Meine Tochter hat nicht vor 30 Sex!

Dem Sohn zur Freundin schulterklopfend gratulieren und die Tochter vor allen Jungs beschützen wollen? Geht gar nicht, findet unser Papablogger.

Vertrauen statt ewig festhalten: Väter sollten ihren Töchtern ein autonomes Liebesleben zugestehen. Foto: iStock

Als Vater hat man seine Vorstellungen, was aus den Kindern werden soll – was sie zu tun und zu lassen haben. Beim ersten Broccoli-Pastinakenbrei und dem frühkindlichen Zähneputzen darf man dabei auch hartnäckig bleiben. Doch mit zunehmendem Alter der Kinder müssen wir uns von unseren fixen Vorstellungen lösen.

Nun ist niemand perfekt. Ich nehme es keinem übel, der insgeheim denkt: «Es wäre doch schön, wenn meine Lea-Marihuana ebenfalls Eidg. dipl. Expertin für Rechnungslegung und Controlling wird.» Und natürlich ist es legitim, wenn der Vati in Zizers mit Mia-Bigna darüber redet, ob sie nicht doch den elterlichen Schweinemastbetrieb übernehmen möchte.

In eine Sache sollen sich Väter mit ihren Wünschen aber nicht mehr einmischen: in die Sexualität ihrer Töchter. Ich habe aufgerundet null Komma null null Verständnis für Väter, die sich als patriarchale Wächter und Beschützer aufspielen: «Dass Anouk-Enja vor dreissig Sex hat, kommt nicht infrage!» Oft sind Gewaltfantasien nicht weit: «Wenn Aurelia-Louana einen Jungen nach Hause bringt, dann zeige ich dem Wicht erst einmal meine Schrotflintensammlung.» Die grossen Sprüche werden in der Praxis mit strengen Regeln umgesetzt: «Prinzessli, denk daran, du musst um 20:59 zu Hause sein. Dann kontrolliere ich dich mit der UV-Lampe und mit dem Spermaspürhund. Bitte vergiss nicht, deine GPS-Fussfessel anzuziehen.»

Fussfessel versus Kondome im Multipack

Ganz anders gehen diese Väter mit ihren Söhnen um: «Maximilian-Jason, high five! Habe ich da etwa das Stichwort Party gehört? Lass krachen, mein Junge. Hier ein Kondom … warte, nimm gleich die ganze Packung mit. Mach Papi stolz!»

Übertrieben? Bitzli vielleicht. Aber ich habe schon zu viele ähnliche Sprüche gehört. Deshalb an alle Männer, die sich wiedererkennen: Sowas ist nicht cool, lustig oder fürsorglich. Ihr seid nicht Kämpfer für die Sicherheit eurer Töchter, sondern das Gegenteil. Wer seinen Söhnen ein selbstbestimmteres Liebesleben wünscht als seinen Töchtern, ist Teil des Problems.

Natürlich darf man sich als Vater um seine Töchter sorgen. Viele Mädchen und Frauen erleben sexuelle Gewalt. Sie aber davor zu schützen, indem man über ihr Liebes- und Sexleben bestimmt, ist besitzergreifend und misogyn.

Es geht auch besser und ist nicht schwer

Was tun denn gute Väter? Sie klären auf, sie vertrauen ihren Töchtern und unterstützen sie.

Aufklären:
Kinder, die über Liebe und Sex Bescheid wissen und wichtige Prinzipien wie Selbstbestimmung kennen, haben es in der Pubertät leichter. Bei der Aufklärung dürfen Eltern übrigens durchaus vermitteln, dass Sex etwas Schönes ist.

Vertrauen:
Vertrauen Eltern ihren Kindern und deren Entscheidungen, stehen die Chancen gut, dass sich die Kinder mit Problemen, Sorgen und Erfolgserlebnissen an sie wenden.

Unterstützen:
Heissen Sie die Partner und Partnerinnen Ihrer Kinder willkommen und seien Sie da, wenn es Probleme gibt. Konkret: Sobald Ihre Tochter Sie drum bittet, dürfen Sie dem Freund gerne Ihre Schrotflintensammlung zeigen.

Diese drei Prinzipien funktionieren übrigens für Eltern und Kinder aller Geschlechter und sogar bei der Berufswahl. Leider helfen sie nicht beim Verabreichen von Broccoli-Pastinakenbrei oder wenn kleine Kinder Zähne putzen sollten. Ich habe es getestet.

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