Von Paar zu Paar     

Streiten für Fortgeschrittene

Der aktuelle Ausnahmezustand sorgt selbst bei glücklichen Paaren für mehr Streit. Unser Paarcoach verrät, worauf Sie dabei achten sollten.

Streiten ja, aber konstruktiv: Paare sollten beim Streiten gewisse Regeln befolgen. Illustration: Benjamin Hermann

Anhand der Streitkultur von Paaren lässt sich sehr gut vorhersagen, wie stabil, zufrieden und glücklich eine Beziehung verlaufen wird. Das ist nicht der einzige Faktor, aber ein wichtiger. Und im Corona-bedingten Dichtestress bekommt er gerade eine ganz besondere Brisanz.

Zoff ist normal. Er gehört zu unserem Alltag dazu. Er bietet sogar die Chance zur Weiterentwicklung für Beziehungen, indem wir uns öffnen, emotional abgleichen und unseren Partner besser verstehen. Dabei müssen jedoch keine Teller, Ninjasterne oder Handgranaten fliegen. Es lohnt sich also, ein paar Regeln zur Konfliktlösung zu kennen. 

Es müssen keine Teller, Ninjasterne oder Handgranaten fliegen.

Zuerst einmal sollten Paare verstehen, worum es bei ihren Streitigkeiten wirklich geht. Die wahren Gründe liegen häufig verborgen unter der Oberfläche. Laut dem Psychologen und Paarforscher Howard Markman spielen oft drei grosse Bedürfnisgruppen eine Rolle: Macht und Kontrolle, Zuwendung und Bindung und/oder Respekt und Anerkennung.

Um herauszufinden, welche Bedürfnisse hinter der eigenen Streitlust liegen, kann es sehr hilfreich sein zu fragen:

  • Was sind meine Trigger? Was bringt mich ganz sicher auf die Palme?
  • Was könnten Gründe sein, weshalb mich diese Dinge derart treffen? Weshalb erscheint mein Verhalten in diesen Momenten starr und unflexibel, ja fast automatisch? Was sind die darunterliegenden Bedürfnisse?
  • Was hilft in diesen Situationen? Was bringt mich wieder runter von der Palme?

Die eigenen Muster und Bedürfnisse (und die der Partnerin oder des Partners) zu verstehen, ist das eine. Eine gute Kommunikation bedingt aber auch, dass wir versuchen, diese Bedürfnisse unserem Gegenüber geschickt zu vermitteln – und nicht als Vorwürfe an den Kopf zu werfen. Doch warum fällt uns das so schwer?

Droht ein Gespräch in Richtung Streit zu kippen, dauert es in etwa 10 Sekunden, bevor wir in einen Verteidigungsmodus wechseln und denken: Fight or Flight, Kampf oder Flucht. Diese zwei Abwehrmechanismen sind überlebenswichtig, indem sie uns helfen, bei grossen Gefahren blitzschnell zu reagieren, ohne nachzudenken. Der Körper wird wie auf Knopfdruck in den Alarmzustand versetzt, Stresshormone werden ausgeschüttet, das Blut fliesst aus dem Gehirn in die Extremitäten, und wir bekommen einen Tunnelblick. Unglücklicherweise ist unser Alarmsystem derart dominant und überempfindlich, dass bei einem Streit im Grunde physiologisch und emotional genau das Gleiche passiert wie in einer Gefahrensituation. Was da durchaus hilfreich sein kann, ist für unser Liebesleben ausgesprochen schlecht. In so einem Zustand ein einigermassen zivilisiertes oder gar konstruktives Gespräch führen? Schwierig.

Es gilt darum, die oben genannten 10 Sekunden, bevor das Gespräch kippt, auszudehnen, um die sich anbahnende physiologische Aktivierung herunterzufahren. Aber wie?

VW-Regel

Eine hilfreiche Technik, um Konfliktsituationen zu entschärfen, ist die VW-Regel. Sie besagt, dass man jeden Vorwurf in einen Wunsch umformulieren sollte. Ein Beispiel: «Wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen, dass du den Müll rausbringen sollst?» klingt so viel netter: «Es wär mir echt wichtig, dass du den Müll runterbringen würdest.» So fühlt sich das Gegenüber nicht gleich angegriffen und feuert nicht automatisch ein paar Torpedos als Gegenattacke.

