Mein Klassenzimmer ist auf 15.4 Zoll geschrumpft

Avatare als Schüler und ein neues «Wir-Gefühl»: Ein Lehrer berichtet, wie er den Fernunterricht im Lockdown erlebt.

Lernen ja, aber allein: Schüler und Lehrer vermissen die soziale Interaktion des Schullebens. Foto: Keystone

Ein leises Rauschen. Kaum zu hören, irgendwie klingt es surreal. Aber es ist da. Sonst nichts. In der Schule würden um diese Uhrzeit normalerweise die Jugendlichen die Treppen hochlaufen und ins Klassenzimmer strömen – einige gemächlich, andere rennend. Doch an ihrer Stelle erscheinen nur Avatare oder Initialen von Namen auf meinem Bildschirm. So beginnt derzeit jede Lektion im Fernunterricht. Dann Begrüssung, mündliche Auftragserteilung und wieder dieses leise Rauschen. Zwischendurch halte ich individuelle Kontakte zu meinen Schülerinnen und Schülern. Mein Klassenzimmer ist auf die virtuelle Grösse von 15.4 Zoll geschrumpft: die Grösse des Monitors meines Laptops.

Fernunterricht ist aber nicht nur ein Rauschen, sondern auch Französisch: Etwa Passé composé, das ich bereits vor dem Lockdown eingeführt habe. Meine Schülerinnen und Schüler bearbeiten die Arbeitsblätter, die ich auf die Plattform hochgeladen habe, legen diese dort wieder ab und bekommen eine Rückmeldung von mir. Dennoch braucht es Unterstützung mit Telefonkonferenzen in Gruppen. Im Deutsch sollen Hörbücher für Abwechslung der ständigen Bildschirmarbeit sorgen. In Geschichte entführen Texte über die Französische Revolution oder den Zweiten Weltkrieg in eine vergangene Zeit.

Vermeintliche Freiheiten und digitale Plattformen

Bis zu den Ferien sind es zwar nur wenige Wochen gewesen, aber es fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Ohne reale soziale Interaktion verstreicht die Zeit langsamer. Ja, mir fehlen meine Schülerinnen und Schüler!

Dennoch will ich nicht nur klagen: Unsere Sekundarschule war schon vor Beginn der Schulschliessung digital sehr gut aufgestellt: Jede Schülerin, jeder Schüler hat eine Mail-Adresse, und eine digitale Plattform für Dokumentenaustausch und Telefonkonferenzen hat bereits existiert. Zudem hat die Schule in einer ersten Tranche drei Klassen mit schuleigenen Laptops ausgestattet. Somit hatten wir für alle anderen Lernenden genügend mobile Geräte, die wir ausleihen konnten.

Es wird offensichtlich, dass Schule mehr ist als nur die Summe der einzelnen Fächer.

Aber es gibt sie natürlich auch: Schülerinnen und Schüler, die Mühe mit dem Fernunterricht haben. Die vermeintlichen Freiheiten verlocken, die Kontrollen finden nicht unmittelbar statt. Auch wenn diese Lernenden von unseren Heilpädagogen bestens unterstützt werden, so ist gerade für diese Jugendlichen ein langanhaltender Fernunterricht überhaupt nicht ideal.

Lernen ist vor allem auch soziale Interaktion

Mehrheitlich habe ich in diesen Wochen ein grosses Verständnis der Schülerinnen und Schüler und eine grosse Unterstützung der Eltern gespürt. In Einzelgesprächen mit den Jugendlichen habe ich nachgefragt, wie es ihnen nebst dem Fernunterricht gehe. Der Konsens: Sie vermissen ihre Freundinnen und Freunde, ihre Hobbys, ihr normales Leben und manche das Schulleben. Schule ist eben mehr als nur Unterricht. Wir können mit dem Fernunterricht zwar die fachliche Komponente abdecken, aber Lernen ist vor allem auch soziale Interaktion – und zwar ohne Rauschen und Avatare.

Ich will aber optimistisch bleiben und frage mich, wie uns dieser Fernunterricht in der Schule als Gruppe weiterbringt. Werden die Diskussionen künftig intensiver werden? Entsteht vielleicht ein neues «Wir-Gefühl»? Sicher ist die Schulschliessung in dieser schwierigen Zeit nicht das Wichtigste, aber sie zeigt auf, dass Schule mehr als nur die Summe der einzelnen Fächer ist. Das war schon vorher klar, aber nun ist es offensichtlicher denn je.

Ich freue mich sehr, bald wieder meine Schülerinnen und Schüler zu sehen.

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