Ein Papa kommt meist allein…

Oder: Warum eine Vätergruppe auf dem Schulweg unsere Autorin ins Grübeln bringt.

Leider noch immer die Ausnahme: Väter auf dem Weg zum Kindergarten. Foto: iStock

Ein gewöhnlicher Morgen. Mein Sohn und ich waren spät dran, die morgendlichen Kinderkarawanen hatten wir verpasst. Doch als wir um die Ecke in Richtung Schulareal bogen, kamen uns zwei Väter entgegen und spazierten, ins Gespräch vertieft, anscheinend zurück nach Hause.

Ich war gedanklich vor allem damit befasst, ob wir es bis zum ersten Läuten schaffen würden. So spürte ich erst nur eine eigentümliche, aber positive Irritation durch diese Szene. Und gleichzeitig eine Irritation über diese Irritation, kenne ich doch viele Väter, für die es selbstverständlich ist, ihre Kinder zum Kindergarten zu begleiten. Was also sollte mich besonders daran bewegen, zwei von ihnen auf dem Heimweg zu begegnen?

Papas in Grüppchen? Selten!

Bis ich unser Kind (doch noch) pünktlich abgeliefert hatte, war mir klar geworden: Die meisten Papas, die ich auf dem Schulweg sehe, sind eher auf Durchreise ins Büro. Oder Grosspapas. Oder Ausnahmen und daher mit ihren Kindern allein oder mit anderen Müttern unterwegs. Ein Blick in die Statistik stützt diese Vermutung:

(Quelle: Gleichstellungsgesetz/BFS)

Rund 85 Prozent der Väter in Paarhaushalten mit jüngstem Kind zwischen 4 und 12 Jahren arbeiten Vollzeit. Verglichen mit 80 Prozent der Mütter, die entweder Teilzeit erwerbstätig oder Hausfrau sind. Gehen wir mal etwas hemdsärmelig davon aus, dass von den 15 Prozent nicht voll erwerbstätiger Väter eine Mehrheit klassische 80 Prozent arbeitet, bedeutet das: Pro zehn Papas betreuen ein bis zwei an einem Tag pro Woche ihre Kinder. Pro Schulklasse wären das zwei bis maximal vier. Da muss nur einer montags daheim sein, der zweite dienstags und so weiter, und schon verpassen sie sich auf dem Heimweg.

Natürlich müssten in diese Handgelenk-mal-Pi-Rechnung noch ein paar Väter mit niedrigerem Pensum und ein paar wenige Hausmänner einfliessen. Auch haben Schulhäuser mehr als nur eine Klasse. Dennoch bleibt wohl eine zu geringe Zahl übrig, als dass sich daraus spontan Grüppchen bilden liessen.

Zweimal Teilzeit? Meist Fehlanzeige.

Am Kita-Sommerfest, am Elternabend, samstags auf dem Spielplatz, da sieht man sie oft, Väter in Gruppen. Im Schulalltag aber, im Wartezimmer der Kinderarztpraxis oder auch wochentags auf dem Spielplatz: eher selten. Also klar, ich gebs zu: Ich freute mich über die Szene wie Sir David Attenborough über eine faszinierende Beobachtung in der Wildnis. Abgesehen davon, dass ich es allen gönnen würde, auch einmal mit Geschlechtsgenossen mittags vor dem Kindergartentor zu warten: Mir gefällt die Vorstellung, dass sich Mütter und Väter, Frauen und Männer, anfallende Aufgaben gleichmässig(er) teilen.

Davon sind wir in der Schweiz, zumindest was das Erwerbspensum betrifft, weit entfernt. Zwar hat das Modell «er Vollzeit, sie Hausfrau» in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung verloren, bei einer Mehrheit der Paare arbeitet er Vollzeit und sie Teilzeit. Dass aber beide Teilzeit erwerbstätig sind, kommt (noch immer) überraschend selten vor: Im Jahr 2018 gemäss Schweizerischer Arbeitskräfteerhebung (Sake) in lediglich 6,5 Prozent der Haushalte mit jüngstem Kind zwischen 4 und 12 Jahren.

Kleine Schritte, aber immerhin!

Natürlich, es hilft nicht, dass sogenannt typisch weibliche Berufe schlechter bezahlt werden, dass auch darüber hinaus noch immer keine Lohngleichheit herrscht. Abgesehen davon hätte die Variante «beide Teilzeit» aber bestechende Vorteile. Längst sind sie bekannt: Paare könnten sich ihre Aufgaben ausgewogener aufteilen. Risiken, die mit niedrigen Teilzeitpensen verbunden sind und aktuell auf vielen Müttern lasten – das berufliche Abstellgleis, die Altersarmut –, liessen sich minimieren, wenn Frauen ihr Pensum erhöhten. Väter würden im Gegenzug in ihrer Haupt-Brotverdiener-Rolle entlastet und könnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Ein Jobverlust liesse sich zudem leichter abfedern.

Und trotzdem: Nur 6,5 Prozent! Ein kleiner Trost: Ein Jahr zuvor waren es 6,3 Prozent. Weitere 25 Jahre davor, im Jahr 1992, mickrige 1,6 Prozent. Die Schritte sind klein, aber sie sind da. Dies und das noch lebhafte Bild der zwei plaudernden Väter auf dem Heimweg im Kopf stimmen mich zumindest optimistisch – auch wenn es in diesem Tempo noch etwas dauern dürfte, bis Väter im Kinderalltag ihren Status als (wenn auch löbliche) Ausnahmen ablegen können. Bis es so weit ist, freue ich mich weiterhin an den schönen Szenen, die sich mir dennoch bieten. Zum Beispiel daran, dass ich den zwei Vätern vom Morgen auch am Mittag wieder begegnete, als sie an der Kreuzung auf ihre Kinder warteten. Yeah!

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