Freitagsfrage

Mama, ich will nach Hause!

Was tun, wenn das Kind von Heimweh geplagt wird – hart bleiben oder abholen? Ratschläge von Elternberaterin Daniela Melone.

Fremd, einsam, unsicher und traurig: Heimweh ist ein starkes Gefühl. Illustration: Benjamin Hermann

Liebe Daniela, wir haben unsere zwölfjährige Tochter, die von Heimweh geplagt war, verfrüht aus den Ferien mit ihrem Götti und dessen Familie abgeholt. Eine Familie, mit der sie total vertraut ist und die sie gerne mag. Haben wir ihr damit wirklich einen Gefallen getan? Oder hätten wir im Telefongespräch mit ihr «härter» bleiben müssen, sie beschwichtigen sollen, damit sie künftig weiss, dass Heimweh zwar vorkommt, aber auch wieder verschwindet? Nadja

Liebe Nadja, ich kann Ihre Unsicherheit sehr gut verstehen: Es ist für viele Eltern schwierig, das eigene Kind leidend zu erleben. Bestimmt haben Sie am Telefon, mit Ihrer Tochter zusammen, die Situation abgewogen. Vermutlich haben Sie versucht, sie zu ermuntern und die vielen lustigen Dinge hervorzuheben, die sie mit der Familie vom Götti in den Ferien noch hätte erleben können. Ich bin überzeugt, Sie haben getan, was im Moment möglich und für Sie richtig war – und dann eine Entscheidung getroffen. Lassen Sie es gut sein und vertrauen Sie Ihrer Entscheidung. Ein nachträgliches Anzweifeln verunsichert Sie und Ihre Tochter.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie die Erfahrung, die Sie miteinander machen konnten, nicht reflektieren und für zukünftige Situationen nutzen können. Auch wenn Ihre Tochter die Ferien mit der Göttifamilie gewollt und sich darauf gefreut hat: Wie es sich anfühlen wird, konnte sie vorher nicht ahnen. Heimweh ist ein starkes Gefühl: Wir fühlen uns fremd, einsam, unsicher und traurig – so sehr, dass es weh tut! Kein Wunder, sehnen wir uns nach Vertrautem – nach dem Zuhause, nach der Familie. Das vermittelt Sicherheit und erleichtert den Umgang mit negativen Gefühlen, der gerade Kinder manchmal ganz schön überfordern kann.

Mitgefühl statt Mitleid

Sie fragen sich, ob Sie Ihrer Tochter mit dem Abholen einen Gefallen getan oder sie allenfalls einer hilfreichen Erfahrung beraubt haben. Damit sprechen Sie die Selbstwirksamkeitserfahrung an. Oder, etwas verständlicher ausgedrückt: Die Bestätigung, eine (herausfordernde) Situation beeinflussen und bewältigen zu können. Solche Erfahrungen sind wichtig, da sich daraus ein Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit entwickelt – auch in Belastungssituationen. Hier spricht man dann von der sogenannten Selbstwirksamkeitserwartung.

Ihre Tochter erfährt, dass sie Heimweh nicht einfach schutzlos ausgeliefert war. Das kann sie ermutigen.

Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage gibt es nicht, da es um eine ganz individuelle Krisensituation geht. Um Ihre Tochter in zukünftigen Selbstwirksamkeitserfahrungen unterstützen zu können, möchte ich Sie dazu ermuntern, zuerst Ihre eigenen Beweggründe zu hinterfragen:

Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie Ihre Tochter abholten? Sie können viel daraus über sich und Ihre Beziehung zu Ihrer Tochter lernen, wenn Sie die Situation zuerst einmal ehrlich für sich reflektieren. Wichtig erscheint mir dabei die Frage, ob es der Schmerz Ihrer Tochter oder Ihr eigener Schmerz war, der Sie geleitet hat. Es ist für Ihre Tochter wichtig, mitfühlende Eltern zu haben. Wenn die Eltern jedoch mitleiden, können sie die Situation nicht mehr adäquat beurteilen. So gesehen könnte es sein, dass allfälliges Mitleiden eine Selbstwirksamkeitserfahrung beendet hat. Es wäre demnach eine Aufgabe für Sie, trotz emotionaler Nähe, sich nicht mit den Gefühlen Ihres Kindes zu identifizieren.

Das Kind für die Zukunft ermutigen

Auch wenn die Kinder ihre Erfahrungen selber machen müssen, können Eltern dabei helfen, Geleistetes wahrzunehmen und zu benennen. Damit ist nicht überschwengliches, undifferenziertes Lob gemeint. Sprechen Sie mit Ihrer Tochter über ihre Bewältigungsstrategien, Kompetenzen und Ressourcen. Eine wohlwollende Aussensicht hilft ihr, sich besser kennenzulernen und Selbstvertrauen zu entwickeln.

