Gönn es dir!

Übung macht den Genussmenschen! Oder: Warum wir die kleinen Dinge feiern sollten. (Foto: iStock)

Ich habe ein neues Hobby, es heisst geniessen. Von überall höre ich die Aufforderung. Die Leute fragen, was man mache, und man klagt etwas, dass die Arbeit streng sei und oft auch unbefriedigend und man müsse Probleme aus dem Weg räumen. Und dann sagt man, man habe Ärger und dass man sich auf die Ferien freue, aber erst noch packen und alles organisieren müsse und mit dem Wetter sei auch alles unsicher. Aber die Ferien sind schliesslich der Lichtblick, und darauf freut man sich. Und das Gegenüber sagt: Geniess es!

Genuss ist auch für Coop sehr wichtig. Slow Food steht für «nachhaltigen Genuss» und «traditionellen Genuss». Bei der Migros wird für «auserwählte Genusskreationen» geworben. Das SBB-Restaurant ist nicht einfach ein profanes Bistro, sondern man kann dort «köstliche Speisen geniessen» –  wie kann man da anders, als sich das gönnen zu wollen!

Generell taucht das Genussversprechen umso aggressiver auf, je höher die Preise für Dinge und Dienstleistungen. Je mehr Sterne ein Hotel hat, desto aufdringlicher wird man zum Geniessen, Fallenlassen, Eintauchen in eine andere Welt animiert. Alles ist nur darauf ausgerichtet, Wohlbehagen zu erzeugen.

Genuss auf Knopfdruck?

Dabei gibt es einen Haken. Denn zwischen den Gipfeln des Genusses liegen lange und tiefe Täler voller Stress. Die meisten rasen ja vor allem deshalb so atemlos durchs Leben, um diesen Gipfel irgendwann zu erklimmen. Den Punkt zu erreichen, an dem sie sich was gönnen und endlich hemmungslos geniessen können.

Nur sich gönnen zu können, ist das eine. Doch es auch geniessen zu können, etwas anderes. Genuss stellt sich nicht auf Kommando ein. Also sieht man sich bei den anderen um, was die sich alle so gönnen, um zu geniessen. Was sich der Freund oder Nachbar gönnt, will man sich auch gönnen können. Und nicht nur die analogen Freunde, vielmehr noch die virtuellen. Man flippt durch Profile, in denen zu sehen ist, was die anderen sich gönnen und wie sie geniessen. Und ja, das möchte man auch. Genau das, was der andere da hat.

Aber man muss sich schon ein bisschen kennen, um wirklich geniessen zu können. Denn wenn man immer noch anderen nachhechelt, also denkt, die hätten es noch besser, wird man nie zur Ruhe kommen. Denn Genuss ist etwas, das egoistisch nicht so gut funktioniert. Genuss liegt vor allem im Teilen, im Kontakt mit anderen. Ist also nicht etwas, das man sich kaufen kann.

Man gönnt sich ja sonst nichts

Die Genussfrage, sagt der Philosoph Robert Pfaller, ist eine politische Frage. Der Mensch habe ein Anrecht auf Eleganz, Würde und Genuss; aber der Raum, das öffentlich und in Gesellschaft zu zelebrieren, werde zunehmend eingeschränkt. Eine Verbotskultur verbannt alles, was mit Genuss zu tun hat, ins Private. Vielleicht hat er recht. Vielleicht sind die Aufforderungen, sein Leben zu geniessen, deshalb so allgegenwärtig, weil wir gar keinen Raum mehr haben, das zu tun. Und wenn wir uns den Raum schaffen, wissen wir nicht mehr, wie es geht.

Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwierig. Man muss es nur ein bisschen üben. Es ist wie beim Sport: Bei den kleinen Dingen anfangen. Es braucht nicht immer einen Gipfel, ein ekstatisches Erlebnis mit Pauken und Trompeten. Oder möglichst vielen Sternen und Punkten. Man fängt bei den kleinen Dingen an. Wenn die Frühlingssonne dir zum ersten Mal ins Gesicht scheint. Du eine nette Begegnung hast. Ein Film dich rührt, Musik dich flasht. Einfach kurz mal geniessen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

30 Kommentare zu «Gönn es dir!»

  • Claudi sagt:

    „Die Genussfrage, sagt der Philosoph Robert Pfaller, ist eine politische Frage. Der Mensch habe ein Anrecht auf Eleganz, Würde und Genuss; aber der Raum, das öffentlich und in Gesellschaft zu zelebrieren, werde zunehmend eingeschränkt. Eine Verbotskultur verbannt alles, was mit Genuss zu tun hat, ins Private.“

    Eine profunde Erkenntnis von Robert Pfaller.
    Und recht hat er. Heute wird so praktisch jeder Genuss von irgendwelchen Ideologinnen (leider mehrheitlich Frauen) verteufelt.

