Endlich allein

Schluss mit Homeoffice und Homeschooling: Wie sich der erste Morgen alleine zu Hause für unsere Autorin anfühlte.

200 Minuten nur für Mama: Die Dauerpräsenz der Familie im Lockdown war intensiv und anstrengend. Fotos: iStock

Immer wieder hatte ich mir in den letzten Wochen das Geräusch vor Ohren geführt, welches unsere Haustür am Morgen des 11. Mai von sich geben würde, wenn sie erst hinter dem Mann und dann hinter den Kindern zufallen würde. «Klack!» würde es machen, wenn sich das Türschloss mit dem Zylinder vereinen und die Tür sich in seinen angestammten Rahmen schmiegen würde. «Klack», kurz bevor ich endlich und für unglaubliche 200 Minuten lang A-L-L-E-I-N-E sein würde. Ich weiss zwar seit jeher, wie sehr ich zwischendurch den Zustand des Alleinseins für mein Seelenheil brauche, aber seit Corona ist das nun definitiv und sozusagen amtlich bestätigt.

Denn so schöne Momente es in dieser eigentümlichen Zeit in unserer Familie gegeben hat, so gab es doch auch jene, in denen es mir über den Kopf wuchs, dass ich für das stets prall tobende Leben um mich herum über keine Fernbedienung mit Pausentaste verfügte. Doch wenn mich der Sturm zu überrollen drohte, holte ich zur Selbstmedikation einfach das potenzielle «Klack» vom 11. Mai hervor, welches meinem Geist stets so heilend wie der Ton einer tibetischen Klangschale erschien und jedes Mal ein breites Grinsen auf mein Gesicht zauberte.

Historisches Datum

Und dann war er da, der berühmte 11. Mai. Jenes Datum, dessen Anzahl an Nennungen in Elternkreisen nicht einmal das Wort Weihnachten toppen wird. Der 11. Mai brachte mit sich, dass ich gleich hellwach und bestens gelaunt war, als der Wecker klingelte, was selten genug vorkommt. Auch die Kinder sprangen regelrecht aus ihren Federn, doch fanden sie das Ventil für ihre Aufregung auch postwendend und lauthals im Geschwisterkind, welches das bessere Joghurt zum Frühstück und einen Atemzug mehr Luft erhalten hat als das andere.

Ich wusste wieder, warum ich die Morgen zu Prä-Corona-Zeiten immer ziemlich anstrengend fand, was mich beinahe wehmütig daran denken liess, dass wir in der Zeit des Stillstands nun alle noch friedlich schlummern würden. Doch ein einziger Gedanke an meine ganz persönliche Klangschale reichte, um mich auf Zack zu bringen und mich wieder wissen zu lassen, dass sich der ganze Aufwand aber auch so was von lohnt.

Schmerzvolle Stille

Und dann war es so weit. «Tschühüssss Schatz! Guete Start!», winkte ich nach «Klack 1» meinem Mann aus dem Fenster zu. Ein Auftritt, den man problemlos für eine Waschmittelwerbung aus den 50er-Jahren hätte verwenden können. Und als auch die Kinder ihre kleinen Füsse endlich Richtung Schule bewegten und mich sogar mit mehreren «Klacks» beglückten «Helm, Thek, Pokémon-Charte vergässe!» war es endlich so weit: Ich war alleine. Ich betrat jenes geheimnisvolle Land, zu dem mir in den letzten Wochen der Zutritt verwehrt war. Nur ich, meine Gedanken und Gefühle, die sich mit niemand anderem zu vermischen haben. Und erst als mir der Sprung zur Decke auch wirklich gelang, kugelte ich mich aufs Sofa, von dem aus ich für diesen historischen Morgen geplant hatte, lauter Dinge zu tun, die in den letzten Wochen endlose Diskussionen ausgelöst hätten: streng Verbotenes, wie am Morgen TV schauen oder Schokolade essen, zum Beispiel.

Von wegen streng verboten: Mamis dürfen auch mal vormittags fernsehen. Theoretisch.

Doch die Stille im Haus war so ungewohnt still, dass sie mich in den Ohren schmerzte. Fast hätte ich zum Pamir meiner Tochter mit dem ich in den letzten Wochen tiefe Freundschaft geschlossen hatte – gegriffen, um mich vor ihr zu schützen, erkannte dann aber doch noch rechtzeitig die Absurdität solchen Tuns. Auch nach TV und Schokolade war mir leider nicht, sodass mein Hirn das Gelände nach etwas anderem Verbotenem abscannen musste. Und siehe da, mein guter alter Scanner wurde fündig: in Form meiner alten Sucht, heimlich das Kinderzimmer aufzuräumen.

Sieg des Verlangens

Ich versuchte, mein rasendes Verlangen zu unterdrücken, die unbändige Sehnsucht danach mittels Atemübungen in den Griff zu bekommen. Doch schlussendlich war es, wie es mit einer Sucht eben ist: Sie siegte. Einmal mehr schoss ich meinen Vorsatz, es nie mehr zu tun, übermütig über Bord; selbstverständlich schuldbewusst: «Nur noch dieses eine Mal!», sagte ich mir. Denn natürlich weiss ich, dass dieses Tun pädagogisch so wertlos ist wie italienische Lire, und die Kröten ihr Zimmer gefälligst selber auf Vordermann bringen sollten. Bloss verstehen die Kinder unter «Vordermann» etwas komplett anderes als ich. Der Sohn entdeckt nach drei weggeräumten Legoteilen bestimmt genau jenen Playmo-Räuber, nachdem er ja schon Jahre gesucht hat, und kann sich in solch einer Extremsituation unmöglich den Niedrigkeiten des Lebens widmen. Und die Tochter kreischt jeweils bei jedem Minifötzeli, das ich wegwerfen will: «Spinnsch? Das bruchi no!», sodass das Resultat jener Aktionen jeweils nicht annähernd dem von mir erstrebten Bild entspricht.

Doch nun ist genau dieses Bild greifbar nah. Gierig greift meine Hand in einen Berg Legos und lässt sie unbeobachtet in die Kiste verschwinden, und ein Barbie-Bein ohne Barbie-Rest verschwindet unerkannt im Müll, ohne dass ich darüber diskutieren muss, dass des Tochters Lebensglück von genau diesem seit Urzeiten unbeachteten Plastikstück abhängt.

Übergriffig? Vielleicht. Pädagogisch wertlos? Bestimmt. Trostlos? Mit Sicherheit nicht. Denn genau diese Aktion hatte seine Aufgabe erfüllt, die Brücke zwischen dem ständigen Abstimmen von Bedürfnissen und der Wiederherstellung meiner ganz eigenen Welt zu schlagen. Plötzlich erscheint mir die Stille nicht mehr laut, sondern äusserst erfüllend, und zur Feier des Tages gönne ich mir nun doch noch ein dickes Stück Schokolade.

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