Wie wir unseren Kindern gute Vorbilder sind

Der Tag der Frau ist auch der Tag, an dem wir unsere Erziehung überdenken sollten. Damit unsere Kinder dereinst in einer gleichberechtigten Welt leben.

Nimm das, Patriarchat! Was wir unseren Kindern vorleben, prägt sie ein Leben lang. Foto: Getty Images

Gestern war der Tag der Frau. Wir Autorinnen nehmen diesen Tag häufig zum Anlass, um über politische Missstände, Diskriminierung am Arbeitsplatz oder Gewalt an Frauen zu schreiben. Was wichtig und richtig ist. Wir haben jedoch die Tendenz, uns in akademischen Berichten oder Detaildiskussionen zu verlieren und dabei zu vergessen, wo es eigentlich anfängt mit den Vorstellungen, wie eine Frau oder ein Mann zu sein hat: in der eigenen Familie. In der Erziehung. Deshalb ist für mich der Tag der Frau auch immer wieder der Tag, an dem ich über die Erziehung meines Sohnes und meiner Tochter nachdenke.

Wir Eltern prägen unsere Kinder von Geburt an mit unserem Familienmodell, unseren Aussagen über das Männliche und Weibliche, mit unseren täglichen Handlungen, mit Spielzeug, Medienkonsum und der Gesprächskultur am Familientisch: zum Beispiel dann, wenn wir Mütter den Partner vor den Kindern als Vater abwerten, weil er den Haushalt nicht so gut im Griff hat wie wir. Oder wir Frauen sagen, sie könnten halt nicht anders, die Männer. Sie seien generell schweigsamer und, ja, irgendwie ein bisschen doof (alles schon gehört).

Wir diskriminieren damit nicht nur die Männer: Was es wohl für die Söhne bedeuten mag, wenn sie hören, Männer seien fauler und weniger einfühlsam als Frauen?

Alte Rollenbilder überwinden

Auch die Väter haben einen Einfluss, wenn sie denn präsent sind: Diejenigen, die finden, sie hätten das letzte Wort zu sprechen, seien Familienoberhaupt, können sich noch so sehr im Haushalt und der Erziehung engagieren – sie leben vor: Mann sein heisst autoritär sein, Familie haben heisst im Patriarchat leben. Sie tragen damit genauso wenig zur Veränderung der Rollenbilder bei wie die Väter, die lieber durch Abwesenheit glänzen und nichts mit Erziehung zu tun haben wollen.

Auch dann nicht, wenn sie Frauen auf ihr Aussehen reduzieren und es «irgendwie logisch» finden, wenn sie wegen Miniröcken Opfer werden (auch immer wieder von Frauen gehört). Denkt die Tochter dann nicht, sie müsse ihren Körper verstecken, sei mitschuldig, wenn sie Übergriffe erlebt – und der Sohn, er sei seinen Trieben unterlegen und könne diese nicht steuern?

Erziehen heisst nicht nur, Regeln aufzustellen, Liebe zu geben und konsequent zu sein, Erziehung findet in jeder unserer Handlungen und Aussagen statt. Deshalb müssen wir Eltern uns immer wieder reflektieren, unsere eigenen Bilder und Prägungen überdenken. Vor allem dann, wenn wir uns für die nächste Generation eine gleichberechtigte Gesellschaft wünschen.

Sein können, was man sein möchte

Das Aufziehen meiner Kinder ist für mich die grösste Herausforderung meines Lebens, und immer wieder entdecke ich Fehler. Vermutlich ist das völlig in Ordnung (was für ein Druck für Kinder, wenn die Eltern keine Fehler mehr machen dürfen). Weiss ich nicht mehr weiter, oder bin ich ganz einfach zu müde, nehme ich mir Hilfe – zum Beispiel mit Büchern, die mich in meinen Vorstellungen von Vorbildern unterstützen und Fragen bestärken wie: Soll unser Nachwuchs nicht lieber sein können, was er sein möchte und nicht, was er meint, sein zu müssen?

Wollen wir ihnen weiterhin Rollen und Pflichten aufzwingen oder nicht lieber Vorbilder geben, die für Freiheit, Empathie und Gemeinschaft stehen anstatt für Egoismus, Unterdrückung und Unterwerfung?

Ich habe keine Garantie, dass meine Kinder deswegen meine Werte annehmen werden und einmal so leben, wie sie es wirklich möchten – ich kann ihnen mit meiner Erziehung und den folgenden Büchern aber immerhin die Einladung dazu geben.


Fünf Büchertipps

Meine liebsten Titel zum Frauentag oder Bücher, die mich ab und zu in meinem K(r)ampf um die Gleichberechtigung in der Familie unterstützen:

Die ganze Reihe von «Little People, Big Dreams», z.B. David Bowie. Insel-Verlag 2020. Ab ca. 4–99 Jahren.

