Kinder sollten lügen dürfen

Ein Rehabilitierungsversuch für ein zu Unrecht verpöntes Verhalten.

Astrid Lindgrens Figur Lotta aus der Krachmacherstrasse, hier in der Verfilmung von 1992, verkörpert die eher harmlose Angeberlüge. Foto: PD

Lügen geniessen nicht gerade den besten Ruf. Obwohl Erwachsene durchschnittlich 25-mal am Tag lügen, wie die NZZ schreibt, und sie ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Sozialkompetenz sind, gilt das Lügen als verwerfliche und vermeidbare Charakterschwäche.

Insbesondere bei Kindern wird sehr darauf geachtet, dass sie möglichst bei der Wahrheit bleiben und den Unwert von Lügen vermittelt bekommen. «Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht.» Ausserdem kommt einem niemand mehr zu Hilfe, wenn man zum fünften Mal «Feuer!» oder «ein Wolf!» schreit und es nicht stimmt.

Tatsächlich glauben wir Menschen, die uns belügen, immer wieder. Wie gesagt: 25-mal am Tag. Es ist vielmehr die Enttäuschung, die uns dazu veranlasst, unser Vertrauen in andere Menschen von diesen abzuziehen. Und damit auch das Vertrauen in den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen. Ich halte das Lügen für wichtig und für unterschätzt.

Das hat schon seinen Sinn

Deshalb möchte ich an dieser Stelle einen Rehabilitierungsversuch wagen. Sicher, niemand wird gern angelogen – auch ich nicht. Schon gar nicht von Menschen, die man liebt. Aber nach 14 Jahren als Vater und mit vier Kindern unter einem Dach stelle ich immer wieder fest, dass all die Lügen und Flunkereien schon ihren Sinn haben.

Sie sind vielleicht nicht besonders nett oder hübsch anzuschauen, und manche tun auch richtig weh. Aber die Gründe für Lügen sind deutlich komplexer und tiefer in uns verankert, als sich mit einem einfachen «Lügen ist falsch!» ausdrücken lässt.

  • Da wäre zum Beispiel die Angeberlüge, die so wunderbar von der berühmte Lotta aus der Krachmacherstrasse verkörpert wird – mit all den Dingen, die sie «im Geheimen» genauso macht und besitzt wie ihre beiden Geschwister Jonas und Mia-Maria im realen Leben.
  • Die Vermeidungslüge, mit der Kinder erzählen, dass sie irgendetwas nicht gewesen sind, um dafür nicht die Verantwortung übernehmen zu müssen: Der Becher ist von allein heruntergefallen, die Wand über dem Bett wurde von der imaginären Freundin vollgekritzelt, und wenn irgendjemand gehauen wurde, dann nur weil (hier bitte ein entsprechendes Ärgernis einfügen).
  • Die Höflichkeitslüge, die Kinder zumeist lange Zeit nicht beherrschen und dadurch immer wieder Situationen schaffen, für die das Sprichwort «Kindermund tut Wahrheit kund» geschaffen wurde: «Du hast doch gesagt, Omas Geschenk ist ganz furchtbar, Mama.» Oder: «Passt du als dicker Mann in so ein kleines Auto?»

Die Höflichkeitslüge wird also in den ersten Jahren weniger benutzt als in ihrer Existenz und Verkörperung durch Erwachsene blossgestellt. Bis sie anfangen, selbst aus Höflichkeit zu lügen, weil sie als Übernachtungsgast nicht am Abendessen mäkeln oder als Geburtstagskind gute Miene zum für sie eher miesen Geschenk machen wollen.

Lügen für Fortgeschrittene

Mit zunehmendem Alter entwickeln sie allerdings auch noch andere, komplexere Motivationen für ihre Lügen. Da ist zum Beispiel die Notlüge, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Gefahr besteht, dass die Wahrheit dem Kind schaden würde. Während die Höflichkeitslüge vor allem die Gesichtswahrung des anderen im Blick hat, kümmert man sich mit der Notlüge um sich selbst. Sie setzt voraus, dass ein Kind sich wegen einer gefühlten oder tatsächlichen Sanktionierungsmassnahme sorgt. Darum, was die Eltern von ihm denken könnten, wie sie in naher Zukunft mit ihm umgehen oder es gar strafen werden.

Im Bereich der Notlüge ist es wichtig, Kindern zu vermitteln, dass das, was sie auf dem Kerbholz haben, sie bei einer möglichen Offenbarung nicht unmittelbar und existenziell bedroht. Viel wichtiger als die angebliche Unerhörtheit der Notlüge ist die oft zugrunde liegende tatsächliche Unerhörtheit der Not. Wenn Kinder schulische Misserfolge verheimlichen oder die Zerstörung eines Gegenstands verleugnen, dann ist ihre Motivation oftmals nicht in der kindlichen Unfähigkeit begründet, Verantwortung zu übernehmen, sondern schlicht und ergreifend durch Angst. Und dieser Angst sollte man mit Grossherzigkeit und Liebe begegnen.

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Der für mich momentan interessantesten Art der Lüge bedienen sich vor allem Teenager. Die Verschleierungslüge wird zwar auch eingesetzt, um Fehlverhalten zu verdecken und den Eltern nicht gerade auf die Nase zu binden, dass man sich mit den Freunden schon mal Alkohol organisiert oder die Nachbarn mit Klingelstreichen in den Wahnsinn getrieben hat. Sie ist aber vor allem dazu gedacht, die sich immer weiter ausbildende Privatsphäre vor den neugierigen Blicken und dem Zugriff der Eltern zu schützen.

Wen man neulich geküsst hat, obwohl man womöglich für jemand anderen schwärmt, bei welchen Leuten man sich heute Abend aufhält und was genau da passieren wird – im Grunde geht Eltern das alles gar nichts an. In der berechtigten Sorge um die Sicherheit unserer Kinder dringen wir aber ein ums andere Mal deutlich zu weit in den persönlichen Bereich des pubertierenden Nachwuchses ein, in dem wir nichts zu suchen haben, wenn man uns nicht einlädt. Auch wenn uns das schwerfällt.

Rufschädigende Lügen

Noch schwerer ist allerdings der Umgang mit dem ganzen Bereich dessen, was ich die dunklen Lügen nenne. Das sind Verdrehungen der Wahrheit, die eingesetzt werden, um sich selbst in den Vorteil zu setzen oder andere bewusst zu verletzen und ihnen zu schaden: Gier, Gehässigkeit, Häme, Boshaftigkeit, Schadenfreude. Lauter Eigenschaften, die wir weder in uns noch in anderen sehen wollen.

Sie sind der eigentliche Grund, warum Lügen einen miesen Ruf haben. Ich plädiere dafür, unseren Kindern zu vermitteln, dass und warum das schlechte Eigenschaften sind, und ihnen darüber hinaus so weit wie möglich zu vertrauen – auch in ihren Lügen.