Von Drogendealern vertrieben

Unser Autor lebt in Berlin zwischen Obdachlosen, Heroinabhängigen und Hipstern. Und er fragt sich: Kann ich das als Vater verantworten?

Machtlosigkeit und Wut: In Berlin häufen sich die Konflikte zwischen Suchtkranken und Familien. Foto: Getty Images

Am Berliner U-Bahnhof Schönleinstrasse ist die Polizei momentan rund um die Uhr präsent. Allerdings nur auf einem Werbeplakat. «Wir können Hauptstadt» steht darauf, was wohl bedeuten soll: Wir moderieren und überwachen das Miteinander von Alteingesessenen, Zugezogenen, Durchreisenden und Touristen, von Menschen, deren Herkünfte, Lebensumstände und kulturelle Hintergründe häufig sehr weit auseinanderliegen. Im Einzugsgebiet der Schönleinstrasse gilt das besonders. Der Bahnhof liegt auf der Grenze zwischen den Bezirken Kreuzberg und Neukölln. Hier leben traditionell viele Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund, viele Arbeiter, aber auch immer mehr Expats, junge Kreative, Agentur-Hipster und Familien.

«Wir können Hauptstadt» sagt also die Berliner Polizei, aber tatsächlich zeigt sich gerade dort, wo ihr Plakat hängt, wie Hauptstadt nicht funktioniert. Einerseits durchlaufen Kreuzberg und Neukölln seit einigen Jahren rasante Gentrifizierungsprozesse: Die Mieten steigen, das Stadtbild und die Bevölkerung verändern sich, Immobilienhaie und andere Investoren treiben den Austausch erbarmungslos voran. Andererseits sind es die ärmsten und schwächsten Menschen in den Bezirken, denen dieser Prozess neue Sichtbarkeit beschert: Obdachlose und Suchtkranke, die sich vor allem in den Bahnhöfen der U-Bahn-Linie 8 niedergelassen haben. Auch die Schönleinstrasse gehört zu diesen Bahnhöfen.

Gefährlicher Kita-Weg

Zu jeder Tageszeit trifft man dort Menschen, die unverhohlen Heroin rauchen und spritzen oder das Zeug den ebenso unverhohlen agierenden Dealern abkaufen. Daneben Anzugträger, Partypublikum und Kinderwagenschieber: Menschen, die den Bahnhof betreten, um so schnell wie möglich von ihm wegzukommen. Es gibt viele Orte in Berlin, an denen sich die Stadt als demografischer und kultureller Knotenpunkt eines jungen, weltoffenen Europa inszeniert. Kreuzberg und Neukölln sind solche Orte. Das Besondere am Bahnhof Schönleinstrasse aber ist, dass man dort zugleich jene Leute sieht, die bei dieser Inszenierung auf der Strecke bleiben.

In den ersten drei Absätzen dieses Textes bin ich selbst zweimal vorgekommen. Als (nicht mehr ganz) junger, zugezogener Journalist, vor dem die Altpunks und andere Kiez-Verteidiger in «Kreuzkölln» immer gewarnt haben. Und als Kinderwagenschieber. Seit fünf Jahren leben meine Freundin und ich in unmittelbarer Nähe der Schönleinstrasse, inzwischen mit zwei Kindern und einem Weg zur Kita, der an bequemen oder verregneten Tagen auch über die U8 führt. Noch nutzen wir die Bahn regelmässig, sogar mit unseren Kindern. An manchen Tagen stellt sich jedoch die Frage, ob wir damit nicht verantwortungslos handeln.

1284 Drogendelikte hat der Berliner Senat von Januar bis Oktober 2019 an den Bahnhöfen der Stadt registriert, die Dunkelziffer ist natürlich sehr viel grösser. Knapp 10 Prozent der aufgenommenen Delikte ereigneten sich in der Schönleinstrasse. Fast immer ist die Stimmung dort angespannt: Es kommt zu Konflikten unter Suchtkranken, mit Dealern oder Fahrgästen. Vor einem Jahr wurde ein Obdachloser bei einer Messerstecherei schwer verletzt. Eine Haltestelle weiter, am Kottbusser Tor, starb im vergangenen Oktober ein Mann, der im Zuge eines Streits vor eine einfahrende U-Bahn gestossen wurde. Die Polizei ordnete das Verbrechen «dem Drogenmilieu» zu.

Verwahrloste Kieze und die Wut der Anwohner

Es gibt Orte in Berlin, an denen Drogenkonsumenten, Dealer und andere Menschen einigermassen friedlich aneinander vorbeileben. Die Schönleinstrasse gehört nicht dazu. Passanten beobachteten im vergangenen November im Zwischengeschoss des Bahnhofs zwei Dealer, die ihren Stoff auch Kindern anboten. Die Polizei konnte die Tatverdächtigen festnehmen, meistens steht sie dem Treiben entlang der U8 jedoch ideen- und mittellos gegenüber. Zuständig für die Bahnhöfe seien ohnehin die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), heisst es aus Polizeikreisen. Die BVG schickt deshalb seit einiger Zeit vermehrt Sicherheitspersonal durch die Bahnhöfe, verweist ansonsten aber auf die Verantwortung der Politik.

