«Das Hortleben ist heute durchgetakteter»

Ist das Kind gut aufgehoben im Schulhort? Sozialpädagoge Martin Grebe sagt, woran man eine gute Einrichtung erkennt und wie ein Neueintritt gelingt.

Auch Eltern können dazu beitragen, dass die Fremdbetreuung gelingt: Zahnputzbecher in einem Zürcher Kinderhort. Foto: Keystone

Martin Grebe leitet seit zehn Jahren die Betreuung am Schulhaus Kügeliloo in Zürich Nord, die heute aus fünf verschiedenen Hortgruppen besteht. Wir haben mit dem Sozialpädagogen kurz nach dem Ende der Sommerferien über gelingende Eintritte und die Herausforderungen grosser Gruppen gesprochen.

Herr Grebe, wie gestalten sich die ersten Wochen nach den Sommerferien in den fünf Hortgruppen des Schulhauses Kügeliloo?
Ganz schön turbulent. Vom Schulstart bis zu den Herbstferien ist für uns die anspruchsvollste Zeit. Einerseits müssen sich die neuen Kindergartenkinder einleben. Andererseits haben auch die bestehenden Hortkinder so manche Veränderung zu verdauen – vor allem beim Wechsel in die erste oder vierte Klasse. In dieser Zeit ist es besonders wichtig, dass wir die Kinder individuell auffangen und sie nicht überfordern – zum Beispiel mit Aktivitäten.

Wie können Eltern dazu beitragen, dass der Start gut gelingt, wenn ihr Kind neu den Hort besucht?
Das Wichtigste ist, dass Eltern dem Konzept Fremdbetreuung gegenüber positiv eingestellt sind. Manchmal spüre ich Vorbehalte, teils gar Scham. Hier sind wir gefordert, den Eltern zu zeigen: Ein schlechtes Gewissen ist absolut unnötig. Wir sind für das Kind da. Ihm wird im Hort Bildung, Betreuung und Erziehung in einem erweiterten Kontext angeboten. Haben Eltern dieses Vertrauen, spürt das auch das Kind. Zudem kann es einem Kind auch helfen, wenn es – wenn möglich – in der ersten Zeit früher abgeholt wird oder wenn ein Elternteil mal in den Hort zum Mittagessen kommt.

Eltern dürfen im Hort essen?
Bei uns ist das ohne weiteres möglich. Bei den grossen Mengen, die wir zubereiten, ist das auch bei einer kurzfristigen Anmeldung kein Problem. Aktuell müssen wir uns natürlich an das Corona-Schutzkonzept halten und beispielsweise dafür sorgen, dass Abstände eingehalten werden. Wir werden aber normalerweise nicht überrannt, die wenigsten nehmen das Angebot an. Im Einzelfall, wenn ein Kind wirklich Mühe hat, kann es aber Wunder wirken. Die Eltern zeigen ihm damit: Wir fühlen uns hier auch wohl. Wir und alle hier sind für dich da.

«Den Eltern rate ich bei einem Durchhänger: Sucht das Gespräch.»

Lässt sich sagen, dass jedes eingeschulte Kind grundsätzlich auch bereit ist für den Hort?
Vor zehn Jahren waren Kindergartenkinder noch ein Jahr älter. Heute haben wir Vierjährige. Viele von ihnen schaffen das prima. Aber ja, es gibt auch jene, denen es anfangs zu viel ist. Sie schlafen zum Beispiel nach dem Mittagessen ein. Oder wollen nicht mehr in den Hort oder klagen über Bauchweh. Meistens merken Eltern dies vor uns. Sie sollten auf uns zukommen, damit wir besprechen, wie wir die Belastung verringern können. Wir sorgen dann dafür, dass das Kind zusätzliche ruhige Zeiten erlebt. Indem es beispielsweise in einer kleinen Gruppe CD hören oder ein Büechli anschauen kann. Vielleicht kann es auch eine Weile früher abgeholt werden. Oder die Zeit im Hort lässt sich mit einem Nachmittag bei den Grosseltern oder Nachbarn reduzieren.