  • Joya Live sagt:

    Die kleinen Dinge wirken magisch und Sie brauchen den geübten Blick um diese wundervoll natürlichen Schönheiten zu erkennen bevor sie wieder verschwinden. L.G. von der vorbeiziehenden Wolke vor dem Vollmond.

  • Roland K. Moser sagt:

    „…Nur sich gönnen zu können, ist das eine. Doch es auch geniessen zu können, etwas anderes…“
    Sehe ich auch so.

  • Paolo Martinoni sagt:

    Genusskiller Nummer 1: Müdigkeit! Jedenfalls für mich. So dass ich mir stets genug Schlaf gönne. Die Kehrseite davon ist, dass man einiges verpasst aus Zeitgründen, weniger erlebt. Vielleicht deshalb ziehen einige es vor, rastlos durchs Leben zu rasen, möglichst viel zu erfahren bzw. zu geniessen – und seien sie noch so erschöpft, gestresst. Bisweilen beneide ich sie. Nicht genug allerdings, um auch mich müde zu leben. Nein: Lieber ausgeruht, leistungsschwach und erlebnisarm als umgekehrt. Um des lieben Genusses willen.

    • Heinz sagt:

      Ich stimme 100% mit Ihnen überein. Ich sage praktisch 90% aller Einladungen/Unternehmungen/Aktivitäten ab weil ich es nicht genissen kann wenn ich auf dem Hund bin. Dadurch erlebt man sehr viel weniger. Aber henu!

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    schon so. einfach blöd, dass die meisten genussmittel der gesundheit nicht wirklich zuträglich sind. aber he – scheiss drauf – „hunde, wollt ihr ewig leben!?“

    • Papperlapapi sagt:

      Die „Genussmittel“ haben häufig mit Genuss nichts zu tun und sind dann Suchtmittel.

      • Anh Toàn sagt:

        Was geht die Gesellschaft meine Gesundheit an? Kranheitskosten verursache ich am wahrscheinlichsten die letzten 2 Jahre meines Lebens, ob dies mit 70 ist oder 95 ist egal. Ist es aber mit 70, spart die Gesellschaft Rentenzahlungen.

        Es geht nicht um Finanzen, es geht um Moral. Die postmoderne Gesellschaft macht aus Gesundheit eine moralische Aufgabe, man muss Sport treiben, fit sein bis ins hohe Alter, darf kein Übergewicht haben. Die Erfülltheit eines Lebens wird an dessen Dauer gemessen, aber Amy Whinehouse oder Kurt Cobain haben mehr hinterlassen, als die allermeisten in hundert Jahren hinterlassen werden. Mit 98 noch mit den eigenen Zähnen ins Gras beissen können, geben wir unseren Kindern als Sinn des Lebens mit.

        • Anh Toàn sagt:

          Ich bin Teenager geworden mit „live fast, love hard, die young“, Letzteres habe ich verpasst, ich bin schon zu alt um jung zu sterben, viel älter als ich je sein wollte. (Als Kind, will man 18 oder 20 werden, damit man auch legal Auto fahren und in Clubs darf.) Aber warum sollte ich mich jetzt noch um meine Gesundheit kümmern?

          • Philipp M. Rittermann sagt:

            aber herr toàn – ganz einfach – damit man den „suchtmitteln“ länger frönen kann! 😉

          • Reincarnation of XY sagt:

            Rock’n’Roll macht auf Konflikte aufmerksam, war und ist ein Aufbruch. Ein Kampf gegen Heuchelei und Ignoranz. Aber das Ziel kann ja nicht sein, dass man in Verzweiflung stirbt, indem man sich schrittweise selbst zerstört.
            Es gibt geniale Rockmusiker, welche ebenso verzweifelt waren, aber diese Verzweiflung überwinden konnten und sich nun nicht mehr selbst zerstören, sondern etwas dazu beitragen, dass ihre Kinder nicht mehr dasselbe durchmachen müssen. Denen sollten sie mal zuhören.
            Ich weiss ja wirklich nicht, was sie ihren Kindern erzählen. Aber, dass man das Leben nur jung geniessen kann und der einzige Sinn in der Selbstzerstörung liegt, das ist ja wirklich eine traurige Einstellung.
            Wer sich weiterentwickelt, der kann auch das Alter geniessen.

