Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr

Endlich sind die Schulen wieder offen! Das Coronavirus stellte den Alltag einer alleinerziehenden Mutter gehörig auf den Kopf. Ihr Fazit.

Nach Wochen mit Homeschooling wurde alles zu viel: Eine erschöpfte Mutter mit ihrem Kind. Foto: Getty Images

In der Theorie lief alles viel einfacher und strukturierter. Als der Bundesrat die Schulen schloss, war mir klar, dass auf mich äusserst anstrengende Wochen zukommen würden.

Also her mit der neuen Struktur: Die Schule findet ab sofort zu Hause statt, damit bin ich augenblicklich zur Assistenz der Lehrperson aufgestiegen. Die Hortbetreuung entfällt, dementsprechend müssen zusätzliche Mahlzeiten eingekauft und zubereitet werden. Dazu kommt die Kinderbetreuung, Mediation bei Streitereien und weitere Programmpunkte. Sportclubeinheiten entfallen ebenso, folglich muss ich die Kinder zusätzlich in Bewegung halten. Ich bin bereits gespannt, wie es mir gelingen wird, eine Fussballmannschaft zu ersetzen.

Soziale Kontakte laufen neuerdings ganz legitim über die noch vor einigen Wochen umstrittenen Plattformen Zoom und Co. «Achtung, Datenschutz!», hiess es kürzlich noch – in diesen Tagen sind die Bedenken gänzlich verschwunden. Grundsätzlich sehe ich es ja gelassen, wären da nicht dauernd so viele Links, auf allen möglichen Kanälen. Hinzu kommen Warteräume und Passwörter, welche auch mal während eines Geschäftscalls eingegeben werden sollen. Terminkollisionen liegen an der Tagesordnung: Soll ich mich nun für den Videochat mit der Lehrerin entscheiden oder priorisiere ich den Call mit der Arbeitsstelle? Jeder erwartet von mir hundertprozentigen Einsatz. Das gesamte Gerüst unserer dreiköpfigen Familie wurde über den Haufen geschmissen.

Das Leben läuft aus den Fugen

Fazit nach all den Wochen: Am schlimmsten fand ich die ständigen Streitereien um nichts. Normalerweise sehe ich es gelassener – sollen sie doch streiten, das gehört schliesslich zur Entwicklung. Und letztlich weiss ich ja, dass sie am Abend wieder ineinander verschlungen einschlafen und der Geschwistersegen gerade hängt. Nur höre ich dieses endlose Gezanke normalerweise auch nicht, während ich mich um neue Produkteflyer und deren optimale Formulierungen bemühe. Konzentriert bleiben und nach packenden Synonymen suchen, während sich meine Bengel im Nebenzimmer lauthals Schimpfwörter an den Kopf schmeissen? Das gehört definitiv – noch – nicht in mein Multitaskrepertoire. Also versuchte ich, die Ruhe zu bewahren.

Ich stelle nach diesen Wochen fest, dass die Kinder durchaus auch profitierten.

Doch mal ehrlich, irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Die ganze Situation zehrte an meiner Kraft und an meinen Nerven. Es fehlte Raum zum Auftanken – welcher als Alleinerziehende ohnehin ein Luxusgut ist. Während Wochen sassen wir aufeinander und mussten leisten.

Ich trug eine immense Verantwortung, welche mich nachts oft aufschrecken liess, und musste mir letztlich eingestehen, dass meine Geduld begrenzt ist. Mit jeder weiteren Woche spürte ich, dass ich meinen Ansprüchen und mir selbst nicht mehr gerecht wurde. Auf der einen Seite wollte ich eine einfühlsame, liebevolle und verständnisvolle Mutter sein, welche die Kinder im Homeschooling motiviert, mit ihnen das Einmaleins rauf und runter übt, sie zu spannenden Aufsätzen und Tagebucheinträgen motiviert sowie geduldig Englisch-Vocis abfragt. Doch wie sollte das gehen, wenn man zur gleichen Zeit arbeitet und produktiv sein musste?

Spielabende eskalierten plötzlich, und unsere anfänglich noch täglichen, entlastenden Spaziergänge und Vita-Parcours-Freigänge nahmen kontinuierlich ab. Die Kinder hatten immer weniger Antrieb, und die Motivation fiel Mitte Woche auf einen absoluten Tiefpunkt. Uns rettete regelmässig das nahende Wochenende, das die Stimmung wieder deutlich angehoben hat. Dann konnte ich endlich «richtig Zeit» mit den Kindern verbringen und fühlte mich nicht ständig so zerrissen.

Ich muss gestehen, dass das Virus sich in meiner Familie eingenistet hat.

So wartete ich nur noch auf den 11. Mai. Auf den heutigen Tag also, an dem wenigstens die Kinder wieder zur Schule dürfen – mit ihren Gspäändli spielen, plaudern, lachen und «Seich» machen können. Einfach ein Stück Freiheit zurückbekommen und nicht dauernd unter Verschluss still daheimsitzen müssen. Denn wie gesund konnte das auf Dauer sein?

Wenn ich aus dem Zimmer nebenan hörte, wie meine Tochter weinen musste, weil sie Angst gehabt hatte, dass vor lauter Quarantäne ihr Geburtstag vergessen werden könnte und sie ihre Freundinnen vermisst, war das die Zerreissprobe schlechthin. Klar, das waren Luxusprobleme, wenn ich an Menschen mit noch grösseren Sorgen denke. Aber sie nagten dennoch an unserer Lebensfreude.

Ein Auf und Ab, es gab aber auch Positives

Aber ja, es gab auch die Momente, in denen ich unglaublich stolz war, wie selbstständig meine beiden Primarschüler den Fernunterricht meisterten und wie fleissig sie arbeiteten. Es war eine beachtliche Leistung, wie beide immer pünktlich aufgestanden, mit ihren Geräten an ihren Arbeitsplatz gesessen sind und Tagebuch geschrieben haben, Rechnungen gelöst oder Antworten über die Steinzeit aus einem Text extrahiert und zusammengefasst haben. Ich stelle nach diesen Wochen fest, dass die Kinder durchaus auch profitierten. Nun können sie konzentriert und ohne Ablenkung in ihrer eigenen Geschwindigkeit arbeiten und hinterlegen punkto Eigenverantwortung und Digitalisierung Meilensteine. Mich freut zu sehen, dass Google auch für Rechtschreibung oder Recherche genutzt wird. Und Youtube nicht nur für Game-Tutorials, sondern freiwillig für Schulwissen verwendet wird.

Ich muss aber gestehen, dass das Virus sich in meiner Familie eingenistet hat. Zwar sind wir im Grunde kerngesund, doch liegen die Stressrezeptoren mittlerweile völlig blank. Wir zanken, wir reagieren überempfindlich, und wir beruhigen uns wieder. Ich hoffe, dass sich die Wogen auch dank dem Schulstart bald glätten werden und wir alle ein Stück unserer gewohnten Freiheit zurückerhalten.