Von Paar zu Paar

Wenn Eltern sich entfremden

Kinder können eine Beziehung komplett auf den Kopf stellen. Die Suche nach einer gemeinsamen Vision hilft, sagt unser Paarcoach – und liefert eine Anleitung.

Ein grosses Projekt, eine Reise oder eine Spinnerei: Gemeinsame Visionen verbinden! Illustration: Benjamin Hermann

Kürzlich sassen zwei Eltern bei uns in der Beratung, nennen wir sie hier mal Kim und Robin, und klagten darüber, dass sich seit der Geburt ihrer Kinder (2 und 3,5) vieles verändert hätte und sie als Paar kaum noch stattfinden würden. Kim: «Wir sind wirklich ein eingespieltes Team und funktionieren sehr gut zusammen.» Robin: «Eigentlich läuft es reibungslos. Aber wir sind gefangen in einem Alltagstrott und leben irgendwie nur noch nebeneinander her.»

Auf dem Papier sind Kim und Robin ein Vorzeigepaar: Verheiratet, 2 Kinder, sympathisch, gesund, gut situiert, sehr gut ausgebildet, beruflich erfolgreich, Golden Retriever mit glänzendem Fell und Top-Kondition inklusive. Im richtigen Leben aber leidet das einst Verbindende seit einigen Jahren.

Alltag, Entfremdung und keine Vision

Kim und Robin sind ein durchaus typisches Beispiel. In unserer Arbeit mit Paaren erleben wir häufig, dass das Gemeinsame mit der Zeit verloren gehen kann. Alltagsstress, Gewöhnungseffekte, schlechte Kommunikation – und nicht zuletzt auch kleine Kinder – belasten Paarbeziehungen oftmals und sind mögliche Ursachen für emotionale Entfremdung. Gerade für junge Eltern geht die Verdichtung in verschiedenen Lebensbereichen häufig zu Lasten der Paarzeit. Sie findet oft kaum noch und manchmal überhaupt nicht mehr statt. In diesem Zuge geraten manchmal gemeinsame Träume und Visionen in Vergessenheit oder verlieren sich. Wie bei Kim und Robin.

In solchen Fällen braucht es für jedes Paar massgeschneiderte Massnahmen. Was häufig helfen kann, ist die Entwicklung einer gemeinsamen Vision. Schon Hundertwasser wusste: «Wenn ich allein träume, ist es nur ein Traum. Wenn wir gemeinsam träumen, ist es der Anfang einer neuen Wirklichkeit.»

Was aber ist überhaupt eine Vision und was bringt sie Paaren? Visionen sind quasi Pläne mit Flügeln. Es sind ausgemalte Wunschvorstellungen unserer Zukunft, deren starke Bilder uns magisch anziehen und motivieren. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass gemeinsame Visionen Menschen extrem stark verbinden, sich dementsprechend positiv auf die Beziehungsqualität auswirken und helfen, Widerstände und Hindernisse zu überwinden. Eine gemeinsame Vision kann für Paare also wunderbar beziehungsstiftend wirken. Klingt schön, aber auch etwas abstrakt. Wie sieht eine gemeinsame Vision konkret aus und wie entwickelt man sie?

Mit Sexappeal, bitte

Ausgangsbasis für die gemeinsame Vision ist, dass sich jeder Partner zunächst Gedanken über seine eigene, individuelle Vision macht und diese zu Papier bringt. In einem späteren Schritt werden beide Gedanken zusammengeführt.

Unbedingte Voraussetzungen für das Träumen und Spinnen sind Ruhe und eine entspannte Atmosphäre.

Zuerst überlegen sich also beide, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sich alles nach ihren Wünschen entwickeln würde. Getreu dem Motto: Wenn ich es mir backen könnte. Und zwar in den für mich wesentlichen Lebensbereichen wie Partnerschaft, Familie, Arbeit, Freizeit, Gesundheit, soziales Engagement und weiteren relevanten Feldern. Die Gedanken zu diesen Bereichen werden ausformuliert und schriftlich festgehalten. Wichtig ist, die Ideen zu visualisieren und möglichst detailliert und bildreich zu beschreiben.

