Wenn der Sinn des Lebens abhandenkommt

Ist die Midlife-Crisis bloss ein Luxusproblem – oder doch ein ernsthafter Zusammenbruch? Innenschau einer Mutter.

Das ist sie also: Die Midlife-Crisis. Foto: Getty Images

Es wurde Hochzeit gefeiert. Von Freunden. Was mittlerweile selten genug vorkommt. Denn seit ich die Vierzig überschritten habe, sind die Paare um mich herum vor allem damit beschäftigt, nach ihrer verloren gegangenen Leidenschaft zu suchen, die im Alltagssumpf stecken geblieben ist. Irgendwo zwischen Elternschaft, notorischer Überforderung und Geldbeschaffung. Oder sie versuchen ihre Unfähigkeit, miteinander zu reden, mit einem Paartherapeuten aufzuarbeiten.

Manche Paare stecken bereits schon in Phase zwei und erstellen Excel-Tabellen für die Trennungsvereinbarung. Sie füllen Wohnungsmiete, Krankenkassenprämien, Kitakosten und Betreuungszeit in Tabellenkästchen, um eine möglichst faire Lösung für den künftig getrennten Lebensweg zu errechnen. Familienleben in Zahlen – wie ernüchternd.

An diesem Abend aber sollte die Liebe gefeiert werden. Schön. Aber auch ganz schön sinnlos, denke ich, während ich am Champagnerglas nippe. Eine alte Bekannte, die neben mir am Tresen lehnt, sorgt auch nicht gerade für bessere Stimmung: «Wenigstens haben die noch was, woran sie glauben können», sagt sie in trockenem Berndeutsch. «Mein Sinn fürs Leben ist mir gerade gewaltig abhandengekommen.»

Wer bin ich? Was will ich? Und woran glaube ich eigentlich noch?

Das ist sie also: die Midlife-Crisis. Ein Ding, von dem ich immer angenommen habe, dass es nur Männer mit erhöhtem Stirnansatz und Bierbauch betrifft. Männer, wie einst die Freunde meines Vaters, die sich plötzlich die Haare färbten, einen schnittigen Sportflitzer zulegten und ihre Familien wegen einer Dreissigjährigen sitzen liessen. Warum sollte es also Frauen wie mich treffen? Frauen, die in ihrer Lebensmitte stehen und zwei, drei, vier Jahre nach ihrem vierzigsten Geburtstag plötzlich nicht mehr zu sich selber durchdringen. Die eines Morgens aufwachen, nur noch losheulen könnten und sich fragen: Wer bin ich? Was will ich? Und woran glaube ich eigentlich noch?

Dabei habe ich vieles richtiggemacht. Meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Checklisten erfüllt. Ich bin Mutter geworden, ohne meinen beruflichen Werdegang zu vernachlässigen. Habe eine gute Ausbildung durchlaufen und Sprachaufenthalte im Ausland gemacht. Ich lege Wert auf gesunde Ernährung, setze unseren Kindern morgens Porridge mit Chiasamen vor die Nase und lasse mir Gemüsekörbe von lokalen Bauern nach Hause liefern. In meiner Freizeit grabe ich im Garten, übe mich in Yogaposen und töpfere Rakuschüsseln.

Ich bin angekommen. In einem Leben, das ich mir mit Anfang dreissig nicht anders ausgemalt hätte. Ich lebe urban, aber dennoch familienfreundlich. An meiner Seite weiss ich einen Mann, der so gar nichts mehr mit der Generation unserer Väter zu tun hat. Einen, der sich kümmert und nicht nur Geld nach Hause karrt. Einen Mann, der kranke Kinder bemuttern, kaputte Fahrräder flicken und zuweilen wie Marcella Hazan kochen kann.

Ich habe also den Jackpot geknackt. Wo liegt eigentlich mein Problem? Nicht mehr zu wissen, worauf ich hoffen, träumen, hinarbeiten kann?

