Freitagsfrage

Mein Kind will nur spielen!

Schwimmen, rechnen oder Klavier spielen: Viele Kinder meiden Tätigkeiten, die zu viel Übung und Disziplin erfordern. Unsere Expertin hat Tipps.

Hula-Hoop statt Mathe: Wenn das Kind partout nicht lernen will, kann das ziemlich nerven. Illustration: Benjamin Hermann

Liebe Daniela, ich lese Ihre Beiträge immer sehr interessiert! Unsere achtjährige Tochter möchte am liebsten immer nur spielen. Das tönt vielleicht nicht nach einem Problem, sondern nach normalem kindlichem Verhalten. Nur ist es so: Kaum geht es nicht mehr mit Spielen, sondern nur noch mit Üben, will sie eine Tätigkeit nicht mehr ausüben. Sei es Schwimmen, Kopfrechnen, Handstand oder Skifahren – als Rollenspiel wird es akzeptiert, als reine Übung abgelehnt. Das strengt meinen Mann und mich sehr an und manchmal nervt es auch nur! Wie können wir ihr zeigen, dass es ohne Üben nicht geht? Vielen Dank für Ihre Antwort! Caroline

Liebe Caroline, herzlichen Dank für Ihre Frage. Es ist ein sehr komplexes Thema, das Sie ansprechen und das vielen Eltern zu schaffen macht.

Während Kinder im Vorschulalter oft noch die Vorstellung haben, alles erreichen zu können, wenn sie sich nur genug Mühe geben, erkennen sie ab Grundschulalter, dass Anstrengung und Fähigkeit unabhängig voneinander sind. Ihre Leistungen werden in der Schule plötzlich mit jenen anderer Kinder verglichen und entsprechend beurteilt. Dadurch erkennen Kinder, dass nicht alle Leistungen durch eine intensivere Anstrengung erreichbar sind, weil die dafür benötigten Fähigkeiten nicht ausreichen. Und sie müssen lernen, mit den Herausforderungen solcher Leistungssituationen umzugehen.

«In Mathe bin ich halt einfach nicht gut!»

Die Entwicklungspsychologen Schneider und Lindenberger beschreiben dabei zwei «Typen» von Kindern: Die «Bewältigungsoptimistischen» und die «Hilflosen» (ich nenne sie lieber die «Bewältigungspessimistischen»). Die «Bewältigungsoptimisten» schreiben Erfolge, zum Beispiel im Rechnen, ihren eigenen Fähigkeiten zu. Wenn etwas misslingt, dann sind äussere, nicht zu kontrollierende Umstände daran schuld. Etwa die Lehrerin, die eine schwierigere Aufgaben gestellt hat. Sie lassen sich dadurch nicht entmutigen und sind motiviert, sich auch diesen Herausforderungen zu stellen.

«Bewältigungspessimistische» Kinder hingegen sehen ihre Erfolge eher in äusseren Faktoren, wie Glück oder Zufall. Einen Misserfolg erklären sie zum Beispiel damit, dass sie in Mathe halt nicht gut sind. Sie sind pessimistischer, was zukünftige Erfolge anbelangt und geben bei unbekannten und schwierigen Herausforderungen eher auf. Diese negativen Zuschreibungen bewirken, dass die Kinder solche Aufgaben nicht wirklich zu bewältigen versuchen – auch wenn sie das mit etwas mehr Anstrengung durchaus könnten. Und genau das führt zu weiteren Frustrationen und auch Angst vor Leistungssituationen.

Diese entwicklungspsychologischen Erläuterungen sollen nicht der Typisierung Ihrer Tochter dienen, da Individuum und Umstände nicht so einfach zu reduzieren sind. Dennoch bieten sie ein Erklärungsmodell, welches den Blick auf das Verhalten von Kindern erweitern und über Konsequenzen daraus nachdenken lässt. Zum Beispiel ist es hilfreich, Erfolge bei bewältigungspessimistischeren Kindern zu benennen und mit ihren eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen in Verbindung zu bringen.

Das Üben beginnt vor dem Üben

Tolle Jobaussichten und ein gutes Salär – diese Argumente bringen Kinder kaum dazu, Kopfrechnen zu üben. Viele Eltern sind frustriert, wenn ihre Motivationsanstrengungen im Sand verlaufen. Sie befürchten schlechte Noten und eine Passivität der Kinder – und setzen Druck durch Belohnung oder Bestrafung auf. Und siehe da, das Kind übt! Ein Preis für solche, auf Macht beruhende Erziehungsmethoden ist aber unter anderem, dass Kinder den Übungsgegenstand als etwas erkennen, das sie tun müssen, um Belohnung zu erhalten oder Bestrafung zu entgehen – die Übung selbst verliert an Bedeutung. Ausserdem fühlen sich alle Beteiligten meist nicht gut dabei und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern wird strapaziert.

