In der Schwäche liegt die Stärke!

Das Kind ist zu vorlaut, zu schüchtern, zu zappelig – kategorisiert und optimiert wird bereits im Kindergarten. Ist das sinnvoll?

«Bisch echli schüüch?»: Der lapidare Kommentar der Tante ist ein weiterer Stempel. Fotos: iStock

Ein Kind (anzu)nehmen, wie es ist. Was heisst das eigentlich? Seien wir ehrlich, ein hübsches, offenes, angepasstes, liebes Kind, mit guten Noten und dazu noch ein Ass im Sport, macht uns das Annehmen leicht und einfach. Vielleicht sonnen wir uns sogar in seinem Licht. Doch die allermeisten heranwachsenden Menschen (und Erwachsene sowieso!) besitzen mindestens eine Charaktereigenschaft, die uns schlaflose Nächte bereitet, die uns regelmässig auf die Palme bringt oder mit der wir uns nicht recht anfreunden können. Und dann?

Beginnen wir mit der Schwangerschaft. Damit fängt es nämlich an. Schliesslich sind wir Mütter in spe in diesen besonderen neun Monaten «in Erwartung». Wir gehen also bereits mit einer gewissen Vorstellung von diesem einen Kind ins Rennen. Und dann passiert etwas Einmaliges, das sich Mutter Natur gut ausgedacht hat. Wir verlieben uns Hals über Kopf in dieses noch fremde, unschuldige, ganz und gar «unbeschriebene» kleine Menschlein. Ohne Vorbehalte. Ohne dass wir es kennen.

Von diesem Moment an beginnt für uns Eltern die eigentliche Aufgabe. Nebst all der Liebe, Geborgenheit und Zuneigung, nebst all dem Rüstzeug, das wir unseren Kindern mit auf den Weg geben, dürfen wir herausfinden, wer da gerade zu uns gekommen ist. Welches Temperament hat dieses Wesen? Was macht mein Kind glücklich, und wogegen sträubt es sich? Wir lernen unsere Kinder über all die Jahre immer besser kennen. Wir wissen, was unsere Kinder ausmacht. Wir lieben sie immer noch. Aber was ist mit den Vorbehalten?

Das grosse Warum

Hand aufs Herz – irgendwann beginnt die Bewertung, die Beurteilung. Vielleicht nicht einmal in der Familie selbst, aber spätestens auf dem Spielplatz. Schon sehr bald runzeln wir die Stirn, wenn sich Maximilian nicht alleine getraut, ein Eis zu kaufen. Vielleicht wundern wir uns, warum unser Kind partout nicht zwei Minuten sitzen bleiben kann oder warum es plappert ohne Punkt und Komma. Von wem es das wohl hat, fragen wir uns. Nun, vielleicht von niemandem. Jedes Kind ist einzigartig, richtig und wichtig, so wie es ist. Es ist auch nicht auf die Welt gekommen, um uns zu gefallen. Es gehört uns nicht mal. Dies sollten wir uns immer wieder vergegenwärtigen, wenn wir nicht verstehen können, dass Klein-Sebastian in der dicken Jacke schwitzt, während Gross-Sebastian im Lammfell-Parka die Zähne klappern.

Daran sollte man immer denken, wenn wir beginnen, nach dem grossen Warum zu fragen! Warum schläft mein Kind noch nicht durch, hei namal, mit sieben Jahren? Warum ist Julia eigentlich immer so langsam in allem, und warum in Gottes Namen kann unser Vierjähriger noch nicht bis 10 zählen? Es bringt nichts, nach dem Warum zu fragen. Genauso wenig wie das Vergleichen. Beides bringt allerhöchstens die allgemeine Verunsicherung. Es schwimmen Millionen Arten von Fischen im Ozean, und keiner ist schlechter als der andere. Einfach nur anders.

