Die Wäsche? Mach ich später!

Warum schieben wir manche Tätigkeiten vor uns her und machen uns damit das Leben schwer? Unsere Autorin findet überraschende Antworten darauf.

Unter Studenten, Hausfrauen und Hausmännern weit verbreitet: Die «Aufschieberitis». Foto: iStock

Nur noch kurz bei K. vorbeischauen, bevor ich mich der Wäsche widme. Lieblingsnachbarinnen freuen sich schliesslich auch über unangemeldete Besuche. Auf deren Esstisch fallen mir die bunten, beschrifteten Post-it-Zettel auf. Mit einem Seufzen erklärt sie mir: «To-do-Listen bringen nichts, jetzt probiere ich es mit diesen Zetteln, um in die Gänge zu kommen. Könntest Du nicht mal darüber schreiben, über Aufschieberitis?» Mir fällt mein voller Wäschekorb ein, der zu Hause wartet, aber auch ganz andere Dinge …

Wir alle kennen das: Wir schieben ungeliebte Aufgaben vor uns her und lenken uns mit Dingen ab, die angenehmer sind. Manche füllen die Steuererklärung erst in letzter Minute aus, andere tun sich mit der Spesenabrechnung schwer oder zögern den Anruf, um einen Vorsorgetermin zu vereinbaren, möglichst lange hinaus. Je nach Ausprägung bezeichnet man dieses unerwünschte Verhalten als «Aufschieberitis», «Prokrastination» oder «Erledigungsblockade». Meist leiden nur die Betroffenen selbst unter ihrem Verhalten, die einen mehr, die anderen weniger. In Extremfällen ist jedoch auch das berufliche oder private Umfeld betroffen.

Der Grundstein wird oft in der Kindheit gelegt

Prokrastination hat nichts mit Faulheit zu tun, denn Aufschieberinnen und Aufschieber sind meist sehr aktiv mit anderen Dingen beschäftigt. Viele Studentenwohnungen, die während Prüfungszeiten besonders gründlich geputzt werden, sind ein Beweis dafür. Ebenso ist das Aufschieben kein Zeichen von mangelnder Intelligenz, eher im Gegenteil: Wer kaum etwas für die Schule tun musste, weil ihm alles leicht fiel, hat als Kind weniger gut gelernt, sich diszipliniert unliebsamen Aufgaben zu widmen. Eine Fähigkeit, die sich später im Leben als durchaus nützlich erweist. Das kann tröstlich sein für die Kinder, die im Vergleich zu ihren Geschwistern oder Freunden härter arbeiten mussten, um die gleichen schulischen Leistungen zu erzielen.

Werden Kinder ständig ermahnt, ihr Zimmer aufzuräumen, neigen sie später eher zu Unordnung.

Es macht allerdings einen Unterschied, welche Erfahrungen wir als Kinder mit fixen Strukturen und Disziplin gemacht haben. Studien zeigen, dass diejenigen Erwachsenen eher prokrastinieren, die als Kinder zu viel Kontrolle und wenig Eigenverantwortung erfahren haben. Werden Kinder ständig ermahnt, ihr Zimmer aufzuräumen, kann das dazu führen, dass sie später eher zu Unordnung neigen, da das Aufräumen eng und nachhaltig mit Gefühlen des Widerwillens verknüpft ist. Die Prokrastination ist somit eine Art rebellisches Verhalten des inneren Kindes.

Zu viel Handlungsspielraum lädt zum Aufschieben ein

Im Erwachsenenalter führt hingegen nicht die Kontrolle, sondern eher das Gegenteil zu Aufschieberitis. Häufig tun sich diejenigen Leute schwerer, ins Handeln zu kommen, deren Alltag geprägt ist von vielen Freiheiten. Dazu gehören neben Studenten auch Selbständige sowie Hausfrauen und Hausmänner. Auch wenn eine Tätigkeit kein klares Ende hat oder man wenig Wertschätzung dafür erhält, was bei der Hausarbeit oft der Fall ist, tendiert man zum Aufschieben. Dasselbe gilt für Perfektionisten: Diese haben oft hohe Erwartungen an sich und befürchten, diesen nicht gerecht zu werden. Dadurch fühlen sie sich regelrecht blockiert und nehmen eine Aufgabe erst gar nicht in Angriff. Impulsive Menschen neigen ebenfalls zum Aufschieben. Nicht wegen Blockaden, sondern weil sie sich schlicht leichter ablenken lassen.

Je besser man versteht, warum man bestimmte Dinge vor sich herschiebt, desto eher kann man dagegen vorgehen. In jedem Fall sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es Geduld braucht, Verhaltensweisen umzuprogrammieren, die sich über viele Jahre in unserem Gehirn eingeprägt haben. Das Einüben neuer, nützlicherer Gewohnheiten geht nicht von heute auf morgen, sondern dauert im Schnitt 66 Tage (Lesen Sie dazu auch diesen Beitrag).