Üben beginnt vor dem Üben: Richten Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter einen Platz zum Üben ein. Möchte sie sitzen, liegen, Musik hören oder einen besonderen Stift? Hilft ihr ein besonderes Ritual, sich auf das Üben einzulassen? Solche Gespräche mit Kindern können kreativ und lustvoll sein! Lassen Sie ihre Tochter ihr Üben planen und helfen Sie nur, wenn sie das möchte. Viele Kinder akzeptieren kurze, bewältigbare Übungseinheiten über eine längere Dauer besser als lange Übungseinheiten. Versteht ihre Tochter, wozu sie die Kopfrechenaufgaben üben soll? Finden Sie es gemeinsam heraus!

Eltern haben sehr viele Möglichkeiten, ihr Kind beim Üben und Lernen zu unterstützen, ohne die Beziehung zu beeinträchtigen. In dieser Infografik von Elternbildung CH finden Sie weitere Anregungen dazu. Dieses Video zum Thema selbstbestimmtes Lernen und Lernmotivation (die ersten drei Minuten) kann ich Ihnen auch empfehlen.

Kleine Veränderung, grosse Wirkung

Unterstützen von Kindern bedeutet jedoch nicht nur Aktivität von Erwachsenen: Kinder wollen sich entwickeln und Eigenkompetenz erleben und finden daher eigene kreative Lösungsansätze. Was wäre, wenn das (Rollen-)Spiel Ihrer Tochter nicht das Problem, sondern bereits ihr Lösungsversuch ist? (Rollen-)Spiele sind toll, um belastende Herausforderungen vorweg zu nehmen und sie im Spiel zu bewältigen. Damit können Kinder Ängste abbauen und Selbstwirksamkeit erleben.

Im Sinne der bisherigen Überlegungen möchte ich Ihrer Frage «Wie können wir ihr zeigen, dass es ohne Üben nicht geht?» einige alternative Fragen vorstellen, welche zur Bewältigung der aktuellen Situation beitragen können:

  • Glauben wir daran, dass unsere Tochter leistungsbereit ist, wenn sie etwas erreichen möchte? Wo haben wir das bereits bei ihr kennengelernt?
  • Wie können wir unsere Tochter darin unterstützen, ihr eigenes Interesse zu entwickeln und zu verfolgen? Wo ist das bereits gelungen?
  • Wann und auf welche Weise übt unsere Tochter Dinge, die ihr Freude bereiten?
  • Wie geht unsere Tochter ans Lernen heran und wie können wir sie entsprechend in ihren Herausforderungen unterstützen?
  • Wie können wir das, was unsere Tochter lernen soll, im Alltag anwenden, damit sie Zusammenhänge und Nützlichkeit erfahren kann?
  • Schwimmen, Kopfrechnen, Handstand und Skifahren: Wie viele Übungsfelder kann unsere Tochter gleichzeitig bewältigen? Was davon ist wirklich wichtig und was können wir im Moment weglassen?
  • Welche Befürchtungen haben wir in Bezug auf das Übungsverhalten unserer Tochter? Wie gehen wir damit um?

Die Fragen zeigen in ganz unterschiedliche Richtungen und verdeutlichen, wie vielseitig das Thema ist. Damit haben Sie ganz verschiedene Ansatzpunkte, dem Thema zu begegnen und etwas zu verändern. Das Schöne daran: Auch kleine Veränderungen in einem Bereich können die ganze Situation günstig beeinflussen! Es gilt, das Wichtigste dabei immer im Auge zu behalten: Ihre Tochter, die mit ihrer eigenen Geschwindigkeit, ihrer eigenen Art in der Welt ist und Anforderungen auf ihre Weise begegnet. Darin können Sie sie stärken und unterstützen.

Ich wünsche Ihnen dazu alles Gute,

Daniela

Liebe Leserinnen und Leser, haben auch Sie eine Frage an Elternberaterin Daniela Melone? Schreiben Sie uns an blogs@tamedia.ch.

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10 Kommentare zu «Mein Kind will nur spielen!»

  • Vreni sagt:

    Wenn man sein Kind frei lässt, dann merkt man ob es sich in ein Instrument interessiert usw. Das Leben ist später voll von Verpflichtungen, warum ihnen noch diese paar Jahren unbeschwertheit stehlen ?

    Man ist motiviert wenn man etwas liebt, nicht nach Dressur !

  • Mamaseele sagt:

    …und siehe da: sie meldet sich, wenn sie es braucht. Sie lernt, sich zu spüren.
    Was wir als Eltern dabei aushalten müssen, ist, dass sie auch ab und zu mit einer weniger guten Bewertung einer Arbeit nach Hause kommt. Und ihr zu verstehen zu geben, dass sie genau so liebenswert ist.
    (Statt den eigenen Stress und die Versagensangst auf sie zu übertragen.)
    Ihr anzubieten, miteinander zu üben, wenn sie das möchte, dass das aber keine Erwartung ist.
    Und so, habe ich das Gefühl, ist das bei ihr das Gefühl am Entstehen, selbst Verantwortung übernehmen zu dürfen und nicht dauernd übersteuert zu werden.
    Übrigens spielt sie ständig, von Morgens bis abends – was mich enorm glücklich macht. Denn sie kann mit sich selbst sein, Ideen entwickeln. Das, was sie fürs Leben braucht.