        • Reincarnation of XY sagt:

          Lieber Anh Toin, wenn ich ihnen zuhöre, kommt es mir so vor als hätte die Platte einen Sprung. Jetzt widerholen sie immer noch ihre Teenie-Ideale, haben Sie sich denn seither gar nicht weiterentwickelt?
          Mit ihrer Glorifizierung von Cobain und co. Tun sie Cobein überhaupt keinen gefallen. Diese Menschen starben in ihrer Verzweiflung und das letzte was sie wollten, dass man sie dafür noch bewundert.
          Wenn wir diese Menschen ehren wollen, dann am besten damit, dass wir etwas dazu beitragen, dass Menschen mit psychischen Problemen geholfen wird, so wie das die Freund von Chester Bennington z.B. tun.
          Selbstzerstörisches Verhalten ist nicht cool und nicht heroisch. Es ist einfach ein Ausdruck von ungelösten Konflikten.

    • Maxi Packi sagt:

      Unschwer für Geniesser erkennbar, wie weit Sie vom Genuss entfernt sind. Eventuell den Artikel noch 2 oder 3 mal lesen und die Quintessenz sorgfältig analysieren. Vermute jedoch, dass Sie sich noch nicht oder vielleicht gar nie von der materiellen zur spirituellen Welt genügend wandeln können, um vermehrt die „wahren“ Werte des Seins zu leben.

  • julia müller sagt:

    Mir passt das leider gar nicht, wenn andere mich „kopieren“. Es war z.B. schon so, dass Nachbarn, die während unserer Ferien unsere Wohnung gehütet hatten, uns danach regelrecht vorschwärmten, sie würden jetzt dieses+dieses Möbel nachkaufen, die hätten ihnen sooo gefallen bei uns. Mir gefällt das null, ich habe das Gefühl, die Art der Einrichtung sei mein „geistiges Eigentum“, meine ureigenste Idee, und passe auch nicht zu jedem anderen einfach so. Bei Kleidern sehr oft do., komme ich zu einer bestimmten Gelegenheit in dem+dem Outfit, sitze ich bei nächster Gelegenheit meiner Kopie gegenüber …, es nervt.
    Mein Mann dagegen freut sich, wenn es anderen bei uns gefällt/wir anderen gefallen und sie uns kopieren, das unterstütze uns doch, für ihn kein Problem: Er geniessts, ich nicht.

    • Karin Keller sagt:

      Sie verwechseln besitzen mit geniessen…!

      • julia müller sagt:

        @KK: Habe darauf Bezug genommen:
        „Was sich der Freund oder Nachbar gönnt, will man sich auch gönnen können.“ Man flippt durch Profile, in denen zu sehen ist, was die anderen sich gönnen und wie sie geniessen. Und ja, das möchte man auch. Genau das, was der andere da hat.“
        Ist das was missverständlich?, dann gerne melden.

        • romeo sagt:

          ..man glaubt, einzigartig zu sein und muss feststellen, dass man gerade mal Durchschnitt ist… dumm gelaufen.

  • Anh Toàn sagt:

    Was kann sich der Mensch in einer Überflussgesellschaft gönnen? Konsumverzicht! Im Überfluss ist Verzicht der wahre Luxus, unnötig, überflüssig, rein zur Verzierung. Ich gönne mir Verzicht auf Konsum und damit auf das Rennen darum, mehr zur Verfügung zu haben, um mehr konsumieren zu können. Das ist unmoralisch: „Müssiggang ist aller Laster Anfang“.

    Doggter Tingler bringt es bereits mit Titel und Untertitel auf den Punkt:

    „Kann man NICHTS kaufen? Und ist das anständig?“

  • andy sagt:

    Bin fasziniert von Ihrem neuen Hobby „Geniessen“.
    Nun, mein Tipp. Machen Sie doch das Hobby zum Beruf oder zur Lebensaufgabe bzw. zum Sinn des Lebens.
    Bin mir sicher, alles wird leichter.
    Das Leben ist schon kurz genug.