Bleiben wir beim Schwimmen – irgendwann schwärmen unsere Kinder aus und tümmeln sich unter ihresgleichen im offenen Ozean der Schule. Spätestens dann beginnt das Kategorisieren. Anna gehört in die Kategorie «vorlaut», Emma in die Schublade «verträumt» und Lionel in die Ecke der «Neunmalklugen». Die Stempel enthalten oftmals die versteckte Botschaft «nicht gut», und es wird um Korrektur gebeten oder um Training, um die vermeintlich suboptimale Verhaltenseigenschaft auszumerzen. In Elterngesprächen heisst es dann: Ihr Kind ist zu vorlaut, zu schüchtern, zu zappelig, zu ruhig. Irgendetwas mit «zu» ist immer, und man wird es zuweilen beim Elterngespräch nicht zum ersten Mal hören. Lapidare Kommentare abgeben können wir nämlich alle gut! «Jö, seisch mer nüd hoi, bisch echli schüüch?», tönt es von der Tante, «Frag mir nicht Löcher in den Bauch, du Gwunderfitz», sagt vielleicht der Verkehrspolizist beim Besuch im Kindergarten. Zack, Stempel!

Öfter mal die Perspektive wechseln

Es bringt nichts, wenn wir versuchen an unseren Kindern herumzuschrauben. Aus einem Mops wird kein Windhund, aus einem Spatz keine Lerche. Höchstens macht man aus einer Mücke einen Elefanten. Aber das ist dann auch nicht gewollt. Klar, darf an Ecken und Kanten gefeilt werden, es spricht auch nichts gegen das Fördern gewünschter Verhaltensweisen, doch das Fundament (das, was mich als Mensch ausmacht) sollte erhalten bleiben. Eigentlich bleibt uns gar nichts anderes übrig, und wir tun gut daran, unser Kind so anzunehmen, wie es ist, und uns Folgendes vor Augen zu führen:

Elterngemachte Nicht-Mathe-Hirsche.

Die vermeintlichen Schwächen sind vielleicht die grossen Stärken in der Zukunft! Ein ruhiges, introvertiertes Kind ist tiefgründig, ein guter Beobachter und ein verlässlicher Freund. Aus einem vorlauten Kind wird vielleicht einmal ein erfolgreicher Politiker oder Unternehmer, aus der langsamen Schnecke ein geschätzter Forscher und aus dem Zappelphilipp ein begnadeter Eishockeyspieler.

Gelassen bleiben und auf das Leben vertrauen. Tatsächlich kann aus einem schüchternen Kind eine wortgewandte Schauspielerin werden oder aus dem Klassenclown ein Schriftsteller. Nichts ist in Stein gemeisselt. Darum können Stempel stigmatisieren und gehören abgestempelt. Impliziert man einem Kind ständig, es sei halt kein Hirsch in Mathe, wird es dies irgendwann glauben, verinnerlichen und bleibt im Kreis der ein-geweih-ten Nicht-Hirsche.

Ich bin ich und du bist du

Eine Kinderpsychologin hat mir einmal einen simplen, aber wunderbaren Ratschlag gegeben: «Wenn Sie sich wieder einmal über eine Macke Ihres Kindes ärgern, tun Sie mal so, als ob Ihr Kind gar nicht zu Ihnen gehört und Sie es nur gerade hüten würden. Wetten, die insgeheim kritisierte Charaktereigenschaft verschwindet dadurch auf wundersame Weise oder ist zumindest nicht mehr so schlimm?» Also, Abstand nehmen. Blickwinkel ändern.

Ich bin ich und du bist du. Hilft immer. Unsere Kinder sind nicht unsere Abziehbilder. Und wenn die Kinder so ganz andere Eigenschaften haben als man selber? Gut so! Wir dürfen ruhig auch den Spiess umdrehen, von unseren Kindern lernen, dadurch reifen und uns ständig weiterentwickeln.

Misserfolg? Weiter so!

Niemand hat sein Kind bei Amazon bestellt, sondern es ist naturgereift wie ein echter Schweizer Käse und glücklicherweise so unvollkommen wie wir alle. Zum Schluss noch ein Statement von Remo Largo: «Sie sollten sich stets sagen, unser Kind ist nicht auf die Welt gekommen, um unsere Erwartungen zu erfüllen, sondern um zu jenem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Dies zu ermöglichen, liegt in unserer Verantwortung.»

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