Für die Situation mit dem Heimweh bedeutet das: Ihre Tochter ist ohne ihre Eltern verreist und hat sich das offenbar zugetraut. Hier können Sie ansetzen und mit Ihrer Tochter über Ihre Ressourcen sprechen: Was hat sie ermutigt, überhaupt in die Ferien bei der Göttifamilie zu gehen? Wie hat sie dann das Heimweh wahrgenommen und was hat sie zu Beginn dagegen getan? Ihre Tochter erfährt dadurch, dass sie Heimweh nicht einfach schutzlos ausgeliefert war und sie den Gefühlen – zumindest für eine gewisse Zeit – etwas entgegensetzen konnte. Das kann sie auch in Zukunft ermutigen.

Ihre Tochter ist die Expertin dafür, was ihr im Umgang mit Heimweh helfen kann. Mit etwas zeitlicher Distanz zur erlebten Situation können Sie Ihre Tochter bestimmt fragen, ob Ihre Entscheidung für sie hilfreich war oder ob sie hätten härter bleiben sollen. Ich bin überzeugt davon, dass Ihre Tochter dazu Vorstellungen hat. Lassen Sie sich von Ihr beraten! Welche Ideen hat sie für zukünftige Ferien für sich und für die Unterstützung durch die Eltern? Sie müssen diese Ideen im Anschluss nicht bewerten, aber Sie können Ihrer Tochter ein Feedback dazu geben. So erfahren Sie auf spielerische Weise von den Bedürfnissen und Ideen Ihrer Tochter. Und Sie können auch im Alltag kleine Lerngelegenheiten schaffen, die Ihre Tochter bewältigen kann – das ist toll für ihre Selbstwirksamkeitserwartung!

So vorbereitet schaffen Sie gute Voraussetzungen, auf die Sie alle bei der nächsten Herausforderung zurückgreifen können. Oder in der übernächsten – es ist noch keine Meisterin vom Himmel gefallen. Dranbleiben lohnt sich!

Viel Erfolg, Daniela

Liebe Leserinnen und Leser, haben auch Sie eine Frage an Elternberaterin Daniela Melone? Schreiben Sie uns an blogs@tamedia.ch.

17 Kommentare zu «Mama, ich will nach Hause!»

  • Anh Toàn sagt:

    1. Will er da weg wo er ist oder will er nach Hause?

    2. Falls er nach Hause will, wonach hat er Sehnsucht? Bei kleinen Kindern ist „Heim“ die engsten Bezugspersonen, also Mutter / Vater / Geschwister, wenn die da sind ist man zu Hause. Bei alten Menschen ist es oft der Ort, die engsten Bezugspersonen sind ohnehin entweder weggestorben oder haben ein eigenes Heim / Leben irgendwo. Bei einem 12 Jährigen könnte „Heim“ zu einem wesentlichen Teil seine Freunde sein, dann wäre es nicht bedenklich, wenn er heim will.

    3. Falls es aber um die Vertrautheit zu Mama und Papa ginge, die er vermisst, würde ich ihn in der Situation auch heim kommen lassen, bringt nichts ihn leiden zu lassen, andererseits aber darüber nachdenken, was da falsch läuft und wie das verbessert werden kann.

  • Hans sagt:

    Aber hallo? Da geht es um einen 12-Jährigen Teenager. Ein Alter in dem ich zusammen mit meiner Schwester schon lange allein im Zug ins Oberösterreich zu den Grosseltern gefahren bin und schon an diversen Jungwachtlagern teilgenommen habe. Bei der Tochter lief wohl einiges schief. Helikoptereltern?

  • Oberländer sagt:

    Haben denn die Eltern auch mal mit der Göttifamilie gesprochen, bevor sie ihr Kind holten und wie hat die Göttifamilie reagiert – das wäre noch interessant zu wissen.

  • tststs sagt:

    Die Frage ist doch, was soll das Kind für die Zukunft lernen.
    Und hier würde ich differenzieren: Geht es um einen freiwilligen Besuch, dann würde ich dem Kind ziemlich schnell „nachgeben“ (ob es echtes Heimweh ist, oder der Schuh eigentlich woanders drückt – wie SP zurecht bemerkt – spielt eigentlich keine Rolle). Ich vergleiche das mit Ferien, in denen ich – aus welchem Grund auch immer – unzufrieden bin/Heimweh habe. Da mache ich auch nicht lange „Federlesis“ und breche meinen Urlaub o.ä. ab.
    Ist es hingegen ein verbindlicher Termin (z.B. obligatorisches Klassenlager), so muss doch länger durchgehalten werden und nur bei einer wirkliche guten Erklärung kann dies abgebrochen werden; der Vergleich in der Erwachsenenwelt wäre z.B. die RS.

