noch, aber eben nicht nur da. Sondern sie sind, zumindest in Zürich, überall.

Auch sonst hat sich fast alles geändert. Mit der hohen Scheidungs- und Trennungsrate, gerade auch in Familien, steigt auch die Zahl reiferer Frauen und Männer, die es noch einmal versuchen wollen. Oder nachholen müssen, was sie verpasst haben; sie nehmen sich junge Liebhaber, entdecken die Benefits bei Friends, oder suchen einfach ein Abenteuer, ohne dass irgendetwas daraus entstehen muss. Kinder hat man ja schon und nach der Trennung dank geteilter Obhut auch mehr Freizeit, die man jetzt für wilden Sex oder eine Beziehung ohne Familiendruck nutzen kann.

Die Midlifecrisis erfand ein Mann

Auch körperlich sind die Vierzigerinnen heute fitter denn je, eine Beobachtung, die eine Freundin neulich aus der Badi mitbrachte: «Ist dir schon mal aufgefallen, wie gut Frauen über vierzig heute in Form sind? Eine neue Generation von Milfs?», fragte sie mich. Und es stimmt. Sie sind überall – ihre Körper gestählt von Yoga, Pilates oder Crossfit, die sekundären Merkmale wenn nötig chirurgisch in den Zustand vor der Mutterschaft zurückversetzt, das Selbstbewusstsein stark wie nie und die Lust auf Sex sowieso. Sie entsprechen damit genau der klischierten Wunschvorstellung des Prototypischen Mannes: Sie wollen Spass ohne Bindung und vor allem viel Sex. Gern auch von jüngeren Liebhabern, die, wie mir ein Freund versicherte, darauf auch besonders gut ansprechen.

Und warum sollten sie auch nicht? Schliesslich ist die Midlifecrisis die Erfindung eines Mannes und betrifft in ihrer klassischen Ausprägung vor allem Männer. Die meisten Frauen haben, bis sie überhaupt ins Midlife-Alter kommen, schon zahlreiche analoge Krisen durchlebt: Mutterschaft, das Schwinden der Jugend, Verzicht auf Karriere und Träume, Trennungen. Und deshalb empfinden viele dieser Frauen eine Neuorientierung auch als Gewinn. Sie gehen raus und fordern das Leben noch einmal heraus. Dieses mal aber auf der Basis von reichlich Erfahrungen und mit einer Abgeklärtheit, von der sie als Zwanzigjährige nur träumen konnten.