Wie Eltern mit imaginären Freunden umgehen sollten

Müssen wir uns Sorgen machen, wenn sich unser Kind Spielkameraden ausdenkt? Oder sind sie immer auch ein Zeichen sozialer Kompetenz? Ein Gespräch mit Kinderärztin Cornelia Busse.

Rund ein Drittel aller Kinder knüpft imaginäre Freundschaften. Geht die Realität verloren, muss man eingreifen. Fotos: Getty Images

Am dritten Tag des Lockdown sassen wir erstmals zu fünft beim Abendessen. Mutter, Vater, Sohn, Tochter – und Sophie, die neue Freundin unseres Sohns. Zwei Tage später waren wir schon zu sechst: Neben Sophie sass nun auch noch Laura. Unser Sohn, der im Sommer vier Jahre alt wird und im Zuge der Corona-Bekämpfung gerade aus seinem gewohnten Kita-Alltag herausgerissen worden war, hatte sich die beiden Mädchen ausgedacht: als Spielkameradinnen, Gesprächspartnerinnen und Sündenböcke, wenn mal wieder ein Glas umgefallen oder ein Baustein durchs Wohnzimmer geflogen war.

Sophie und Laura sind imaginäre Freundinnen, aber auch die machen Arbeit. Plötzlich sollte der Tisch zu jeder Mahlzeit für sechs Personen gedeckt werden. Unser Sohn machte sich Sorgen, dass das gekochte Essen nicht reichen würde. Es gab Diskussionen über die Einrichtung eines Bettenlagers und die Anschaffung weiterer Zahnbürsten, Fahrräder und Autokindersitze. Einmal war der Aufruhr gross, weil sich Sophie und Laura heillos verkracht hatten. Ein anderes Mal bekam ich Ärger mit meinem Sohn, weil ich einem der Mädchen auf die Füsse getreten war.

Ein Zeichen von Kreativität und sozialer Kompetenz

Knapp zwei Monate geht das nun schon so. Kitas und Schulen sind in Deutschland, wo wir wohnen, noch immer weitgehend geschlossen, die Bevölkerung ist angehalten, soziale Kontakte auf das Allernötigste zu beschränken. Es haben sich hitzige Debatten um Grundrechte, Lockdown-Lockerungen und Verhältnismässigkeiten entwickelt. Debatten, von denen Sophie, Laura und unser Sohn nichts mitbekommen. An manchen Tagen toben sie zu dritt durch die Wohnung, an anderen drohen die Mädchen fast in Vergessenheit zu geraten. Mitunter ist unser Sohn auch genervt von seinen imaginären Freundinnen. Dann scheint er hin- und hergerissen zwischen Verantwortungsgefühlen und dem Wunsch, sich einfach mal wieder ungestört ein Buch anzugucken.

Die gute Nachricht lautet: All das ist ganz normales, altersgerechtes Verhalten, sowohl in Corona- als auch in weniger turbulenten Zeiten. Die Forschung geht heute sogar davon aus, dass imaginäre Freunde ein Zeichen von Kreativität und sozialer Kompetenz sind. So bestätigt es auch die Berliner Medizinerin Cornelia Busse. Mitte April habe ich mit der Kinderärztin und Psychotherapeutin über imaginäre Freundinnen und Freunde bei Kleinkindern gesprochen. Dr. Busse erklärte, wie sich die medizinische Betrachtung des Phänomens im Lauf der Jahre verändert hat, wie Eltern mit den ausgedachten Spielkameraden ihrer Kinder umgehen sollten und was zu tun ist, wenn imaginäre Freunde plötzlich eine feindselige Seite offenbaren.

Foto: Getty Images

Ich wars nicht! Imaginäre Freunde können auch als Sündenbock dienen.

Frau Dr. Busse, als Kinderärztin und Psychotherapeutin behandeln Sie alles: vom Drei-Tage-Fieber bis zur ADHS-Erkrankung. Wie oft haben Sie mit imaginären Freundinnen und Freunden zu tun?
Eher selten. Es gibt allerdings bestimmte Behandlungsmethoden, die gerade darauf basieren, dass Kinder die Fähigkeit zur Imagination besitzen. Als Ärztin kann ich mir innere Freunde meiner Patienten zunutze machen. Therapieren würde ich das Phänomen allerdings so gut wie nie. Die Weltgesundheitsorganisation definiert eine Krankheit als Erscheinung, bei der ein Leidensdruck vorliegt. Solange dieser Leidensdruck nicht gegeben ist, gibt es auch keinen Grund, etwas zu pathologisieren.

Früher hat die Medizin das anders gehandhabt.
Ja, man hat imaginäre Freunde als pathologische Erscheinung bewertet und ging davon aus, dass sie etwas mit Wahnideen zu tun hätten oder gar Vorboten späterer psychischer Erkrankungen sein könnten. Da hat jedoch ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Heute gilt es als ganz natürlich, dass sich Kinder Freunde schaffen, mit denen sie sprechen können oder die ihnen ähnlich sind.

