Endlich wieder Neujahrsvorsätze

Wer regelmässig mit seinen Vorsätzen scheitert, verwechselt wahrscheinlich das Ziel mit dem Weg dorthin. So geht es richtig.

Vorsätze, die um fünf vor zwölf an der Silvesterparty entstehen, sind meist wenig erfolgreich. Foto: iStock

Einer meiner Lieblingsschriftsteller, Oscar Wilde, zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass er zu praktisch allen Lebenslagen und Themen einen passenden Aphorismus parat hatte. Zum Thema Vorsätze sagte er beispielsweise: «Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, in wissenschaftliche Gesetze einzugreifen. Ihr Ursprung ist pure Eitelkeit. Ihr Resultat ist gleich null.»

Nun ja, ich mag ihn wirklich gern, aber das bedeutet ja nicht, dass wir unbedingt einer Meinung sein müssen. Hier also meine eher unpopuläre Meinung zu dem Thema: Ich liebe gute Vorsätze. Ganz besonders Neujahrsvorsätze. Unpopulär ist diese Meinung deshalb, weil rund um den Jahreswechsel routiniert zahllose Texte darüber erscheinen, wie nutzlos, doof und überhaupt wenig wertschätzend gegenüber sich selbst diese ganzen Neujahrsvorsätze seien. Weniger Stress, abnehmen, am Esstisch nicht mehr rumbrüllen, abnehmen, mehr Zeit für die Familie und abnehmen natürlich – das scheint nicht so wirklich zu funktionieren.

Auf Vorsätze zu verzichten, ist auch ein Vorsatz

Kaum hat man gute Vorsätze gefasst, fallen sie auch schon wieder in sich zusammen. Weil das Alltagsleben sie überrollt, man ein Gewohnheitstier ist und Abnehmen sowieso vollkommen überschätzt. Den Vorsatz, im neuen Jahr weniger Stress zu haben, münzen also nicht wenige darin um, sich vorzunehmen, dieses Mal zu Silvester komplett auf gute Vorsätze zu verzichten. Was schon deshalb interessant ist, weil es auch eine Art Vorsatz darstellt. Der Vorsatz, sich keine Vorsätze mehr zu machen, deutet an, was die Psychologie schon länger weiss: Ein Vorsatz, oder auch Implementierungsintention genannt, ist alles andere als nutzlos.

Im Gegenteil: Das Herausbilden eines spezifischen Vorsatzes erhöht die Wahrscheinlichkeit, ihn wirklich in die Tat umzusetzen, beträchtlich. Wohlgemerkt eines Vorsatzes. Die meisten verwechseln Vorsatz und Zielsetzung und verkürzen die konkrete Planung auf eine verschlagwortete Zielsetzung. Das sind wir traditionell so gewohnt, ich habe das weiter oben genauso gehandhabt: Abnehmen, gesund bleiben, Stressreduzierung. Das sind keine guten Vorsätze, sondern hehre Ziele.

Für den Motivationspsychologen Peter Gollwitzer zeichnet sich ein Vorsatz durch die nähere Bestimmung von Ort, Zeit sowie Art und Weise der Handlung aus. Das bedeutet aber nicht Wohnzimmer, Mitternacht und mit einem Glas Sekt in der Hand. Sondern eher: «Wenn mich die Krankenkasse über eine Vorsorgeuntersuchung der Kinder informiert, werde ich das zum Anlass nehmen, mich auch um eine Vorsorgeuntersuchung für mich zu kümmern, damit ich 2020 gesund bleibe.»

Neues Jahr, neuer Start

Vorsätze scheitern also nicht nur an uns, sondern vor allem daran, dass sie gar keine Vorsätze sind. Und wenn sie es denn sind: Was sollte gegen sie sprechen? Ich mag gute Vorsätze, weil sie planerisch sind. Weil man sich Zeit nimmt, um eine kurze Vision davon zu entwerfen, was man tun möchte, worauf man Lust hätte und wem man begegnen will. Das, was sie und ich als Reiseplanung kennen, hat also wesentlich mehr den Charakter eines Vorsatzes als der Ausspruch «Ich will nächstes Jahr nach Kanada».

Und ich mag gute Vorsätze zu Silvester, weil ich da endlich mal Zeit habe. Das Arbeitsjahr liegt hinter einem, das neue lungert noch vor der Tür rum und wird, wenn man Glück hat, noch nicht reingelassen. Das ist ein guter Zeitpunkt, um sich zu überlegen, was man im nächsten Jahr machen will und wie man es umzusetzen gedenkt. Also nicht nur «Ich will Marathon laufen», sondern «Ich werde versuchen, jede Woche zwei- bis dreimal zu laufen und mir Laufpartner suchen, damit ich das durchhalte. Am Ende soll eine Marathonteilnahme stehen.»

Darüber hinaus macht es kalendarisch Sinn. Neues Jahr, neuer Start, mal sehen, was so möglich ist. Mir gefällt das, weil wir uns zu dieser Gelegenheit die Zeit nehmen können, Versionen von uns zu entwickeln, die wir mögen. Begegnungen, die wir schätzen. Ereignisse, die uns berühren. Die unvorhersehbare Realität schlägt sowieso schon früh genug zu. Aber davon für einen Moment Abstand zu nehmen, um ein paar neue Kapitel für das Fortlaufen der eigenen Geschichte zu planen, stellt einen Wert an sich dar. Ob Sie sie dann wirklich schreiben, ist eine andere Sache.