Hauptsache, man glaubt

Wahrscheinlich. Denn es ist die Vorhersehbarkeit, die mich mit Leere erfüllt, immer wenn ich über das Leben nachdenke. Dieser Tunnel, der unausweichlich vor mir liegt: Kinder, die heranwachsen und ihrer Wege gehen, Tränensäcke, die der Schwerkraft endgültig nachgeben, und Eltern, die älter und älter werden und damit die Endlichkeit des Lebens in greifbare Nähe rücken lassen.

Klar, es könnte schlimmer sein. Deshalb schäme ich mich auch für meine Midlife-Crisis. Denn primär sollte ich vor allem verdammt dankbar sein! Oder besser gesagt #blessed und #grateful, wie es viele meiner Altersgenossinnen tagtäglich via Instagramposts in die Welt hinausbrüllen. Untermauert von Bildern ihrer hübschen Kinder, blühenden Gärten und Handlettering-Werken.

Sie scheinen an sich zu glauben: Teilnehmende eines Meditationskurses. Foto: Getty Images

Ich bin verdammt neidisch auf diese positive Lebenseinstellung. Wie ich auch neidisch auf alle Mittvierzigerinnen schaue, welche mit der Esoterik Freundschaft geschlossen haben. Die von Glücksgefühlen durchströmt werden, wenn sie singend und händehaltend an Sandstränden sitzen, in Achtsamkeitsseminaren tief in sich hineinatmen oder expressiv im Wald zu schamanischen Trommelrhythmen tanzen. Immerhin scheinen sie wieder zu glauben. Ist ja letztendlich vollkommen egal an was, oder?

Zurück zu meinem jungen Ich?

Der kosmische Weg wird wohl aber kaum je meiner werden. Viel eher noch die Sache mit dem getrimmten Körper. Den Body also diszipliniert hintrainieren, bis er den perfekten Shape erreicht hat – im Fitnessstudio, beim Joggen oder Yoga. Oder im besten Fall in einer Kombination. Mal ehrlich: Haben Frauen in der Mitte ihres Lebens je besser ausgesehen als heutzutage? Schauen Sie hin, Sie finden sie etwa unter #stayfocused oder #dailyworkout.

Unsere Tage sind gezählt. Die Tage, an denen sich Männer nach uns umdrehen werden. So zumindest unsere Vermutung.

Sie kriegen viele Likes für ihre Arbeit. Was ja letztlich auch der Sinn der Sache ist: Die Welt soll Notiz nehmen. Soll sie als attraktive Frauen wahrnehmen und beklatschen. Denn unsere Tage sind gezählt. Die Tage, an denen sich Männer nach uns umdrehen werden. So zumindest unsere Vermutung. Bevor wir also die Fünfzig erreicht haben und uns gänzlich in unsichtbare Wesen verwandeln werden, geben wir körperlich noch mal richtig Vollgas.

Oder ich besinne mich auf meine wilde Seite. Auf die Seite, die einst mein junges Ich bestimmte. Das war zumindest zeitweilen meine Methode, aus der Krise herauszufinden. Die bewusst undisziplinierte Variante. Diese Art von Aktionismus geht allerdings meist mit einer Menge an ungesunden Substanzen einher und endet nicht selten zu später Stunde in irgendwelchen Kellerclubs im Kreise von Fünfundzwanzigjährigen.

Für Menschen, die normalerweise bereits im Januar über die Sommerferienplanung im Familienresort nachdenken, ist das beinahe schon eine Revolution. Aber keine, die langfristig irgendwo hinführt – und letztlich doch sehr an die Klischeetypen mit gefärbten Haaren in Sportflitzern erinnert.

Wie also Sinnhaftigkeit zurückerobern? Was sind Ihre Methoden?

Buchtipps

  • «Midlife-Crisis – Eine philosophische Gebrauchsanweisung» von Kieran Setiya: Klug und humorvoll zugleich. (Erschienen im Insel-Verlag, ca. 28 Franken)
  • «Love and Trouble» von Claire Dederer: Zwischen trostlosem Alltag, Ehe und Muttersein entdeckt die Journalistin, dass das wilde Mädchen von damals noch in ihr steckt. (Erschienen bei Goldmann, ca. 12 Franken)

Die Autorin schreibt anonym.