  • Mamaseele sagt:

    …aus meiner persönlichen Geschichte beelendet mich diese Fragestellung. Ich hatte Eltern die (auch) sehr viel Zeit damit verbracht haben, mich zum üben – in allen möglichen Bereichen – zu ermutigen.
    Bleiben tut ein Gefühl bis ins Erwachsenenalter, dass, egal was man tut, es NIE genug ist. Genug Eigeninitiative, genug Willen, genug Arbeiten…die Liste ist lang.

    Durch meine berufliche Erfahrung und meine persönliche Entwicklung wurde mir klar, wie wichtig das Loslassen und Vertrauen in dieser Thematik ist.
    Meine Tochter ist jetzt auch 8jährig. Den Druck bekommt sie durch das Schulsystem und den Vergleich mit den Klassenkameraden. Von Anfang an haben wir ihr zu verstehen gegeben, dass sie bestimmt, wann geübt wird, dann wenn sie das Gefühl hat es zu brauchen.

    • Lea sagt:

      Auch mich beelendet das beim Lesen. Aber aus einem anderen Blickwinkel. Statt einem dankbaren Blick auf sein Kind pflegen diese Eltern einen defizitorientierten, wo gar keines vorhanden ist. Mein Kind ist autistisch, es kann nicht spielen. Nur wenige Dinge wecken sein Interesse überhaupt. Trotzdem muss es in der Schule die gleiche Leistung erbringen wie alle anderen. Und trotz guter Intelligenz gelingen die meisten Sachen nicht auf Anhieb. Sie können sich vorstellen, wie elend und wertlos es sich oft fühlt. So müssen wir ihm immer wieder klar machen, dass sein Wert nicht von der Leistung abhängt, und dass wir stolz sind, wenn es trotz aller Schwierigkeiten nicht aufgibt.

  • Anh Toàn sagt:

    Was ist Üben?

    Ich habe es lange versucht, ich komme auf: Üben ist die langweiligste, härteste und auch noch ziemlich ineffiziente Möglichkeit, zu lernen.

    „Üben“ ist nicht trainieren, ist nicht lernen, es beinhaltet in meinem Verständnis etwas furchtbar repetitives, man übt Gedichte aufsagen oder Melodien „richtig“ (Frei von Takt oder Intonation oder so) auf der Blockflöte zu spielen, man übt Verben konjungieren. Wendet man etwas an, übt man auch, verbessert seine Kenntnisse laufend, aber das heisst nicht „Üben“, Üben ist wie Trockenschwinmmen!

  • Lilly sagt:

    Dieses Erziehungsproblem scheint mir, wie so manches anderes auch, vor allem eines im Kopf des Erziehungsberechtigten. Wir Erwachsenen übertragen einfach viel zu oft unsere erwachsene Sicht der Dinge und unsere erwachsenen (überhöhten) Erwartungen unpassend auf Kinder. Dazu sind wir mit ihnen strenger als mit uns selbst. Man kann ein Kind durchaus drillen, etwas zu lernen, wenn man etwas unglaublich wichtig findet – geht aber meist mit Gewalt einher. Denn man kann es nicht drillen, etwas gern zu machen. Gute Gefühle sind nie mit Zwang zu erreichen.

  • Muttis Liebling sagt:

    Klavier spielen ist auch spielen. Im Radio läuft gerade ein Interview mit dem jungen griechische Flötisten Stathis Karapanos. Der sagt, Üben hilft nur bei Talent und Talent ist so selten wie ein 5- er im Lotto.

    Also gemach. Üben und Fleiss sind die Strategien für Unbegabte, nur für Talente unverzichtbar. Spielen ist die Arbeit der Kinder, egal ob Klavier, Verstecken oder Fussball.

  • tststs sagt:

    „Sei es Schwimmen, Kopfrechnen, Handstand oder Skifahren – als Rollenspiel wird es akzeptiert, als reine Übung abgelehnt“

    Hüstelhüstel, also eigentlich macht das jeder Mensch so. Für die Dinge, die er gerne tut, „findet“ der Mensch leicht intrinsisch Motivation; für die anderen Dinge eher nicht.
    Ausser ein paar autosadomasochistisch veranlagte Psychopathen… 😉

    Nei ehrli, jetzt müssen die Kinder bald nicht nur alles fehlerfrei können, nein, sie müssen es auch noch gerne tun…

    • Muttis Liebling sagt:

      Für ‚autosadomasochistisch‘ sollten Sie sich ein Patent geben lassen. 3- fach Composita sind ein herrliches Produkt der deutschen Sprache.

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