Papa, warum darf Trump lügen?

Unser Autor hat seinen Kindern beigebracht, die Wahrheit zu sagen. Doch dann kam Donald Trump – und log allen dreist ins Gesicht.

Trump darf scheinbar alles: Graffito von Donald Trump und Chinas Staatspräsident Xi Jinping. Foto: Getty Images

Mein ältester, beinahe dreizehnjähriger Sohn sitzt neben mir vor den Nachrichten und schüttelt fassungslos den Kopf. Seit Wochen, um nicht zu sagen seit Monaten verfolgt er die Lügen, Übertreibungen und hemmungslosen Selbstbeweihräucherungen des US-amerikanischen Präsidenten und versteht die Welt nicht mehr. Ich übrigens auch nicht. Aber mein Unverständnis ist mittlerweile resignierter und abgeschlaffter, als es sein sollte. In meinem Sohn ist es jedoch frisch und sehr wütend. Ein Teil dieser Wut gilt auch mir – und zwar zu Recht. Denn abgesehen davon, dass wir gemeinsam Trump als «Nachtjacke» und seine Lakaien als «Zauberwürfellarrys» beschimpfen können (Ich liebe meinen Sohn für seine kreativen Ausdrücke), habe ich ihn auf die Existenz eines solchen Mannes nicht vorbereitet. In meinem Bemühen, ihm den Unterschied zwischen richtig und falsch, zwischen Wahrheit und Lüge beizubringen und zugleich auf seine Stärke zu vertrauen, so oft wie möglich gute Entscheidungen zwischen diesen Optionen zu treffen, kam eine Person wie Donald Trump nicht vor. Ich habe ihn einfach verschwiegen.

Vielleicht weil ich selbst glauben wollte oder musste, dass es ihn nicht geben kann. Das bedeutet nicht, dass ich meine Kinder mit naiven Verschönerungen der Wirklichkeit abspeise. Sie wissen, dass Hass, Gewalt, Boshaftigkeit und Lüge existieren. Sie wissen auch, dass man mit diesen Dingen davonkommen kann – mithilfe von Glück oder Gerissenheit. Was meinen Sohn zunehmend irritiert, ist die Tatsache, dass Donald Trump darauf gar nicht angewiesen ist. Der Mann lügt den Leuten ins Gesicht. Nachweisbar, vor laufenden Kameras, gerne auch mehrmals täglich.

Von Corona-Dreistigkeiten bis Comedy

Mein Sohn erwartet nicht, dass es eine solche Person nicht gibt. Er erwartet noch nicht mal, dass er dafür unbedingt zur Rechenschaft gezogen wird. Aber er dachte bislang immer, dass Menschen es nicht mögen, wenn man sie erkennbar belügt und für dumm verkauft. Dass es nicht belohnt werden würde, wenn jemand immer wieder offensichtlich Mist erzählt und am Ende auch noch die Dreistigkeit besitzt, zu behaupten, er hätte nie etwas anderes gesagt als das Gegenteil dessen, was er erwiesenermassen in die Mikrofone gesprochen hat. Aber genau das passiert. Immer wieder:

Und seine Gefolgschaft nimmt das nicht nur hin, sie feiert ihn auch noch dafür. Sicher, es gibt in den Vereinigten Staaten auch sehr viele Leute, die sich gegen ihren Präsidenten stellen und nicht müde werden, so entschieden wie möglich die Lust am Lügen, Verzerren und an den «alternativen» Fakten aufzudecken und der gebührenden Lächerlichkeit preiszugeben:

Den Verrat lieben, aber nicht den Verräter

Das Problem ist nur, dass das überhaupt nicht verfängt. Es scheint keine Information, kein Detail, kein schmutziges Geheimnis zu geben, das Donald Trump in den Augen seiner Anhängerschaft zu diskreditieren vermag. Denn tatsächlich sind diese Dinge überhaupt nicht geheim, sondern zum grössten Teil einfach erwartbar, konsequent oder längst bekannt. Aber seit wann mögen Menschen Opportunisten? Seit wann feiert man narzisstische Selbstdarsteller, die sich praktisch öffentlich dazu bekennen, dass sie alles und jeden verraten und verkaufen würden, wenn sie sich davon einen Nutzen versprechen. Ekeln wir uns denn vor gar nichts mehr?

Ich dachte immer, dass Menschen schlimmstenfalls anfällig für das Böse wären. Dass wir verführbar sind und leicht zu blenden. Ich dachte, seit Kaiser Augustus wäre gesetzt, dass man den Verrat liebt, aber nicht den Verräter. Donald Trump aber ist ein Verräter. Er verrät nicht nur Dinge, die mir und vielen anderen wichtig sind (damit müssen wir klarkommen), sondern ganz eindeutig Dinge, die ihm selber noch vor 5 Minuten wichtig waren. Zumindest angeblich. Diese Nachtjacke und seine Bande von Zauberwürfellarrys lügen nicht nur, sie schaffen es, augenscheinlich wirklich davon überzeugt zu sein, schon immer einer Ansicht gewesen zu sein, die sie eben noch komplett abgelehnt haben. Ich kann das meinem Sohn wirklich nicht erklären, ich weiss nicht, wie das funktioniert. Vor allem aber weiss ich nicht, warum und seit wann das ein wünschenswerter Charakterzug ist. Vielleicht können Sie mir helfen?

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