Oft hilft es, sich von möglichen Ablenkungen fernzuhalten, was natürlich in Zeiten von Internet, Smartphones und Netflix ungleich schwieriger ist als früher. Ausserdem sollte man sich Teilziele setzen, sich für kleine Fortschritte belohnen und eine soziale Kontrolle etablieren, indem man seine Ziele einem wohlwollenden Partner oder Freund mitteilt. Die letztgenannten Tipps werden meine Nachbarin und ich in Zukunft umsetzen. Sie lassen sich gut mit einer gemeinsamen Tasse Kaffee verbinden.

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20 Kommentare zu «Die Wäsche? Mach ich später!»

  • wortsprung sagt:

    Das Thema hat einen Namen: exekutive Funktionen. Etwas, das wir ab Kindesalter lernen und bis ca. Mitte 20 abrunden. Das heisst, wir lernen etwas Notieren (Arbeitsgedächtnis), ausführen (Inhibition: ohne Ablenkung) und auf neue Situationen anwenden (kognitive Fähigkeit). Und wie das Leben so spielt, fällt einem das manchmal leichter, manchmal schwieriger.
    Und Kinder sollten das unbedingt üben! Kann auch spielerisch sein, zB. mit „Ich packe i mi Koffer i…“ oder jegliches Spiel mit klaren Regeln. Da lernen die Kinder auch, die Gefühle in den Griff zu kriegen. Klar, du bestimmst immer noch, wie du handelst. Aber machst du das im Privaten wie im Beruf gleich? Denk mal darüber nach…

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    In einem Chaoshaushalt gross geworden, bin ich zur absoluten Perfektionistin geworden. Man konnte bei mir vom Boden essen. Nachdem ich zu meinem Mann gezogen bin musste ich einsehen, dass nebst der Landwirtschaft und bis letzten Herbst noch Teilzeitarbeit meine Ansicht von Perfektion schlicht nicht möglich ist. Trotzdem lege ich Wert auf einen sauberen, aufgeräumten Haushalt. Prioritäten setzen ja, aufschieben nur im Notfall.

  • Nick sagt:

    Ich gestehe hiermit öffentlich, dass ich auch des öfteren prokrastiniere. Aber ich bin definitiv nicht zu faul, zu dumm oder uneinsichtig, im Gegenteil. Problematisch sind 2 Situationen: wenn ich nicht genau genug weiss, WAS ich liefern soll (was genau stellt sich die Chefin vor?) bzw. WIE ich ein Problem lösen soll, etwa die Reparatur eines Geräts, die meine derzeitigen Kenntnisse und/oder Fähigkeiten überfordert. Oder wenn ich ein unangenehmes Ergebniss vorausahne, z. B. eine Steuernachzahlung oder eine Absage auf eine Bewerbung die schreiben will/muss. Obwohl ich das exakt weiss fällt mir der Umgang damit sehr schwer. Ideen sind willkommen.

    • Roman Günter sagt:

      Für solche Aufgaben wähle ich die hedonistische Methode. Entspannt stelle ich mir die einfachste und rationellste Vorgehensweise für die Erledigung vor, möglichst mehrfach anwendbar, und freue mich auf deren Umsetzung und die damit gewonnene Zeit, die ich wiederum entspannt für weitere Herausforderungen nutzen kann.

  • Andreas sagt:

    Man kann alles schönreden und beschwichtigen, derweil ganz viele Menschen einfach absolut träge und für alles zu faul sind. Da ich berufsbedingt in viele Behausungen Einblick habe, kann ich nur sagen, dass es in den Wohnungen und Gärten zunehmend aussieht wie auf einem Kriegsschauplatz und zwar nicht nur was Unordnung betrifft… und das noch mehr bei Landsleuten als bei Ausländern wohlgemerkt.

    • Tilly sagt:

      Ja wir alle trauern doch den guten alten Zeiten nach, wo die Frau noch den ganzen Tag zu Hause war und dem Rest der Familie ein trautes und behagliches Heim bereitet hat. Frisch gekocht mit dem eigenen Gemüse aus dem Garten hat sie natürlich auch noch und immer einen schönen Blumenstrauss auf den Tisch gestellt.

