Wickelwüste Schweiz

Zu wenig und am falschen Ort: Die Situation der Wickeltische in der Schweiz ist beschämend für ein Land, das sich so gern zum Synonym von Ordnung erklärt.

Glück gehabt! Ob es in einem Schweizer Restaurant einen Wickeltisch hat, ist reine Lotterie. Foto: iStock

Ich hielt die Schweiz eigentlich immer für ein Toilettenparadies. Zumindest im Vergleich zum Ausland. Klar, es gibt auch bei uns das eine oder andere schmuddelige WC. Aber dass es selbst in schicken Restaurants mit der Ambiance und Hygiene vorbei ist, man quasi in die Unterwelt steigt, wenn man die Tür zum Lokus durchschreitet, hat Seltenheitswert.

Seit ich einen Sohn habe, hat sich mein Bild von der Schweizer Toilette gewandelt. In Cafés, Restaurants und öffentlichen Einrichtungen fehlt noch immer allzu oft ein Wickeltisch. Ob es einen hat oder nicht, ist, wenn man das Lokal nicht kennt, reine Lotterie. Man kann das als Luxusproblem abtun. Ein Baby lässt sich schliesslich auch auf dem Boden wickeln. Aber es geht wie bei vielem im Leben um Verhältnismässigkeit und die Botschaft, die gesendet wird.

Wie geht das zusammen, habe ich mich zum Beispiel im letzten Winter im Café des Bündner Kunstmuseums in Chur gefragt – der renovierte Neoklassizismus, die salonhafte Eleganz, die piekfeine Gastronomie mit dem Umstand, dass ich mein Kind hier auf dem Toilettenboden wickeln muss.

Böse Blicke und Nasenrümpfen

Wer sich trotzig gegen diese Misere stemmt und sein Kind ganz selbstverständlich in aller Öffentlichkeit wickelt, tut sich selbst und allen anderen keinen Gefallen. Am deutlichsten erlebt man das im Zug. Die Blicke, das wortwörtliche Naserümpfen der Leute im Abteil sind schwer auszuhalten. Und kann man es ihnen verdenken? Der Geruch einer vollen Windel ist eine Zumutung. Und wenn das Kind sich auf der Wickelmatte wehrt, kann niemand garantieren, dass die Polster sauber bleiben.

Fehlt für eine Wickeltisch-Reform der nötige, lange Atem?

Dass Eltern in unmögliche Situationen kommen, improvisieren müssen, ist systembedingt. Kinder produzieren Chaos, immerzu. Störend sind solche Situationen denn auch nicht im Einzelnen, sondern in der Summe. Der Wickeltischmangel in der Schweiz ist ein schon lange bekanntes Problem, und doch kommt nichts in Gang. Exemplarisch sei SP-Nationalrat Cédric Wermuth genannt, selbst Vater zweier kleiner Töchter, der vor zwei Jahren einen Vorstoss auf nationaler Ebene ankündigte, dann aber nichts folgen liess. Im Leben und Erleben von Eltern ersetzt ein Problem das andere – vielleicht fehlt für eine Wickeltisch-Reform darum der nötige, lange Atem.

Wickeltische auf der Behindertentoilette

Gewiss, es gibt dringendere Themen in der Familienpolitik. Dass aber ausgerechnet die saubere Schweiz bei den Wickeltischen so schleppend vorankommt, ist ein Armutszeugnis. Machte man früher den Fehler, Wickeltische nur auf der Frauentoilette einzubauen, finden sie sich in neuen Gebäuden – scheinbar politisch korrekt – auf dem Behinderten-WC. Das Tanzhaus in Zürich ist so ein Beispiel. Wie kann es sein, dass in einem so grosszügigen, raffinierten Bau ein Paraplegiker zehn Minuten vor der Toilette warten muss, nur weil mein Kleiner frische Windeln braucht?

Die Politik und die Baubranche müssen die Schweizer Toiletten neu erfinden. Umso mehr, als sich längst nicht mehr alle in der Gesellschaft als Mann oder Frau identifizieren. Gerade hier tut sich eine Chance auf. In genderneutralen Toiletten lassen sich Wickeltische so platzieren, dass sie für alle zugänglich sind und niemandem Unrecht tun.

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