SUV-Scham? Nicht bei uns!

Alle reden vom Klimaschutz. Doch das hält viele Eltern nicht davon ab, ihre Kinder mit dem Offroader zur Schule bringen.

«Papi bringt dich»: Schulen halten Eltern an, ihre Kinder nicht mit dem Auto zum Unterricht zu bringen. Foto: iStock

Hinter uns bremst ein ziemlich grosses Auto ziemlich abrupt. Ich bin mit dem Kleinen auf dem Weg zum Kindergarten und dreh mich um. Ein Mädchen hechtet grade noch aufs Trottoir. Der Mann im Gefährt, Modell XXL (das Gefährt, nicht der Mann), öffnet das Fenster. Verstehen kann ich nichts, doch wäre eine Sprechblase aufgeploppt, sie hätte Ausrufezeichen, Totenköpfe und dampfende Kackhäufchen enthalten. Schon geht die Scheibe wieder hoch und der zwei Meter breite Wagen rollt, mit einem Kind im Fond, auf dem nur knapp breiteren Strässchen in Richtung Schulhaus.

Es war ein SUV. Seit der Stopp-Offroader-Initiative der Jungen Grünen vor über zehn Jahren, nun in Zeiten der Klimakrise sowieso, schaffen sie es kaum mehr aus den Medien: Sport Utility Vehicles, zu Deutsch: Sportnutzfahrzeuge. Oder salopp: grosse CO2-Schleudern, sicher für Insassen, gefährlich für alle anderen.

Gefährlich für die anderen

Natürlich greift diese Alltagsdefinition zu kurz. Mir ist klar: Die Sache ist komplexer. Nicht immer sind die Rollen in Sachen CO2-Ausstoss ganz so eindeutig verteilt, wie ein Vergleich zwischen SUV und anderen Autos zeigt. Auch gibt es unterschiedliche Forschungsergebnisse dazu, ob ein SUV für Fussgängerinnen und Fussgänger gefährlicher ist als ein normal grosser PW.

Unbestritten ist aber, dass es der normale PW ist, der bei einem Unfall mit einem SUV, nun, unter die Räder kommt. Und selbst wenn der Benzinverbrauch je nach SUV-Modell variiert, ist gemäss ETH-Mobilitätsexperte Peter de Haan überschlagsmässig von 25 Prozent Mehrverbrauch auszugehen. Nicht zu übersehen zudem: Die Dinger brauchen Platz!

Schon deshalb lässt sich fragen: Was suchen sie vor dem Schulhaus? Zumal es schweizweit wohl kaum eine Schulleitung gibt, die nicht jedes Jahr Zettel mit eindringlich formulierten Begründungen verteilt, warum Kinder nicht chauffiert werden sollten. Die Argumentation ist so hieb- wie stichfest: Kämen alle motorisiert, sähe es um 8 Uhr morgens vor dem Pausenplatz aus wie Downtown Bangkok zur Hauptverkehrszeit. Und es gäbe ähnlich viele Unfälle, dafür weniger soziale Kontakte.

Abwägen, ein gutes Stichwort

Das betrifft, wohlgemerkt, auch Kleinstwagen. Dennoch steigt die Dringlichkeit der folgenden Frage proportional zur Grösse des Autos: Was machen Offroader-Eltern eigentlich mit diesen Zetteln? Den Kühlergrill des Range Rovers polieren?

Klar, als Eltern weiss man auch, dass Zucker ungesund ist. Dennoch behilft man sich in der Not ab und an eines Schleckstengels. Ein paar Abstriche vom Ideal sind nötig, um das System Familie irgendwie sinnvoll am Laufen zu halten. Auf das Thema Schulweg angewendet heisst das: Natürlich ist es effizienter, das Kind auf dem Weg zur Arbeit gleich im Auto mitzunehmen. Eltern, die ihre Kinder noch begleiten, müssen also täglich abwägen zwischen dem Ideal der CO2-armen Langzeitbeobachtung von Häuschenschnecken am Wegesrand und dem dringlichen Ruf der kapitalistischen Logik.

Doch Abwägen ist ein gutes Stichwort: Wenn die Fahrt schon gemacht wird, liesse sich nicht auch prüfen, ob Grösse, Verbrauch und mögliche Gefahren des Gefährts (auch für andere) mit dem Verwendungszweck in einem sinnvollen Verhältnis stehen? Dies scheint nicht zu passieren. Denn bei aller Kritik am SUV: Der Trend zum Supersize-Vehikel ist ungebrochen.

Jeder dritte Neuwagen ein SUV

Weltweit sei der Marktanteil von 2014 bis 2018 von 22 auf 36 Prozent gestiegen. Auch übertragen auf die Schweiz verlaufe die Entwicklung ähnlich. Und schätzungsweise jeder dritte Neuwagen, der heute gekauft werde, sei ein SUV. Das wäre ja verständlich, wenn man wüsste: All diese Leute holen verletzte Kühe von der hochalpinen Weide. Greifen einem Paketkurier unter die Arme. Oder forsten Wälder auf im Morast. Meist wirken sie aber doch eher, als verbrächten sie den Tag nach dem Kinderbringen und einer überschaubaren Fahrt auf Asphalt im Büro. Oder führen nach einem Stopp beim Bäcker wieder heim …

Wenn der Boom anhält, wie Experten glauben, heulen doch bald längst nicht nur Motoren auf. Klimapolitik ist gefragt, unbedingt. Und bis sie greift? Brauchen wir die SUV-Scham? Schämen mag ein problematisches Konzept sein. Aber, eben: Abwägen … Vor dem Kauf und vor der Fahrt nach- und nicht nur an den eigenen Komfort denken, sondern auch an die Umwelt, den knappen Platz, nicht nur vor Schulhäusern, auch in Städten, und an die Sicherheit, auch der anderen … Das hätte was!

Wir sahen dem Wagen noch nach, dann fragte ich das verdatterte Mädchen, ob alles okay sei. Gut möglich, dass sie die Strasse unachtsam überquert hatte. Aber sie war etwa sechs, höchstens sieben. Auf meine Frage nickte sie nur und lief wortlos weiter, während sich vorn an der Kreuzung schon das nächste Ungetüm einfädelte.