Das ist zumindest insofern sinnvoll, als sich Drogenhandel und -konsum längst nicht mehr auf die Bahnhöfe der U8 beschränken. Wann immer Polizei und BVG-Patrouillen unterirdische Präsenz demonstrieren, vertreibt das die Suchtkranken auf die Strassen, in die Hinterhöfe und Treppenhäuser der anliegenden Wohnhäuser. Die Folgen dieser Problemverschiebung zeigen sich auf beiden Seiten der Bezirksgrenze: Der Neuköllner Reuter- und der Kreuzberger Gräfekiez verwahrlosen zusehends, die Atmosphäre ist auch hier angespannt. Immer heftiger schlägt Suchtkranken, aber auch Bettlern und Obdachlosen, die gar nichts mit der Drogenszene zu tun haben, die Wut der Anwohner entgegen.

Sozialarbeiter und Politiker, die verstanden haben, dass diesen Umständen durch eine Kriminalisierung der Drogenkonsumenten nicht beizukommen ist, fordern deshalb mehr Rückzugsräume: mobile und stationäre Fixerstuben, in denen sich etwa Heroinabhängige mit sauberem Besteck einen Schuss setzen können. Bisher gibt es in Kreuzberg und Neukölln jeweils eine dieser Einrichtungen. Beide sind oft hoffnungslos überlaufen, auch weil ihre Öffnungszeiten an jene Luxusboutiquen erinnern, bei denen man wenige Meter entfernt Handseife für 40 Euro kaufen kann. Mehr, heisst es beim Berliner Senat, gäben die Mittel und auch der Raum derzeit nicht her.

Zum Spiessertraum gezwungen?

Aus Elternsicht bleibt deshalb festzuhalten: Das Problem lässt sich nicht lösen, indem man die U-Bahn meidet. Und auch mit zeitnaher Hilfe der Behörden ist offenbar nicht zu rechnen. Immer mehr junge Familien schlagen sich in «Kreuzkölln» deshalb mit Umzugsgedanken herum. Es gibt weniger überlaufene, noch dazu günstigere Gegenden in Berlin. Es gibt für die besser Situierten ausserdem Reihenhäuser, Doppelhaushälften, Häuser mit Gärten. Was aber, wenn man nicht zu den Menschen gehört, die diesen Spiessertraum leben wollen? Was, wenn die eigenen Kinder dort aufwachsen sollen, wo Berlin international und vergleichsweise weltoffen ist, wo Queerness zum alltäglichen Stadtbild gehört und verschiedene Sprachen und Kulturen aufeinandertreffen?

Ich verstehe, warum viele junge Familien vor der Situation rund um die Schönleinstrasse kapitulieren. Niemand möchte im Treppenhaus auf Menschen stossen, die mit Alufolie und Feuerzeug hantieren. Schon gar nicht, wenn man einen Dreijährigen im Schlepptau hat. Niemand prügelt ausserdem seinen Kinderwagen auf den Bahnsteig der Schönleinstrasse (kein Fahrstuhl, keine Rolltreppe nach unten), um dort zwischen die Fronten einer Prügelei unter Drogendealern zu geraten. Ein Umzug erscheint vielen deshalb als letzte Option. Die ganz Radikalen verschlägt es über die Stadtgrenzen hinaus bis nach Brandenburg.

#dorfkinder vs. kämpfen

Von wegen Landidyll: #dorfkinder soll Familien aufs Land locken. Foto: iStock

Deutschlands Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat vor kurzem mit einer Social-Media-Kampagne namens #dorfkinder für diesen Ausweg plädiert. Mit heimeligen Kinder- und Kaninchenfotos warb sie für das Familienleben auf dem Land und setzte vermeintliche Vorzüge der Provinz in Szene. Mich erinnerte die Kampagne allerdings an Aspekte meiner eigenen Dorfjugend, die mir schon als Heranwachsender zuwider waren: die Engstirnigkeit der weiten Felder, die Diskriminierung von Minderheiten, das Gehänsel und Getratsche, den Billigfusel an der Bushaltestelle. Für mich war #dorfkinder eine Art Weckruf, nur ganz anders wohl, als die Ministerin sich das vorgestellt hatte.

Es gibt eine Alternative zum Umzug, aber die ist noch mühseliger, als Kühlschränke und Waschmaschinen durch enge Altbautreppenhäuser zu schleppen. Wer sich eine sichere, kinderfreundliche Berliner Innenstadt wünscht, muss bereit sein, für seinen Kiez zu kämpfen – so ähnlich wahrscheinlich, wie die Altpunks und Alteingesessenen früher gegen Leute wie mich (erfolglos) oder die Eröffnung von Google-Büros (erfolgreich) gekämpft haben. Eltern, die bleiben wollen, sollten den verantwortlichen Politikern mit immer neuen Lageberichten und Forderungen auf die Nerven gehen. Oder, ganz wilde Idee: sich selbst in der Politik engagieren. Sozialarbeiter brauchen die Unterstützung der Anwohner, Suchtkranke deren Solidarität.

All das könnten erste Schritte sein, um das «Kreuzköllner» Grenzgebiet für junge Familien wieder zu einem lebenswerten Ort zu machen. Man bekommt einen solchen Ort in Berlin nicht geschenkt, das beweist die aktuelle Lage eindringlich. Wer sich dafür einsetzen will, muss sich diesen Einsatz aber auch leisten können. 2024 soll eine umfassende Sanierung des U-Bahnhofs Schönleinstrasse abgeschlossen werden. Bis dahin dürften die Dealer und ihre Kunden längst in eine andere Ecke der Stadt vertrieben worden sein. Und sollte jene Mietobergrenze greifen, die der Berliner Senat im vergangenen Jahr beschlossen hat, könnte es dann sogar noch U-Bahn-Fahrer im Einzugsgebiet der Haltestelle geben.

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