Ich-Botschaft

«Du lässt mich mit der ganzen Arbeit allein!», «Dir ist das natürlich wieder völlig egal!», «Jetzt hast du schon wieder …»  – Du-Botschaften können wie Degenstiche daherkommen. Ich-Botschaften haben dagegen den gleichen deeskalierenden Zweck wie die VW-Regel. Sie klingen nicht vorwurfsvoll, sondern helfen der Partnerin, die andere Seite zu verstehen. Das könnte zum Beispiel so klingen: «Es frustriert mich extrem, ich würde mir wünschen, dass du das verstehst und mir dabei hilfst …»

Klarer Fokus

Ein weiteres wichtiges Gebot: Bleiben Sie beim Thema. Komplett eskalierende Gespräche sind oft daran zu erkennen, dass es schon längst nicht mehr um das anfängliche Problem geht. Stattdessen stapeln wir dreckiges Geschirr so lange aufeinander, bis wir komplett den Überblick verloren haben und gar nicht mehr wissen, worum es eigentlich ging.

Eine Charakterfrage

Wenn wir dafür sorgen wollen, dass das Haus vollends abbrennt, dann müssen wir nur den Charakter unseres Partners infrage stellen oder verletzen. Das möchte niemand. Versuchen Sie, auch im Streit lediglich das Verhalten zu kritisieren, welches Sie stört oder verletzt. No-gos: «Du bist genau wie deine Mutter!», «Wie dämlich kann man eigentlich sein?» oder «Das beweist wieder mal deine emotionale Unzulänglichkeit».

Keine Verallgemeinerungen

Weitere Symptome destruktiver Streitgespräche sind kategorische Verallgemeinerungen wie «Immer bist du spät dran, und ich muss auf dich warten…» oder «Niemals kommst du rechtzeitig!». Auch diese provozieren eine Abwehrhaltung. Stattdessen empfiehlt es sich, spezifisch zu bleiben: «Mich ärgert es gerade extrem, dass du heute zu spät gekommen bist, obwohl ich dich explizit gestern darum gebeten hatte, pünktlich zu sein.»

Mehr Wertschätzung und Respekt

Bereits fortgeschrittene Fighter können sich an der hohen Kunst üben, der Partnerin zu sagen, dass wir sie als Person lieben und schätzen, obwohl uns ein spezifisches Verhalten im aktuellen Fall ärgert. Das ist eine wertschätzende und würdigende Botschaft, die es unserem Gegenüber erleichtert, Verantwortung zu übernehmen, ohne das Gesicht zu verlieren und sich in die Verteidigungshaltung gedrängt zu fühlen.

Die Melodie ist wichtiger als der Text

Das Allerwichtigste: Der Ton macht die Musik. Nicht die Themen, über die wir streiten, sind entscheidend, sondern die Form. Mit unserem Tonfall, der Wortwahl, der Mimik und der Gestik senden wir die entscheidenden Botschaften auf der Beziehungsebene. Dort also, wo wir besonders verletzlich sind. Sich uneins zu sein bei Themen auf der Sachebene, ist in der Regel nicht verletzend. Verletzend ist das Gefühl, dass mein Partner sich nicht für mich interessiert, dass ich nicht beachtet oder gesehen werde. Denken Sie daran, wenn Sie ein heikles Gespräch beginnen.

Wir sind jetzt also, eingedenk der obigen Hilfestellungen, wahre Samurai des konstruktiven Streitgesprächs. Dennoch wird uns der Alltag ab und zu Streitgespräche bescheren. Diese Konflikte zehren an unserem Beziehungspuffer – also der positiven Substanz, von der eine Beziehung zehrt. Deshalb ist es von fundamentaler Wichtigkeit, dass wir diesen Beziehungspuffer gezielt auf- und ausbauen. Das hilft uns, in schwierigen Situationen und Zeiten nicht von einem riesigen Negativstrudel hinabgesogen zu werden. 

Die kleinen grossen Momente des Glücks

Übungen aus der Positiven Psychologie können dabei sehr hilfreich sein. Der Paarforscher John Gottman beobachtete bei unglücklich-instabilen Partnerschaften ein deutliches Übergewicht negativer Interaktionen. Die sogenannte Gottman-Rate von 5:1 besagt, dass in stabilen und zufriedenen Beziehungen das Verhältnis von positivem zu negativem Verhalten mindestens 5:1 beträgt.

Das heisst: Eine negative Interaktion kann durch fünf positive ausgeglichen werden. Ein gut gemeisterter Streit ist also noch nicht alles. Er sollte eingerahmt werden durch möglichst viele kleine und grosse schöne Momente: ein gutes Gespräch, eine Umarmung am Morgen, gemeinsames Lachen, ein Dankeschön oder etwas Nachsicht, wenn die Partnerin gerade völlig geschafft ist von einem weiteren Corona-Tag.

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