Nicht alles lässt sich wegatmen

Mehr Achtsamkeit ist ja schön und gut. Doch in manchen Situationen wünscht sich unser Papablogger ein bisschen weniger Gelassenheit. Und mehr Haltung.

Bitte bewerten! Neben Meditationen und Achtsamkeit sollten wir nicht vergessen, auch mal angeekelt oder überwältigt zu sein. Foto: Getty Images

Okay, okay, ich soll mich also beruhigen. Aaaaaaaaaaaaatmen. Atmen klingt gut, beruhigen auch. Gibt ja eigentlich immer genug Stress und gerade sowieso: Kinderbetreuung, Corona, Fremdbedürfnisse, Arbeit, Hurra, schon wieder Bindehautenzündung. Irgendwas ist immer. Da ist es doch gut, wenn immer mehr Eltern in meinem Bekanntenkreis ihren Alltag achtsamer und entspannter gestalten. Mit mehr Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt und die Personen, die zählen, dafür mit weniger Ablenkungen und Stressauslösern. Vielleicht mit Meditation. Auf jeden Fall mit weniger Urteilen. Am besten überhaupt nicht bewerten.

Nicht bewerten wird überbewertet

Und genau hier steige ich aus. Nicht aus der Bekanntschaft oder Freundschaft zu Eltern, die Achtsamkeit für sich entdeckt haben und versuchen, ihren Alltag bewusster und stressreduzierter zu gestalten. Auch nicht aus der Idee, dass ein bisschen mehr Konzentration aufs Wesentliche und weniger am Rad drehen uns allen gut tun würde. Sondern aus dieser «Du sollst nicht bewerten»-Kiste.

Nicht nur, weil ich damit meinen Job gefährden würde. Als Kolumnist geht es nicht nur darum, einigermassen vernünftig formulieren zu können, sondern auch, sich zu möglichst vielen Dingen eine mehr oder weniger fundierte Meinung zu bilden. Das heisst bewerten. Windeleimer halte ich für unnützen Kram, Tragetücher für ne feine Sache, wieso, weshalb, warum, 4000 Zeichen, so sieht es aus.

Ich habe aber auch ein grundsätzliches Problem mit dem «nicht bewerten». Vorsichtig formuliert halte ich es für überbewertet und nicht durchdacht. Unvorsichtig gesprochen für irgendwie verlogen. Das liegt daran, dass durchwegs alle Menschen, die mir analog oder virtuell über die Vorzüge des «nicht Bewertens» berichten, etwas anderes zu meinen scheinen als sie sagen. So wie hier:

Diese Menschen sprechen von Bewertung, meinen aber offenbar vor allem oder ausschliesslich Abwertung. Schlechte Gefühle, gemeine Vorurteile über andere, mieses Wetter, Unnachgiebigkeit mit den eigenen biografischen Entscheidungen. Klar kann man sich damit das Leben ganz schön schwer machen.

Denkanstösse, um aus dieser Miesepeterfalle herauszukommen, sind zweifellos eine gute Sache und auch mir willkommen. Sie sind aber sehr alter Wein in neuen Schläuchen, heissen positives Denken, «NLP», dies und das, was auch immer, und sie haben nichts damit zu tun, dass man nicht bewertet, sondern damit, dass man sich in seiner Bewertung auf die positiven Dinge fokussiert.

Antisemitismus zum Beispiel ist scheisse. Das lässt sich nicht wegatmen.

Bewerten, Urteilen, Einschätzen ist viel umfänglicher und sehr viel mehr mit der Essenz unserer Menschlichkeit verhaftet, als neuerdings der Anschein erweckt wird: «Ich liebe dich. Ich bin hier Zuhause. Das Essen schmeckt mir. Du tust mir gut. Das Wetter ist fantastisch. Ich habe einen grossartigen Job gemacht. Schön, dass es dich gibt.» Das sind auch alles Bewertungen. Sich dieser positiven Einschätzungen zugunsten einer entspannteren Halbdistanz zu enthalten, macht in meinen Augen kaum Sinn.

Sich komplett von negativen Werturteilen zu befreien, übrigens auch nicht. Antisemitismus zum Beispiel ist scheisse. Gestern scheisse, heute scheisse, morgen scheisse. Das lässt sich nicht wegatmen. Genauso wenig wie eine Situation, in der meinen Kindern Gewalt angetan wird. Sie können davon ausgehen, dass ich das «sehr negativ bewerte». Anders gesagt: Ich raste aus. Das ist die Kehrseite meiner unbedingten Liebe zu ihnen, meines Beschützerinstinkts und meiner Verantwortlichkeit.

Bei allem Verständnis für den Wunsch und das Bemühen um mehr Gelassenheit, die auch mir oft gut zu Gesicht stehen würde, wünsche ich mir für die Zukunft, bei manchen Dingen, Situationen und Menschen niemals so gelassen zu werden, wie mir hier und da vorgeschwärmt wird. Bei aller Überzeugung, dass unsere Vorurteile so antastbar und revidierbar wie möglich sein sollten, würde ich mich Werturteilen nicht gänzlich enthalten wollen. Das hat zum einen mit dem zu tun, was der Soziologe Hartmut Rosa in seiner Kritik an der Achtsamkeit als Unverfügbarkeit beschreibt.

Nichtssagende Enthaltung

Während durch Achtsamkeit Bewusstsein verfügbar gemacht und unter Kontrolle gebracht wird, ist das Leben eben auch durch unverfügbare Unkontrollierbarkeiten geprägt, die ich nicht schärfen oder herunterdimmen (je nach Bewertung) wollen würde. Und zum anderen missfällt mir der Umgang mit dem zutiefst menschlichen Aspekt des Bewertens. Des Überwältigt-Seins, der Begeisterung und des Ekels, der Hingabe, des Desinteresses. Das sind doch wir, das macht uns aus.

Wieso beschäftigen wir uns eigentlich so zwanghaft damit, uns als Menschen zu überwinden? Einen Tag wegen einer Million nicht reproduzierbarer Dinge als ätzend oder grossartig bewerten zu können, finde ich faszinierend. In einem furchtbaren Tag Wundervolles finden zu können, noch viel spannender. Sich der ganzen Sache bewusst zu enthalten eher nichtssagend. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, habe das alles nicht verstanden und nicht zu werten ist das Beste überhaupt. Dass ich das anders sehe, wissen Sie ja jetzt. Von mir aus spricht nichts dagegen, dass Sie das und mich jetzt hemmungslos bewerten.