Gastbeitrag

Eine Kindsgi-Lehrerin für 20 Kinder? Geht nicht!

Schulleiterin Clarita Kunz fordert, dass Halbklassen auch nach der Coronakrise beibehalten werden. Nur so könnten bereits kleine Kinder gefördert werden.

Frühförderung statt Therapie: Der Unterricht in Kleingruppen ist individueller und letztlich günstiger. Foto: iStock

Während des Lockdowns konnten Eltern und Lehrpersonen die Vorteile der individuellen Förderung entdecken. Beim Erarbeiten der von den Lehrpersonen vorgegebenen Lerninhalte konnten persönliche Interessen und der individuelle Biorhythmus der Kindergartenkinder berücksichtigt werden. Sie konnten beim Lernen mehr Verantwortung übernehmen und zeitweise selbst über das Lerntempo bestimmen.

Diese Erfahrungen sollten wir dazu nutzen, eine längst fällige Diskussion über folgende systemische Absurdität anzustossen: Vier- bis Sechsjährige werden in Gruppen von 20 und mehr Kindern gefördert, während Schülerinnen und Schüler in den ersten, zweiten und teilweise in den dritten Klassen in Halbklassen unterrichtet werden. Angesichts der Tatsache, dass Kinder im Kindergarten umfassend ganzheitlich gefördert werden müssten, ist dies völlig unsinnig!

Mein Rythmus, mein Lernerfolg

Ganzheitliche Förderung kann in grossen Gruppen nicht gelingen. Kindergartenkinder brauchen viel individuelle Förderung in verschiedenen Bereichen, denn jedes lernt bekanntlich anders. Es braucht eine Lernumgebung, in der Kinder möglichst ihrem eigenen Rhythmus entsprechend unterschiedliche sinnliche Erfahrungen machen können. Denn die Schulung der Sinne ist unter anderem eine unabdingbare Voraussetzung zum Verstehen von mathematischen Grundlagen. Kinder, die viele konkrete Sinneserfahrungen machen, haben wenig Mühe beim Aufbau des Zahlbegriffs und beim Abstrahieren.

Aus pädagogischer Sicht ist zu fordern, dass die Halbierung der Gruppen in den Kindergärten bestehen bleibt.

Lernen beginnt mit Sprache. Ein differenzierter Wortschatz hilft dem Kind, körperliche, räumliche und soziale Erlebnisse zu benennen und einzuordnen. Auch Mathematik beginnt mit Sprache, beginnt mit Zuordnungen und Kategorisierungen, die sprachlich ausgedrückt werden. So lernen Kinder beispielsweise beim Umschütten von Körnern Begriffe kennen wie «wenig», «mehr», «viel», «weniger als», «mehr als», «viel mehr als». Konkrete Erfahrungen sind unerlässlich zum Verstehen und Automatisieren der vier Grundoperationen. 

Überforderte Lehrer und überflüssige Therapien

Jede noch so gut ausgebildete und engagierte Kindergartenlehrperson ist überfordert, wenn sie allein 15 und mehr Kindern gleichzeitig Grundlagenwissen in so vielen Bereichen vermitteln soll. Diese Überforderung hat zur Folge, dass Legasthenie- beziehungsweise Dyskalkulietherapeutinnen und -therapeuten bereits in den ersten Schuljahren alle Hände voll zu tun haben. Weil dieser Zustand schon jahrelang anhält, scheinen das Schulumfeld und die Politik davon auszugehen, dass dies normal ist. Das ist aber nicht normal, sondern eher bedenklich.

Aus pädagogischer Sicht ist zu fordern, dass die Halbierung der Gruppen in den staatlichen Kindergärten bestehen bleibt. Die Coronakrise hat gezeigt, dass dies möglich und sinnvoll ist. Sinnvoll wäre dies auch aus ökonomischer Sicht. Die Kindergartenlehrpersonen hätten im Vergleich zu heute zwar mehr Präsenzzeit, würden jedoch im Hinblick auf den Unterricht wesentlich entlastet werden. Die zusätzlichen Stunden könnten mit frei werdenden Geldern jener Therapien finanziert werden, die wegfallen, wenn die Gruppen kleiner sind. Und – last but not least – könnte ihr Gehalt endlich ihren schon jahrelang dauernden Forderungen entsprechend angepasst werden.

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