Manche Kinder starten prima, finden es toll im Hort und haben plötzlich später einen Durchhänger…
Das ist normal und kommt immer wieder vor. Vielleicht schmeckt das Essen nicht. Oder es sind keine «Gspänli» da. Vielleicht wird das Kind gehänselt, was wir leider nicht in jedem Fall sofort merken. Auch erleben wir Kinder, denen es irgendwann widerstrebt, sich in der Gruppe zu bewegen. Sie sind dann eventuell früher in der Lage, allein daheim zu sein. Gerade die Fünft- und Sechstklässler haben manchmal auch schlicht genug vom Hort. Wir sind aber auch hier stets bestrebt, zielgruppengerechte Aktivitäten anzubieten. Den Eltern rate ich bei einem Durchhänger: Sucht das Gespräch. Die Hortbetreuung ist eine Dienstleistung und es muss ihr Anspruch sein, sie zur Zufriedenheit aller zu erbringen.

Qualitätsbewusstsein und Dienstleistungsverständnis variieren wohl von Hort zu Hort. Woran erkennt man eine gute Einrichtung?
In einem guten Hort besteht das Team aus ausgebildeten Fachpersonen, ist motiviert und genügend gross. Es nimmt die Kinder ernst und tritt ihnen gegenüber stets verständnis- und liebevoll auf. An ihren Horttagen können Kinder aus verschiedenen altersgerechten Angeboten und Aktivitäten wählen. Und auch auf gute Kommunikation mit Eltern und Kindern wird Wert gelegt. Das drückt sich zum Beispiel in einem Eintrittsgespräch und weiteren Elterngesprächen aus. Und darin, dass Anliegen stets auf offene Ohren stossen.

«Pro Tag betreuen wir teils über 200 Kinder. Manchmal vermisse ich das Kleine, Überschaubare.»

Und wenn der Hort meines Kindes dem nicht entspricht?
Dann kann ich wieder nur empfehlen, dies anzusprechen. Natürlich kann es auch sein, dass man sich einfach nicht sympathisch ist. Vielleicht besteht in diesem Fall die Möglichkeit, dass das Kind in eine andere Gruppe wechseln kann.

Sie arbeiten seit zehn Jahren als Betreuungsleiter des Schulhauses Kügeliloo. Wie hat sich in dieser Zeit das Hortwesen verändert?
Der Alltag im Hort ist dynamischer geworden. Wir bieten heute mehr und stark zielgruppenorientierte Angebote. Und wir verstehen uns stärker als Einheit mit dem Lebensraum Schule. In etwa fünf Jahren rechnen wir bei uns mit der Tagesschule. Doch die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen ist heute schon enger und intensiver geworden. Auch sind wir stark gewachsen. Früher waren in meinem Team 15 Leute. Heute sind es 37. Pro Tag betreuen wir teils über 200 Kinder, die auch bei uns essen. Wir sorgen aber dafür, dass möglichst nie mehr als 40 Kinder gleichzeitig in einem Speiseraum sind.

Das sind grosse Gruppen.
Ja, manchmal vermisse ich das Kleine, Überschaubare. Könnte ich mit dem Finger schnipsen und wünschen, würde ich ein weiteres Gebäude hinstellen und die gleiche Anzahl Kinder auf kleinere Gruppen aufteilen. Die grossen Gruppengrössen bergen die grössten Herausforderungen.

Und sind ein häufiger Kritikpunkt von Eltern…
Was verständlich ist. Wir versuchen aber laufend, das Problem zu entschärfen, indem wir Gruppen aufteilen, verschiedene Angebote in kleineren Gruppen anbieten und teils in Schichten essen. Das Hortleben ist so zwar durchgetakteter als früher. Doch die Beziehung, das «Sein» mit den Kindern, findet dennoch immer statt. Nicht mehr in gleichbleibenden Gruppen von 12 bis 18 Uhr. Dafür in kleinen, wechselnden Gruppen, etwa wenn man eine Handvoll Kinder nach dem Zvieri beim Inlineskaten auf dem Pausenplatz betreut.

Haben Sie einen Wunsch an die Eltern?
Nur diesen: Seien Sie offen. Melden Sie zurück, wenn ihr Kind unzufrieden ist oder Sie das Gefühl haben, etwas läuft nicht gut. Nur so kann ein Problem angegangen werden.