Corona-Tagebuch

Maturaprüfung – ja oder nein?

Noch ist unklar, ob die Matur ausfallen wird. Die Zukunft unserer Kinder wird diese Entscheidung kaum beeinflussen, glaubt unsere Autorin.

Regulär oder geschenkt: Die Zukunft der Maturanden wird vom Maturentscheid kaum beeinflusst. Illustration: Benjamin Hermann

Donnerstag, 23. April

Meine Tochter sitzt auf Nadeln. Wenn man den Zustand angesichts der Umstände überhaupt so nennen kann. Sie stand kurz vor der Matur, als das Virus angetanzt kam und alles durcheinanderwirbelte. Und bis heute weiss sie nicht, ob sie die Matur nun noch wird machen müssen. Oder ob der Bund beschliessen wird, dass man mit der Vornote geht und ihrem Jahrgang die Matur schenkt. Dann wäre die Reifeprüfung ausgefallen.

Und wie so oft in diesen Tagen ist sie hin- und hergerissen, was sie davon halten soll. Einerseits würde eine ausgefallene Matur ihr natürlich eine Tonne Stress ersparen. Nicht umsonst erinnern sich viele Erwachsene auch nach Jahrzehnten mit einem leisen Schaudern an ihre schriftlichen und mündlichen Prüfungen. Und nicht wenige Menschen haben bis ins Alter Albträume. Ich etwa träume oft voller Schrecken davon, dass ich eine Mathe-Matura ablegen muss, nachdem ich etwa dreissig Jahre nichts mehr dafür gelernt hatte. 

Corona wirft unser Leben durcheinander und beraubt uns alle gewisser Gelegenheiten.

Andererseits bliebe immer der Nachgeschmack eines Coitus interruptus: Ist die Prüfung am Ende nicht ein Teil des Prozesses, der sonst unvollständig bliebe? Wäre es nicht fair, den Maturandinnen und Maturanden irgendeine Art von Abschluss zu ermöglichen? Aber was heisst denn schon fair? Wäre es nicht auch fair gewesen, meine Mutter hätte ihren runden Geburtstag im Kreise ihrer Familie feiern dürfen, wie sie es geplant hatte? Doch das durfte sie nicht – und wer weiss, wie viele runde Geburtstage ihr noch bleiben.

So oder so wird dieses Jahr in ganz vielen Hinsichten Corona-Narben tragen. Sicherlich wird es Maturanden geben, die sich der Gelegenheit beraubt fühlen werden, ihr Wissen zu demonstrieren. Das Virus ist nicht fair. Es wirft unser aller Leben durcheinander, es hat uns alle gewisser Gelegenheiten beraubt. 

Und so sitzt meine Tochter auf Nadeln. Jeden Tag schwankt sie zwischen: Juhu, meine Schullaufbahn ist zu Ende, und der grösste Stress wurde mir erlassen. Oder aber: Ich habe so viel gearbeitet, und jetzt stehen wir im Wald, und es heisst einfach: Ist gut jetzt, ihr könnt alle gehen, sucht euren Weg selbst und ach ja, hier habt ihr noch die Matur.

Von allen Dilemmas, die dieser Tage zu entscheiden sind, scheinen hier beide Lösungen verkraftbar. Denn so oder so heisst es für ihren Jahrgang am Schluss: Die Schule ist aus, es war schön, und nun habt ein schönes Leben. Ob sie nun mit regulärer oder geschenkter Matur im Gepäck losziehen – es wird ihre Zukunft kaum beeinflussen.

Corona-TagebuchDurch Homeschooling und Homeoffice sind sich Eltern und Kinder zurzeit so nahe wie nie. Im Mamablog berichten wir von Montag bis Freitag um 17 Uhr vom ganz normalen Wahnsinn aus dem Lockdown: von Kindern, Schule, Arbeit, Patchwork, Beziehungen, Social Distancing und kleinen Errungenschaften im neuen Alltag. Den nächsten Eintrag von Michèle Binswanger lesen Sie am kommenden Montag.