Schluss mit Lästern über Religion

Warum unser Papablogger auch als Atheist seinen Kindern künftig einige christliche Tugenden vermitteln will.

Halleluja: An Ostern hat unser Papablogger seinen Umgang mit dem Christentum überdacht. Foto: iStock

Jetzt ist es also vorbei, dieses doch eher merkwürdige Osterfest. Es brachte gutes Wetter und nette Geschenke für die Kinder, aber auch einen Papst, der seine Osterriten sehr allein vollzogen hat, und viele Gläubige, die damit gehadert haben, nicht in die Kirchen gehen zu können, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Ausserdem gab es die üblichen belustigt-abwertenden Kommentare in Richtung Tanzverbot am Karfreitag und verbotene Filme von «Das Leben des Brian» bis «Mary Poppins».

Als Atheist gehen mir solche Kommentare auch zumeist ausgesprochen leicht von der Zunge. Wenn man wie ich nicht an etwas Übernatürliches glaubt und die persönlichen Gottheiten spezifischer Religionen für naturwissenschaftliche und vor allem moralische Zumutungen hält, dann fällt einem Spott sehr leicht.

Die Freude am Lästern

Insbesondere dann, wenn Gläubige durch ihre eigene Religion navigieren wie durch einen Supermarkt ohne Einkaufszettel: «Guck mal, das sieht nett aus, nee, das brauch ich nicht, da gibt es was im Sonderangebot.» Es fällt schwer, Respekt vor Weltanschauungen aufzubringen, die meinen, aus der ihnen heiligen Schrift Homophobie und Sexismus herleiten zu müssen, dann aber nicht mal in der Lage sind, zwischen unbefleckter Empfängnis und jungfräulicher Geburt zu unterscheiden. Das wirkt so ignorant wie willkürlich.

Gleichzeitig scheint eine zunehmend säkularisierte Gesellschaft enormes Vergnügen daran zu entwickeln, insbesondere die christliche Religion herabzusetzen. Damit meine ich vor allem mich und Menschen aus meiner Filterblase. Personen also, die sich eher links der Mitte verorten, die Religionsfreiheit von muslimischen und jüdischen Gläubigen (zu Recht) verteidigen, aber das Christentum in einer eher beiläufigen Art und Weise mit Häme und Blossstellungen überziehen.

Mein Vorsatz zur Barmherzigkeit

Nicht, dass wir uns missverstehen: Auch und gerade über die christliche Religion kann hervorragend gespottet werden, und sie tat und tut wirklich allerhand, um sich den Spott redlich zu verdienen. Und wenn man sich anschaut, wie zögerlich und feige ihre Würdenträger mit den grauenhaften Verbrechen umgehen, die innerhalb ihres Wirkbereiches Kindern angetan wurden, bestellt sie sich zugleich jede Menge Hass und Verachtung.

Das ändert aber nichts daran, dass (auch meine) Kritik am Christentum gelegentlich ausgesprochen wohlfeil ist, weil sie sich ein ungefährliches Ziel sucht. Wenn ich mich über diese Religion als ein Plagiat des Judentums lustig mache, die ihre Feiertage, Sakramente und Mützen dem Mithraskult geklaut hat, dann tue ich das auch deshalb, weil das für mich keine Konsequenzen hat. Wenn ich mich über ein Tanzverbot als unbotmässigen Machteinfluss der Kirche auf den Staat ärgere, fällt mir das leicht, weil das Christentum ein leichter Gegner ist. Klar gilt das nicht immer und überall. Ich wohne nicht im tiefsten Bayern, ich bin nicht auf konfessionelle Kitas oder Schulen angewiesen und auch nicht umzingelt von Krankenhäusern, die meiner Lebenskomplizin einen Schwangerschaftsabbruch verweigern würden. Aber es ist eben auch nicht so, dass ich hier im Mamablog Mohammed-Karikaturen veröffentlichen würde.

Na dann: Halleluja

Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Und sie haben absolut nichts damit zu tun, dass sich im Islam nichts Kritik- und Spottwürdiges finden liesse. Deshalb habe ich mir an diesem Ostern als Atheist etwas beinahe Christliches vorgenommen: Ich möchte etwas barmherziger mit dem Christentum und seinen Gläubigen umgehen. Und das vor allem auch meinen Kindern vermitteln. Das heisst nicht, dass ich vorhabe, unkritischer zu sein. Im Gegenteil: Ich will versuchen, so präzise wie möglich zu sein.

Das bedeutet, das Christentum da zu stellen, wo es schuldig wird, Blödsinn erzählt oder schlicht und ergreifend versagt. Das bedeutet aber auch, den christlichen Kirchen Respekt für ihren Umgang mit Geflüchteten zu zollen. Vorgeblich christlich geprägte Parteien mit der Frage in die Schranken zu weisen, was diese denn genau an Nächstenliebe und Mitgefühl nicht verstanden hätten, verdient jede Anerkennung. Und vor allem bedeutet es für mich, den Automatismus des Lästerns über das Christentum abzustellen, wenn meine Kinder sich erkundigen, was ich allgemein von Religion halte. Denn das haben sie ja überhaupt nicht gefragt. Ich nehme mir also vor, mich als entschiedener Gegner Gottes einiger christlicher Tugenden zu befleissigen. Na dann: Halleluja.

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