Eine Vision soll ein Anziehungspunkt mit Sexappeal sein. Eine grössere Reise zum Beispiel, der Umbau eines alten Bauernhofes zum Airbnb oder eine gemeinsame Alpenüberquerung. Träumereien sind nicht nur erlaubt, sondern das Fundament des Prozesses. Es geht in diesem Schritt bewusst nicht um Überlegungen zur konkreten Umsetzung. Das blockiert nur und darf warten. Die Arbeitsanweisung lautet daher: Optimismus! Unbedingte Voraussetzungen für das Träumen und Spinnen in dieser Form sind Ruhe und eine entspannte Atmosphäre. Der Prozess kann gerne ein paar Wochen dauern. Visionen kann man allein entwickeln, professionelle Anleitung ist jedoch empfehlenswert, denn es gibt einige Stolperfallen.

Reibung im Dialog für Verbundenheit

Wenn beide Partner ihre Vision entwickelt haben, tauscht man sich aus und erarbeitet dann aus den beiden Einzelvisionen – in den sich überlappenden Bereichen – eine gemeinsame Vision. Das ist meist kein reibungsloser Prozess, weil es oft Aspekte gibt, bei denen man unterschiedliche Vorstellungen hat, die man im Dialog diskutiert.

In diesem Zuge tritt häufig Unausgesprochenes oder mit Stillschweigen Behandeltes zu Tage. Im Fall von Kim und Robin waren etwa die Aufteilung der Kinderbetreuung und die gerechte prozentuale Verteilung der Erwerbsarbeit kontrovers diskutierte Reibungspunkte. Solche Punkte müssen gar nicht unbedingt gleich aufgelöst werden, stossen aber bestenfalls einen Prozess an, der zu Klarheit, einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Streitpunkten und schliesslich zu gemeinsamen Lösungen führen kann.

Die gefundene, gemeinsame Vision ist wie ein Magnet – und zugleich auch ein glänzender Ausgangspunkt, um ausgewählte Elemente konkret umzusetzen. Kim und Robin haben es trotz einiger Widrigkeiten letztendlich geschafft, ihre gemeinsame Vision zu entwickeln: die Wiederbelebung der gemeinsamen Leidenschaft fürs Reisen. Diese Vision ist für beide ein starker Anziehungspunkt. Wertvoll war aber alleine schon der Prozess dorthin. Für Kim und Robin setzte dieser viel positive Energie frei und war ein Schritt in Richtung mehr Verbundenheit. Victor Hugo formulierte es so: «Ein Traum ist unerlässlich, wenn man die Zukunft gestalten will.» Viva la Vision! 

Anleitung für die Suche nach einer VisionHier eine Einladung für diejenigen, die das Träumen und Spinnen in dieser Form einfach mal ausprobieren möchten:Stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 2030, in diesem Jahr leben Sie Ihren Traum. Sie leben an dem Ort, an dem Sie schon immer leben wollten, mit (dem oder) den Menschen, mit denen Sie am liebsten zusammenleben möchten. Sie machen die Arbeit, die Sie eigentlich schon immer machen wollten – und zwar in dem Umfang, der für Sie ideal ist. An ihrer Bluse oder ihrem Hemd ist eine Webcam installiert, die Sie einen Tag lang begleitet. Welche Bilder sieht man in diesem Videostream? Wo wären Sie? Was tun Sie? Wer ist bei Ihnen?

 

15 Kommentare zu «Wenn Eltern sich entfremden»

  • Tabea Schneider sagt:

    @ Hobbyvater. Ich muss ihnen in allen Punkten 100% Recht geben!

  • Rabe sagt:

    @Edith: Ich kann nur zustimmen. Ich sage das als jemand, der gerade in der Situation ist und professionellen Rat in Anspruch nimmt als (letzten?) Versuch, wieder zueinander in Kontakt zu kommen. Ich wäre froh, es ginge bloss um irgendwelche Verteilfragen, die zwar auch schwierig sein können, aber doch nicht die innere Substanz betreffen.

