Willkommen in der neuen Normalität!

Seit einer Woche dürfen unsere Kinder wieder in die Schule – und unsere Autorin zu ihren Kindergärtnern. So erlebt sie diese Zeit.

Wie am ersten Schultag: Drei Mädchen machen sich am 11. Mai nach acht Wochen Pause auf den Weg zur Schule. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Nein, der Wonnemonat Mai macht nicht nur alles neu. Für einmal brachte er auch das «Alte» zurück. Zumindest so ein Zwischending. Ein bisschen Schule, ein bisschen Homeschooling, ein bisschen Fast-Ferien. Und mir persönlich ein bisschen mehr Freiheit. Wie wert- und sinnvoll grauer Alltag, Trott und Routine sein kann, zeigt sich manchmal erst, wenn die Normalität durchgeschüttelt wird.

Ja, auch ich sehnte mich nach den alten Strukturen. Sie sind nicht nur verlässlich, sondern auch gesund. Ich plädierte dafür, sich mit der Lockdown-Zeit anzufreunden, aber sie nicht als «normal» anzusehen. Klar, man passte sich den Appellen und Begebenheiten an, man arrangierte sich, so gut es ging. Aber gewöhnen wollte ich mich an diese seltsam surreale Welt nicht.

Es war unbestritten wunderbar, mit meinen Möchtegern- und Neuteenies, samt Mann und Katze, in einem geschützten Kokon zu leben. Aber im realen, echten Leben sind meine beiden Mädchen drauf und dran, sich abzunabeln, den Kokon zu verlassen und auszuschwärmen. DAS ist normal. DAS ist gesund.

Natürlich kollidierten die Mini-Stundenpläne meiner Mädchen mit meiner Arbeitszeit.

Deshalb war ich in mehrfacher Hinsicht froh, als meine Kinder vor genau einer Woche wieder in die Schule gehen und diese als lebendiges Lerngefäss erleben konnten. Ausserdem bedeutete dies für mich als Klassenassistenz, dass ich nach acht langen Wochen meine Kindergartenknöpfe wieder sehen konnte.

Natürlich kollidierten die neuen Mini-Stundenpläne meiner Mädchen bereits in der ersten Woche mit meiner Arbeitszeit. Aber im Lockdown übte ich mich in Gelassenheit, ich lernte anzunehmen, was nicht zu ändern ist, das Beste aus der Situation zu machen und dass «dä Charre» läuft, wenn auch manchmal auf holprigem Gelände. Eine gewonnene Erkenntnis, was meine hohen Ansprüche betrifft, ist, nicht nur die Infektionsrate möglichst flach zu halten, sondern auch den Ball.

Am Tag x waren meine Kinder so aufgeregt wie an ihrem allerersten Schultag. Und als irgendwann alle aus dem Haus waren, ertappte ich mich dabei, wie ich an sie dachte – wie an ihrem allerersten Schultag. Es war seltsam. Seltsam ruhig und seltsam vertraut. Als hätte ich das alte Leben wieder aus der Mottenkiste ausgepackt. Ich freute mich und vernaschte – anders als meine Mamablog-Namensvetterin – auf der Stelle eine Tafel Schokolade. Der innere Schweinehund machte derweil brav Platz.

Hände waschen nicht vergessen! Kindergärtner am 11. Mai. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Am Dienstag sah ich «meine» Kindergärtner wieder. Manche waren ein bisschen gewachsen, manche ein bisschen «gerundet» und manche lachten mich mit ein paar fehlenden Milchzähnen an. Aber sonst waren alle noch die alten Schlitzohren und Neunmalklugen. Ihre Unbekümmertheit tat mir richtig gut. Wie fröhlich, natürlich und selbstverständlich sie mit dem Schutzkonzept umgingen und sich wieder in den Kindergartenalltag einfügten, als seien sie eben nur mal kurz weg gewesen. Sie hatten den Lockdown scheinbar unbeschadet überstanden, worüber ich sehr froh war. Es war wohltuend zu sehen, wie dem schockerstarrten Kindergartenraum wieder Leben eingehaucht wurde. Sie freuten sich sichtlich, ihre Gspänli zu sehen, die lieb gewonnenen Lieblingsspielzeuge in Beschlag zu nehmen und mit Feuereifer zu basteln. Die Batterien waren vollgeladen.

Auch meine Schulmädchen tasteten sich wieder an ihren neuen, alten Alltag. Und waren fast ein bisschen traurig, als sie am zweiten Tag schon wieder «frei» hatten. Auch bei ihnen spürte ich das grosse Bedürfnis, ihre Freundinnen und neuerdings Freunde (!) wieder um sich zu haben. Dieser BFF-Speicher wird noch seine Zeit brauchen, bis er wieder ganz gefüllt ist.

Die Verlockung ist gross, eine ruhige Kugel zu schieben.

Wir, unsere Familie, müssen uns nun – erneut – an einen neuen Rhythmus gewöhnen. Für alte, pandemieerprobte Hasen ein Kinderspiel! Die Herausforderung besteht nun darin, dass das Kind, welches gerade nicht im Präsenzunterricht in der Schule ist, zu Hause nicht einfach chillt. Es hat ja eigentlich weder frei, noch ist es krank. Aber die Verlockung ist gross, eine ruhige Kugel zu schieben, vor allem weil die Schüler auch keinem Zeugnis entgegenstreben und Noten Nebensache sind. So gestaltet es sich recht «tricky», am besagten flachen Ball zu bleiben. Doch ich finde, wir Eltern sollten uns nicht verrückt machen lassen und erkennen, dass wir uns alle in einem Ausnahmezustand befinden. Darum ist es jetzt einfach, wie es ist. Basta.

Ich bin jedenfalls froh, konnte ich meine Schäfchen wieder in die freie Wildbahn entlassen. (Na ja, wenn auch eine Wildbahn mit Schutzkonzept gegen den bösen, unsichtbaren Wolf.) Der Mensch ist nun mal ein Herdentier und kein Einsiedlerkrebs. Und ich kann meine Funktion als Schäferin wieder an die Lehrer abgeben und die Rolle des Hirtenhunds einnehmen. Nur auf die Streicheleinheiten warte ich noch.

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