Ein typisches Einzelkinderphänomen?
Überhaupt nicht. Die Forschung geht eher davon aus, dass imaginäre Freunde häufiger bei älteren Geschwisterkindern zu beobachten sind, aber auch da bin ich nicht sicher, ob wirklich ein Zusammenhang besteht. Sagen kann man aber: Das Phänomen tritt eher bei sensiblen Kindern auf, bei Kindern, die schon gut in sich reinhören können und nach Personen suchen, mit denen sie harmonieren. Sie halten eine Art innere Zwiesprache. Bei Dreijährigen ist das besonders ausgeprägt. Drei ist das magische Alter, die Phase, in der Kinder oft versuchen, sich die Welt auf magische Weise zu erklären.

«Wir sind immer auf der Suche nach Dingen, die gut für uns sind.»

Sind imaginäre Freundinnen ein Zeichen von Einsamkeit?
Auch da muss kein Zusammenhang bestehen. Ich beobachte das Phänomen sogar häufiger bei Kindern, die viele Freunde haben und gut in der Welt zurechtkommen. Mit Langeweile oder gar sozialer Isolation hat das in der Regel nichts zu tun.

Aber woher kommt das Phänomen denn?
Ach, Kinder machen so viele Dinge, bei denen man sich das fragen könnte. (lacht) Oft denkt man erst mal: O Gott, was soll das denn jetzt? Meistens sind vermeintliche Zwangsideen oder -handlungen aber einfach natürliche Entwicklungsschritte. Sie treten eine Zeitlang auf und verschwinden wieder. Das Gehirn macht solche Sachen, während es sich entwickelt. Es probiert aus, ob etwas passt oder hilft, und im Prinzip setzt sich das fort bis ins Erwachsenenalter. Wir sind immer auf der Suche nach Dingen, die gut für uns sind.

Kinderärztin und Psychotherapeutin Cornelia Busse.

Welchen Umgang empfehlen Sie Eltern mit den imaginären Freunden ihrer Kinder?
Eltern sollten immer für die Realität stehen. Deshalb ist es wichtig, zwischen imaginären und tatsächlichen Freundinnen zu unterscheiden. Das heisst aber nicht, dass man ständig auf den Unterschied hinweisen muss. Man kann das Spiel auch mitspielen und so tun, als würde man dem imaginären Freund ein Glas Wasser einschenken. Kinder brauchen dieses Als-ob, um später die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion hinzubekommen.

Also Tisch decken für sechs Personen?
Ich würde das mit dem Kind besprechen. Wenn es grossen Wert darauf legt, kann man für imaginäre Freunde zum Beispiel Puppengeschirr auf den Tisch stellen. Daran lässt sich die Unterscheidung zwischen wahr und nicht wahr auf gewinnbringende Weise zeigen.

Gibt es auch Situationen, in denen Sie sagen würden: Jetzt muss man aber doch die Reissleine ziehen?
Wenn die Realität verloren geht, muss man sicherlich eingreifen. Dann würde ich empfehlen, eine Psychotherapeutin aufzusuchen und die Dinge gemeinsam mit dem Kind zu sortieren. In welcher Entwicklungsphase befindet es sich? Wie steht es zu seinen imaginären Freundinnen? Ähnlich ist es mit Jugendlichen, die nur noch in Onlinewelten leben und alle anderen sozialen Kontakte vernachlässigen. Auch da würde ich einschreiten. Denn wichtig ist immer die Parallelität. Realität und Imagination müssen nebeneinander existieren.

Wie geht man mit imaginären Freunden um, die gar nicht so freundlich sind und von Kindern als eine Art Blitzableiter für eigenes schlechtes Benehmen genutzt werden?
Wenn Ihr Kind Blödsinn macht und das auf einen imaginären Freund abwälzen will, müssen Sie ihm erklären, dass es selbst für sein Verhalten verantwortlich ist. Wie gesagt: Eltern stehen für die Realität. Aber man kann natürlich Gedankenspiele mit seinen Kindern durchgehen: «Stell dir mal vor, Sophie und Laura würden jetzt diese Vase runterschmeissen!« Da geht es um die Erforschung von Grenzen. Es ist völlig in Ordnung, sich auf so etwas einzulassen, solange Ihr Kind die Unterscheidung zwischen dem Spiel und der Wirklichkeit versteht.

Die allermeisten imaginären Freunde verschwinden nach einer Zeit wieder. Was passiert in der Vorstellung von Kindern mit ihnen?
Das ist ganz unterschiedlich. Imaginäre Freunde können sterben, einfach weggehen, ins Weltall fliegen, vom Müllauto überfahren werden. Da gibt es genau so viele Möglichkeiten, wie es Menschen gibt.

… und nur die wenigsten imaginären Freunde bleiben für immer: Szene aus «Christopher Robin». Foto: Walt Disney Studios

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