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        @ Tilly

        Warum so zynisch? Auch ich hatte beruflich wie privat schon in viele Haushalte Einblick und die versifftesten Wohnungen habe ich bei Hausfrauen angetroffen. Wohlgemerkt nicht per se bei Hausfrauen mit Kleinkindern, wo ich noch ein gewisses Verständnis entgegen bringen kann, dass der Haushalt chaotisch ist, sondern auch bei jenen Hausfrauen, deren Kinder schulpflichtig oder längst dem Teeniealter entwachsen sind. Faule, den ganzen Tag Kaffee trinkende Hausfrauen sind definitiv kein Vorurteil, sondern vielerorts schlicht eine Tatsache

      • Marusca sagt:

        Genauso mache ich das auch. Erstens weil mein Liebster und ich uns damit wohlfühlen und weil es ganz einfach zu einem zivilisierten Leben gehört. Und es ist mir nie aufgefallen, dass die
        Menschen zufriedener sind, nur weil es bei ihnen zu Hause aussieht wie mach einer Bombenexplosion oder weil vier volle Wäschekörbe herumstehen und immer noch das eingesaute Geschirr von vorgestern herumsteht.

  • Michèle Pine sagt:

    Weshalb wird eine soziale Handlung (Schwatz mit der Nachbarin) vor Beginn einer Tätigkeit wie Wäsche erledigen als Aufschieberei verurteilt?

    Weil man sich erst einen Schwatz erlauben darf, wenn das letzte Hemd im Schrank hängt, die Böden geputzt, die Steuererklärung und sämtliche weiteren Alltagsdinge erledigt sind?

    Ansonsten was?

  • Röschu sagt:

    „Je besser man versteht, warum man bestimmte Dinge vor sich herschiebt, desto eher kann man dagegen vorgehen“.
    Gegenfrage: Weshalb muss man überhaupt dagegen vorgehen? Ich bin sozusagen „Aufschieber-aus-Überzeugung“ und eigentlich nie schlecht gefahren damit bisher.
    .
    Generell ist der Artikel sehr einseitig bzw. geht von der (mMn falschen)Grundlage aus, dass Prokrastination zwingend schlecht sei.

    • Maike sagt:

      Ich schiebe auch gerne auf… Aber das geht eigentlich nur gut bei Dingen, die keinen unabdingbaren Endtermin haben – aufräumen, Fenster putzen, Wäsche waschen.
      Aber es gibt Dinge, da geht das nicht ! Das Kfz vorführen, die Steuererklärung machen, Zahlungen rechtzeitig leisten, Kinder von der Schule abholen, Ferienwohnung buchen.
      Natürlich geht es auch hier, aber gegen Ende wird der Druck das man es machen muss so übergross, das es eine sehr hohe Belastung wird und man deswegen Dinge verschieben muss, die man viel lieber getan hätte.

  • Maria Sah sagt:

    unliebsames aufzuschieben kann auch eine Fähigkeit sein, denn wenn man mit seinen Kräften haushalten muss und gleichzeitig z.B. bei der Arbeit bis aufs Äusserste gefordert ist, ist es wichtiger, körperlich und geistig bei Kräften zu bleiben als beispielsweise aufzuräumen.
    … lieber etwas Dreck und Unordnung als ein Burnout.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    zeitgeist. die jungen (millennials) tun sich generell schwer mit (richtiger) arbeit. die wohlstandsgesellschaft lässt grüssen.
    ps: auch „eltern sein“ muss fun bedeuten – alles andere ist doch vieeel zu stressig… und da leidet die äh-selbst-äh-verwirklichung.
    tja.
    zeitgeist.

    • tststs sagt:

      Es liegt nicht am Menschen; der hat sich in den letzten 2000 Jahren nicht waaahnsinnig verändert. Es liegt an den Umständen. Hätten sich die Menschen schon im Mittelalter so ein Flohnerleben leisten können, sie hätten es gemacht. Garatiert!

    • Maike sagt:

      Definieren Sie bitte mal – richtige Arbeit !!! Und die jungen Millenials werden in eine Welt geboren die durch Sie massgeblich mitgestaltet wurde ! Sie und Ihre Altersgenossen wollen doch rund um die Welt fliegen, jedes Land besuchen und fette SUVs fahren. Und alles wenn möglich mit geringstem Arbeitsaufwand. Wer kann es da der nächsten Generation verdenken, wenn die Sie nachahmen will ?

  • Esther sagt:

    Als Morgenmensch, mache ich vieles schon morgen früh, aber ich bin auch (oder nicht mehr) ein Putzteufel. Probleme habe ich mit dem „ausmisten“ ! In so vielen Jahren habe ich zu viele Sachen gekauft und da habe ich mühe !
    Kasten leeren und wieder schön organisieren, das tue ich nicht gern, also gar nicht. Darum verstehe ich sie gut. Aber sonst, waschen, bügeln, ist ok.
    Mit den anderen Mieter habe ich wenig kontakt, ich höre nicht gerne negatives über andere, kritiken usw.

    Also, mut, weitermachen !

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