Diese wunderschön illustrierte Reihe aus dem bekannten Insel-Verlag (Suhrkamp) porträtiert Hannah Arendt, Frida Kahlo, Stephen Hawking, David Bowie, Maria Montessori, Vivienne Westwood oder Jane Austen und noch viele andere Persönlichkeiten, die Geschichte schrieben. Sie alle mussten sich zu Lebzeiten emanzipieren und aus gesellschaftlichen Fesseln befreien. Sie alle, ob Künstler*in, Pilot*in oder Wissenschaftler*in, waren einmal Kinder mit einem Traum. Und darin bestärken diese Bücher: Man ist nie zu klein, einen grossen Traum zu haben.

Amanda Li: «Rise Up – Aussergewöhnliche Lebensgeschichten von starken Kids». Ab ca. 8 Jahren. Arena-Verlag 2020.

Greta Thunberg kennen wir. Sie kommt auch vor in diesem Buch. Doch ist ihnen Desmond Doss ein Begriff? Desmond Doss war im Jahr 1942 dem Sanitätsdienst der amerikanischen Armee beigetreten. Da er die Waffe verweigerte, schikanierten ihn die anderen Soldaten. Eines Tages waren diese Kollegen jedoch in grosser Not: Es gab einen Angriff mit Kugelhagel, die meisten lagen schwer verletzt auf dem Feld, und ihre Situation schien ausweglos. Desmond hatte sich retten können und rettete nun auch 75 seiner Kollegen. Einen nach dem anderen. Er zog sie unermüdlich vom Schlachtfeld, jedes Mal riskierte er dabei sein eigenes Leben.

Oder Phiona: Sie wuchs in Uganda in einem Slum auf, litt Hunger und entdeckte dank ihrem Bruder das Schachspielen in einem Gebäude im Nachbarsdorf. Sie konnte weder lesen noch schreiben, doch eines konnte sie: Schachspielen. Heute hat sie bereits an drei Schacholympiaden teilgenommen und studiert in den USA.

Ein wunderbares Buch mit Vorbildern, die helfen, seinen Platz in der Welt zu finden, sich treu zu bleiben und an seine eigene Kraft zu glauben.

Jörg Bernardy: «Mann, Frau, Mensch – Was macht mich aus?». Ab ca. 14 Jahren. Beltz-&-Gelberg-Verlag, 2018.

Wie lange dauert es eigentlich, bis ein Kind weiss, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist? Wie stark wird mein Geschlecht von aussen geprägt? Wie männlich oder weiblich bin ich eigentlich? Entscheidet mein Geschlecht, was ich werde? Wie will ich leben? Dieses Buch stellt Fragen und lässt die Jugendlichen ihre Antworten selbst finden, hält sich jedoch nicht mit Erläuterungen und Fakten zurück.

Das klingt dann zum Beispiel so: Man sucht sich nicht aus, wie man aufwächst. Forscher sind sich heute einig, dass unser Verhalten etwa zur Hälfte von der Genetik, also unseren biologischen Erbanlagen, und zur Hälfte von sozialen Einflüssen bestimmt wird. Beides können wir uns nicht aussuchen! Oder: Auch wenn die Erwartungen, warum man einen Beruf ausüben möchte, sehr unterschiedlich sind, ist eine Sache vielleicht besonders naheliegend: Die Arbeit soll so weit wie möglich den eigenen Neigungen entsprechen. Die wichtigste Voraussetzung, um herauszufinden, welcher Job zu einem passt, wäre also, die eigenen Talente und Interessen zu erkennen.

Nelson, Blake: «emmaboy tomgirl». Beltz-Verlag 2018. Ab ca. 12 Jahren.

In diesem Jugendroman werden Körper getauscht. Plötzlich ist Emma in Toms Körper und Tom in Emmas. Und damit erfahren sowohl ein Junge als auch ein Mädchen, wie es ist für das andere Geschlecht, sich in einer Welt zu bewegen, die sowohl Jungs wie Mädchen stigmatisiert und unter Druck stellt. Gruppenzwang. Scham. Mut. Alles da.

Das Buch erinnert an Filme wie «It’s a Boy Girl Thing» oder «Eine Frau namens Harry», auch der französische Film «Kein Mann für leichte Stunden» spielte mit dem Körpertausch und zeigt: Wer sich einfühlt ins andere Geschlecht und die Welt mit den Augen des Gegenübers zu sehen versucht, kann nur besser verstehen und schlussendlich etwas für sich gewinnen. Funktioniert in den Filmen, funktioniert im Buch. Auch wenn der Autor mit Rollenklischees und Vorurteilen spielt: Unterhaltsam zu lesen und erweitert den Horizont.

Katja Klengel: «Girlsplaining». Verlag Reprodukt 2018. Ab ca. 10 Jahren.

Warum haben wir vor dem Wort «Vulva» mehr Angst als vor Voldemort, und was hat der Psychologe Freud damit zu tun? Warum müssen sich Mädchen und Frauen eigentlich die Beine rasieren und Männer und Jungs nicht? Wieso denken Mädchen und Frauen, menstruieren sei eklig, sie müssten sich dafür schämen und stinken? «Girlsplaining» versammelt auf 160 Seiten die ersten sechs Episoden der Comic-Kolumne von Katja Klengel für das Onlinemagazin «Broadly». Mit schonungsloser und humorvoller Offenheit. Auch für erwachsene Frauen noch lehrreich.

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