Sex ohne Lust

 

Hatte offenbar eine lustlose Affäre mit Trump: Pornodarstellerin Stormy Daniels an einer Super-Bowl-Party in Las Vegas. (Foto: Getty Images)

Mein erstes Mobiltelefon kaufte ich circa 1998. Sobald ich es hatte, stürzte ich mich in einen atemlosen SMS-Flirt mit einem Mann, den ich aus den Medien kannte und an dessen Nummer ich gekommen war. Es dauerte nicht lang, da war aus Texting Sexting geworden und da wir sprachlich schon intim waren, schien es logisch, das alles körperlich in die Tat umzusetzen. Ich fuhr mit dem Fahrrad zur Wohnung des Mannes, und es war das peinlichste Date, das ich je hatte. Den Akt vollzogen wir natürlich trotzdem. Ich schwor mir, künftig zurückhaltender zu sein. Denn man kann sich digital prächtigst mit jemandem verstehen – aber ihn in Fleisch und Blut vor sich zu haben, ist eine ganz andere Geschichte.

Als digitale Jungfrau in einer digital jungfräulichen Welt war der vorzeitige Intimitäten-Erguss eine wohl unvermeidliche Falle. Heute gehört digitale Kontaktaufnahme und entsprechendes Flirten zum festen Bestandteil des Datings, entsprechend werden bereits Teenager gewarnt. Trotzdem zeitigt die Möglichkeit digitaler Annäherung natürlich Auswirkungen auf zwischenmenschliches Verhalten und Gefühlslagen.

Ein Rückzieher erscheint zu aufwendig

Das zumindest meint Maureen Dowd in einem Meinungsstück in der «New York Times» unter dem Titel «What’s lust got to do with it?» Was sie beschreibt, erinnert mich sehr an meine frühen Erfahrungen mit digital Dating: Es beginnt mit einer Begegnung, im realen oder im digitalen Raum; man schäkert textend Tage, manchmal wochenlang miteinander, versteht sich blendend, beschliesst, den nächsten Schritt zu tun. Beim Anflug in die körperlichen Sphären tauchen dann plötzlich Zweifel auf. Denn geistreiche SMS sind das eine. Ob man den Typ darüber hinaus attraktiv genug findet, um mehr zu wollen, ist eine andere Frage. Unsicherheit, Scham und gesellschaftliche Konventionen tun ein Übriges. Und wenn man schon zu weit gegangen ist, scheint der Aufwand für einen Rückzieher oft einfach zu gross. Also lässt man Sex mehr oder weniger über sich ergehen.

Eine von Dowds Referenzen ist Kristen Roupenians viel diskutierte Kurzgeschichte «Cat Person». Es geht darin um ein Date zwischen der 20-jährigen Margot mit dem 34-jährigen Robert. Sie begegnen sich zufällig, sie gibt ihm ihre Nummer, flirtet per SMS. Nach einigen Wochen treffen sie sich auf ein Date, aber sie ist ambivalent. Als sie sich küssen, gefällt es ihr nicht, trotzdem geht sie mit ihm nach Hause, und sie haben Sex – sie findet es grauenhaft. Trotzdem schafft sie es kaum, den Kontakt danach abzubrechen.

Fallstricke des digitalen Flirtens

Die Geschichte, geschrieben aus Margots Perspektive, beleuchtet einige Fallstricke des digitalen Flirtens: Unverbindlichkeit gepaart mit virtueller Intimität, aber ohne Körper. Intimität barg für Frauen immer schon Risiken. Finden sie einen Mann attraktiv und wollen sie sich sexuell auf ihn einlassen, gilt es die abzuschätzen. Dafür haben wir Instinkte entwickelt. Doch der digitale Raum hat neue Dimensionen hinzugefügt, was in der realen Begegnung manchmal ernüchternde Folgen haben kann. Man kann einen Mann aufgrund seiner Bilder attraktiv finden und aufgrund seiner witzigen Texte glauben, ihn ziemlich gut einschätzen zu können. Aber wie Mani Matter sagt: Die Welt ist so perfid, dass sie sich selten oder nie nach den Bildern richtet, die wir uns von ihr machen. Das gilt auch für Männer.

Und dann kommt Alkohol dazu, und man will sich nicht so geben und sitzt dann vielleicht plötzlich mit einem Mann auf dem Sofa und stellt fest: Eigentlich mag ich den gar nicht so. Vielleicht riecht er nicht gut oder küsst zu grob oder hat komische Ticks. Aber weil Frauen dazu erzogen werden, zu gefallen, weil sie zu scheu oder zu feige sind oder sich einfach zu wenig gut kennen, machen sie eben mit. Beim Akt dasselbe Muster: Es ist leicht zu fordern, Frauen sollen im Bett ihre Wünsche äussern. Es dann tatsächlich zu tun, gerade bei einer ersten intimen Begegnung, ist eine ganz andere Geschichte. In «Cat Person» führt sich Roger auf, als spielten sie beide in einem Pornofilm. Und Margot macht mit, ohne etwas zu sagen, während sie einen inneren Dialog mit einem künftigen Boyfriend führt, mit dem sie sich irgendwann über diese Geschichte amüsieren wird.

Damit er Ruhe gibt …

Roupenians Kurzgeschichte steht für die Datingwelt der Millennials: Unsicherheit, sich angezogen, dann wieder abgestossen fühlen, angespannte Stimmung, verunsichernde Bemerkungen, aufflackernde und verebbende Lust «wie das Zwicken eines elastischen Gummibands» – und natürlich der Einfluss von Alkohol. Aber die Konsequenz, Sex ohne Lust, ist eine für Frauen universale Erfahrung und zwar egal in welchem Alter. Dazu muss man nicht erst Stormy Daniels interviewen, wie es ihr gegangen ist, als Donald Trump den Gürtel öffnete. Man tut es, weil man nun mal schon nackt und bereit ist, um Komplikationen zu vermeiden, damit er Ruhe gibt. Der Unterschied zwischen einer Mittzwanzigerin und einer Mittvierzigerin liegt vielleicht darin, dass die Mittvierzigerin schon früher erkennt, dass es auf diese Situation herauslaufen könnte, und mehr Selbstvertrauen hat, die Übung abzubrechen oder, falls sie sich dagegen entscheidet, ihre guten Gründe dafür hat.

Natürlich wünscht man keiner jungen Frau ein Erlebnis, wie die oben beschriebenen. Sex ohne Lust kann eine Katastrophe sein, aber nicht notwendig. Manchmal ist es auch einfach eine Übung, um sich attraktiv zu fühlen, jemandem nahe zu sein oder dem Mann einen Gefallen zu tun. Solange die Frauen dabei mit sich selbst im Reinen sind, sollte ihnen niemand einreden, dass das falsch ist. Aber besser ist es, sich solche Dinge vorher zu überlegen.