  • Edith sagt:

    Schon etwas einfach zusammengestrickt, die Version Visionen für die Lösung der Eheprobleme. So einfach gehts ja dann doch nicht. Meistens liegen die Probleme wesentlich tiefer als das man es mit fehlenden Träumen wieder kitten könnte. Wenn ich dann aber höre (in konkreten Beispiel) dass man sich über die gerechte prozentuale Verteilungen der Erwerbsarbeit uneinig ist, frage ich mich, ob dies wirklich zum Paartherapeuten gehört? Das hat doch nichts mit Entfremdung zu tun, sondern bestenfalls mit falscher Organisation. Solche Probleme kann sogar ich als Laie, in vernüftiger Frist lösen und muss nicht speziell geschult sein. Ich hätte mir einen Fall mit mehr Substanz und Tiefgang gewünscht, welcher nicht abschliessend mit einem nutzlosen Zitat beendet wird.

    • Traude sagt:

      So einfach ist das leider nicht. Ich kenne zig Beziehungen, wo der Mann nicht dazu zu bewegen war, im Job kürzer zu treten und sich mehr in der Familie zu engagieren. Da ist oft eine Paartherapie nötig, damit hier etwas ins Rollen kommt. Oft hilft aber auch diese nichts und es kommt zu einer Scheidung oder zur Resignation der Frau.

      • Edith sagt:

        Aber das wäre doch vor der, bzw. bei derFamilienplanung, zu klären. Da bringt der Therapeut dann nichts mehr, wenn die Kinder da sind. Das wird ansonsten immer eine Ehe belasten, wenn man im Nachhinein die Spielregeln ändern will. Nur, bei vorhandenen Kindern, hat man dann als Frau plötzlich einen etwas längeren Hebel, was es etwas einfacher macht….

      • Hobbyvater sagt:

        Im Job Gas geben, ein gutes Einkommen generieren, damit das Wohlergehen der eigenen Familie sicherstellen – z.B. auch über das eigene Ableben hinaus – ist ein genauso wichtiges Engagement für die Familie wie zu Hause zu den Kindern zu schauen.

        Vielleicht können die von Ihnen erwähnten zig Männer einfach besser rechnen als ihre Frauen, und sind deswegen nicht bereit «kürzer zu treten». Im Interesse der Familie.

        Das hier im Blog immer als Mass aller Dinge präsentierte 50/50-Modell können sich nur wenige leisten (wenn man dem Staat nicht in irgendeiner Form auf der Tasche liegen will).
        Wenn noch Wohneigentum im Spiel ist, geht dass nur wenn die Eltern einem großzügig beschenkt haben. Das sollte man dann auch so deklarieren, wenn man anderen erklärt wie sie ihr Leben gestalten sollen.

      • Sportpapi sagt:

        @Traude: Ich nehme an, diese Männer haben alle mal etwas anderes versprochen?
        Und warum müssen sie denn im Job kürzer treten? Weil das der Vorstellung ihrer Frau entspricht? Oder der gemeinsamen Idee von Familie?
        Tatsächlich höre ich auch immer wieder von Frauen, dass sie es gerne hätten, wenn ihre Partner mehr da wären, sie mehr Unterstützung zuhause hätten. Aber selten, dass sie selber die finanziellen Lücken füllen würden, oder auf das Einkommen verzichtet werden soll.