  • Nonna sagt:

    Ich kenne das Heimwehgefühl und ich habe es immer noch, mit bald 70.
    Das Heimweh hat nichts zu tun mit den Menschen oder Orten wo man sich aufhält. Obwohl ich schon oft versucht habe herauszufinden, warum ich Heimweh habe, es ist mir nicht gelungen.
    Und so mache ich eben immer nur einwöchige Ferien, damit das Heimweh nicht aufkommen kann. Das ist meine Lösung.

  • Sportpapi sagt:

    Ich habe ja aus einer gewissen Erfahrung den Verdacht, dass manche Eltern zwar das Heimweh der Kinder bedauern, aber eigentlich auch ein bisschen sich darüber freuen über die enge Beziehung. Sie sind damit vielleicht manchmal auch mehr Teil des Problems als der Lösung.
    Ich würde mich jedenfalls sehr wundern, wenn unsere Kinder sich mit 12 Jahren noch wegen Heimweh abholen lassen würden – vermutlich würde bei näherem Hinsehen auch etwas ganz anderes dahinter stecken („darf nie gamen“ oder ähnlich…)
    Als Lagerleiter galten vor 25 Jahren klare Regeln – kein Kontakt nach hause. Heute rufen sie schon zu Hause an, bevor die Lagerleitung überhaupt etwas davon mitbekommt.

    • Martin Frey sagt:

      Die Rolle der Eltern kann in der Tat zwiespältig sein, aber es gibt da noch eine andere Perspektive die m. E. etwas zuwenig Erwähnung findet. Mich würde noch mehr interessieren was denn der Grund ist, weshalb ein zwölfjähriges Kind einen gewünschten Aufenthalt ausserhalb der angestammten Wände abbricht auf den es sich offensichtlich freute. Egal ob es sich um die Göttifamilie oder ein Lager handelt. Und dies nicht nur aus der Elternperspektive sondern verbunden mit der Frage, ob und ggf. was da wohl vorgefallen ist. Und wie es mit der Gefühlslage des Kindes wirklich aussieht.
      Wenn man sich dabei nur auf die durchwegs wichtige Heimwehfrage konzentriert (respektive mit dieser Antwort zufrieden gibt), greift man ggf. zu kurz.

    • Simone sagt:

      Es gibt Menschen, die haben Heimweh, andere nicht. Menschen, die Heimweh nicht kennen, können da nicht mitreden. Ich kann, weil ich ein Heimwehkind war.
      Mein Vater war auch eines und er hat mich immer verstanden, meine Mutter und meine Geschwister waren keine,
      die verstanden mich nicht.
      Meine Eltern haben mich immer abgeholt, das hat mir die Sicherheit gegeben, dass ich mich getraute, wieder zu gehen. Später haben mir meine Partner immer zugesichert, dass sie mich, egal wo, abholen. Ich handhabe es mit meinen Kindern auch so. Beide Kinder verreisen morgen ins Pfadilager mit dem Wissen, dass ich sie abhole im Notfall- Der Notfall ist ja nicht das, was sich das Kind wünscht.
      Das Heimweh ist manchmal stärker, wenn die anderen Kinder die Familie
      dabei haben, als im Lager. Ich kenne das.

      • Peter S. Grat sagt:

        Einverstanden Simone, ich hatte als Kind auch gelegentlich Heimweh. Nie in Lagern, aber manchmal wenn ich mit anderen Familien unterwegs war.
        Wer kein Heimweh hat, versteht das nicht.

        Heimwehkindern wie oben zu unterstellen, sie wollten bloss mehr gamen kommt mir etwas eindimensional vor.

  • Esther sagt:

    Es gibt Kinder die sensibler sind als andere. Oder die nie daran gewohnt wurden ab und zu in ein kinderlager zu gehen. Es gibt christliche kinderlage welche gut geführt sind und vielfältig.

    • Marcus Ballmer sagt:

      Die christlichen Kinderlager – meine Eltern waren sehr religiös – waren für mich eine Qual. Nicht wegen Heimweh, das hatte ich nicht. Aber wegen der unsäglichen Frömmelei, die dazu geführt hat, dass ich Atheist geworden bin. Glücklicher Atheist, notabene.

      • Esther sagt:

        bei uns war es nicht so, eine gesunde christlichkeit würde ich sagen !

      • maia sagt:

        Oh – was ist denn „gesunde christlichkeit“????
        Ab ca. 11 Jahren sind mir von diesen Lagern nur völlig überforderte LeiterInnen und totales Chaos in Erinnerung

    • Martin Frey sagt:

      „ Es gibt christliche kinderlage welche gut geführt sind und vielfältig.“
      Mit teils bleibenden Erinnerungen, manchmal verlängert ein solches Lager noch unfreiwillig die Ferien…. 😀

    • Othmar Riesen sagt:

      Christliche Kinderlager? Das tönt nach Missionierung. Kinder sind diesbezüglich besonders verletzlich.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.