  • Markus Rohr sagt:

    Das kränkste in dieser Richtung war eine Werbung im Fussballumfeld eventuell auch Eishockey: “Erlebe Emotionen!“

  • Maike sagt:

    Geniessen bedeutet für mich, etwas bewusst und in Ruhe zu tun. So kann ich auch einen Döner geniessen. Oder am Wochenende einfach mal nichts tun. Ein intensiver Tischtennis Match, ein Spiel meines Lieblingsfussballverein, auf dem Sofa sitzen und die Katze auf dem Bauch kraulen, ein Wannenbad mit einem Badezusatz, der meine derzeitige Stimmung unterstützt, ein Hörspiel usw.. Vor allen Dingen kann mir niemand vorschreiben, was Geniessen ist und was nicht ! Und auch darin liegt ein gewisser Genuss.

  • Othmar Riesen sagt:

    Ich denke, die Kunst liegt darin, etwas zu geniessen, nicht weil es andere tun, sondern weil man selber entschieden hat, dass etwas gut ist und einem gut tut. Damit entfällt sofort alles, was „Kult“ ist, alles wovon andere schwärmen, alles was in der Werbung erscheint. Und wissen Sie was: mit diesem Selbstvertrauen kommt man auch sonst besser durchs Leben.
    Beste Grüsse, O.R.

  • Rolf Hefti sagt:

    Eine Lohnerhöhung sicher .

  • Marco sagt:

    Es gibt nur wenige Menschen, die geniessen können, die meisten geniessen es erst, wenn sie ihren Genuss ihrem ganzem Umfeld unter die Nase gerieben haben…

  • Hans Minder sagt:

    Könnte der Schlüssel zum wahren Genuss im Konzept der Ewigkeit verborgen sein? Hätten wir z.B. eine endliche Zahl von leckeren Gerichten pro Leben, könnten wir das Verschlingen des letzten kulinarischen Höhenflugs wirklich geniessen? Würde sich nicht eine Trauer nach dem Genuss breit macht, da wir nun einen Schritt näher bei der endlichen Anzahl von schmackhaften Gerichten angekommen wären?
    Mit der Überzeugung der Unsterblichkeit der spirituellen Existenz könnte man uneingeschränkt geniessen: z.B. den Schlaf, ohne die Angst, etwas verpasst zu haben. Halberfolge können zum Genuss werden, da man ewig Zeit hat sie zu perfektionieren, ohne Neid auf erfolgreichere Geniesser zu verspüren. Auch erübrigte sich die Aufholjagt neu entdeckter Genüsse, egal wie lange andere diese bereits kannte

  • Roland K. Moser sagt:

    Je mehr man dem Glück hinterherseckelt, umso weiter entfernt es sich.

  • Bruno sagt:

    Wie heisst es doch so schön:

    „Alles, was Spass macht, ist entweder verboten, unmoralisch, oder es macht dick“

  • Jessas Neiau sagt:

    Natürlich, wenn man älter und bur noch älter wird, dann fängt man plötzlich bei den „kleinen Dingen“ an – weil die grossen inzwischen alle längst völlig unerreichbar sind und man noch nichtmal mehr den Mut hat, sie wenigstens noch anzustreben. Da ist es dann wohl bald Zeit, dass der Deckel zuklappt.

  • julia müller sagt:

    Wir sind gut damit gefahren, uns Ziele zu setzen, mal kleine, mal grosse. Erreichen wir sie ganz, sind wir glücklich, geniessen es, wenn nur halb/teilweise/gar nicht, auch, sagen uns „Die Hälfte haben wir ja geschafft“ oder „Wir habens wenigstens probiert“.

    Unser nächstes kleines Ziel ist, gute Bauten von guten Architekten in der CH anzuschauen (à la „Architektur erwandern“ Bd. 1) , sie zu fotografieren (mit alter Nikon-Kamera, s/w) und zuhause damit eine „Wanderausstellung“ zu machen. Für dieses Vorhaben sammeln wir schon seit längerem alles, was uns diesbez. interessant erscheint. Wir freuen uns sehr auf die Umsetzung, die Vorfreude ist ja die schönste Freude …

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