      • Martin Frey sagt:

        @Hobbyvater
        „Das hier im Blog immer als Mass aller Dinge präsentierte 50/50-Modell können sich nur wenige leisten (wenn man dem Staat nicht in irgendeiner Form auf der Tasche liegen will).
        Wenn noch Wohneigentum im Spiel ist, geht dass nur wenn die Eltern einem großzügig beschenkt haben. Das sollte man dann auch so deklarieren, wenn man anderen erklärt wie sie ihr Leben gestalten sollen.“

        Wahre Worte.
        Zum Einrahmen und Aufhängen an den Wohnwänden gedacht. 🙂

      • Hans Meier sagt:

        “ Ich kenne zig Beziehungen, wo der Mann nicht dazu zu bewegen war, im Job kürzer zu treten und sich mehr in der Familie zu engagieren.“
        Ja, warum sollte er? Wurde das vor Geburt der Kinder denn so vereinbart und hätte sich das finanziell auch gerechnet? Oder waren das später auftauchende Forderungen? Warum muss man denn reduziert arbeiten, wenn überall bei progressiven Frauenrechterlinnen propagiert wird, dass man möglichst viel arbeiten soll und die Kinder in die Kita bringen soll? Hier wird eine einseitige Forderung als das absolute Recht eingefordert, kein Wunder lassen sich diese Männer nicht zu sowas „bewegen“. Die wären ja ganz schön blöd. Früher oder später stehen sie ja bei solchen bewegenden Forderungen ja dann ohnehin im Abseits.

  • Hans Meier sagt:

    „Im Fall von Kim und Robin waren etwa die Aufteilung der Kinderbetreuung und die gerechte prozentuale Verteilung der Erwerbsarbeit kontrovers diskutierte Reibungspunkte.“
    Tolle gemeinsame Vision! Und dann noch das Reisen.
    Visionär.

    • Butze Karli sagt:

      Ja, da mussten sich Kim & Robin wohl etwas flexibel zeigen bezüglich Reisepläne: Mit Kindern reist man anders als in den vielleicht visionären Reiseträumen. Das ist nicht schlecht gemeint, sondern realistisch.

  • Silvia sagt:

    Ja was machen wird wenn wir einmal endlich im Ruhestand sind ? Eine Nachbarin hatte mit ihrem Mann beschlossen dass sie beide 100% arbeiten werden aber dann, im Ruhestand, die ganze Welt entdecken. Sie tat mir leid mit 2 Kinder, immer stresste sie. Mit genau 60 Jahren hatte da ihr Mann den Krebs und starb ein Jahr später. Man sollte es jetzt schön haben und nicht immer auf später verschieben.

    • Hobbyvater sagt:

      Wenn sie beide 50% gearbeitet hätten, wäre kein Geld dagewesen « um die Welt zu entdecken ».

      Dieses Paar hat immerhin so gelebt wie sie wollten, das ist doch das wesentliche. Daher haben sie es wahrscheinlich in dieser Zeit schön gehabt.

      Ich kenne zig Beispiel von Hausfrauen, die « für die Kinder da sein wollten » und im Alter frustriert und bösartig wurden.

      Wäre es der Frau besser ergangen, wenn sie das frustrierte Hausmütterchen gespielt hätte? Auch dann wäre ihr Mann tragischerweise frühzeitig gestorben.

      Sich über den Lebensentwurf anderer Leute mokieren und dann etwas hämisch den frühen Krebstot eines Menschen damit zu verknüpfen finde ich äusserst verwerflich. Ich hoffe, Ihnen ergeht es dereinst besser.

      • Lia sagt:

        Hobbyvater, im Post von Silvia ist absolut kein Tropfen Häme zu finden, und sie mokiert sich absolut nicht. Ich frage mich, was in Ihren Gedanken vorgeht, dass Sie hier Häme ausmachen können.

      • Hobbyvater sagt:

        Lia, und ich frage mich wie Sie die abschätzende Wortwahl überlesen können und die Besserwisserei, mit der Silvia hier erklärt wie dieses Paar hier ihr Leben hätte gestalten sollen.
        Wie frustiert muss man sein, um solche Äußerungen zu machen.

        Seinen Partner kurz vor der verdienten Pensionierung zu verlieren finde ich immer recht tragisch. Umso schlimmer, wenn man wie hier solchen Leuten noch Vorhaltungen macht, sie hätten es « halt vorher geniessen sollen ».

        Aber wenn Sie diese Botschaft überlesen haben, ok. – dann halt….

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